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05.05.2015

11:47 Uhr

Kommentar zur EU-Wirtschaftsprognose

Morgendämmerung für die Krisenstaaten

VonHans Christian Müller-Dröge

Bei den Sorgenkindern der EU ist die Stimmung gut. Die Richtung stimmt – nach oben. Die Wachstumsprognose der EU-Kommission zeigt: Das Ende der Euro-Krise ist nah. Wäre da nicht ein großes Problem.

Die Wirtschaft in den Krisenstaaten wächst. Doch überwunden ist die Krise noch nicht. dpa

Morgenstimmung in der EU

Die Wirtschaft in den Krisenstaaten wächst. Doch überwunden ist die Krise noch nicht.

BerlinIn der Wirtschaft ist die Stimmung gut. Nicht so sehr in Deutschland, und schon gar nicht in Frankreich, Österreich oder Finnland. Nein, am besten sind die Stimmungsindikatoren in jenen Ländern, die bis vor kurzem noch die Sorgenkinder der Euro-Zone waren. In Spanien sind die Optimisten unter den Managern und Konsumenten klar in der Mehrzahl, wie die Umfragen der EU zeigen. Ähnlich ist es in Portugal und Irland. Und selbst in Italien glauben die Wirtschaftsakteure, dass es bald aufwärts geht – mit ihren Geschäften und mit dem Land.

Genau dieses Bild bestätigt auch die neue Prognose der EU-Kommission: Die Brüsseler Ökonomen haben ihre Prognosen für die ehemaligen Problemkinder angehoben, im Fall von Spanien sogar deutlich – von 1,7 Prozent Wachstum in 2015 auf satte 2,8. Und das zurückgekehrte Wachstum ist deutlich gesünder als es vor der Finanzkrise war: Der Außenhandel ist im Gleichgewicht, die Exporte entwickeln sich gut, die Arbeitslosigkeit sinkt.

Der Redakteur des Handelsblatts ist Experte für Konjunktur.

Hans-Christian Müller-Dröge

Der Redakteur des Handelsblatts ist Experte für Konjunktur.

Natürlich darf man sich nichts vormachen: Mit Ausnahme von Irland, das mit Wachstumsraten von knapp fünf Prozent im letzten und voraussichtlich knapp vier Prozent in diesem Jahr so schnell aufgeholt hat, dass der durchschnittliche Ire inzwischen wieder weit mehr Geld hat als der durchschnittliche Deutsche, haben alle Länder noch immer viel Boden gutzumachen.

Selbst wenn das Jahr 2015 gut läuft, hinken die Länder noch immer alter Stärke hinterher: So hatten Portugal und Spanien schon vor zehn Jahren eine höhere Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung als derzeit. Und die Italiener waren sogar im letzten Jahrtausend schon mal besser dran.

Doch die Dynamik stimmt, und das ist erst mal das Wichtigste. Die Wirtschaftshistoriker werden sich noch lange darüber streiten, ob man die Krisen der vergangenen Jahre mit weniger Wohlstandsverlusten hätte beenden können. Doch aktuell geht es darum, dass die Richtung stimmt – und das tut sie. Die ganze Euro-Zone soll in diesem Jahr um eineinhalb Prozent wachsen. Nach drei mauen Jahren ist das mehr als ordentlich – und auch mehr als bisher erwartet.

Chronologie: Griechenland in der Schuldenkrise

März 2010

Das Parlament in Athen verabschiedet ein Sparprogramm. Bis 2013 will die Regierung im Haushalt 30 Milliarden Euro einsparen. Steuererhöhungen etwa auf Alkohol, Tabak, Benzin oder Luxusgüter sowie das Einfrieren der Renten sollen den Haushalt entlasten. Zudem wird für alle, die 2009 mehr als 100 000 Euro verdient haben, eine einprozentige Luxussteuer fällig. Massenproteste folgen. Die Euro-Länder sagen ein erstes Hilfspaket unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu, das im ersten Jahr ein Volumen von 45 Milliarden Euro haben soll.

April - Mai 2010

Griechenland beantragt offiziell ein Hilfsprogramm. Die Eurogruppe beschließt Notkredite in Höhe von 110 Milliarden Euro und verlangt im Gegenzug einen harten Sparkurs.

Oktober 2011

Nach einem EU-Doppelgipfel steht ein zweites Rettungspaket: Griechenlands private Gläubiger sollen freiwillig einem Schuldenschnitt von 50 Prozent zustimmen. Zudem soll es Kredithilfen von 100 Milliarden Euro geben und Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird.

Februar - März 2012

Das griechische Parlament stimmt einem Sparpaket über 14 Milliarden Euro zu, das auf Druck der internationalen Geldgeber mehrfach verschärft wird. Die Einschnitte sehen unter anderem kräftige Lohnkürzungen im Privatsektor sowie Entlassungen von 150 000 Staatsbediensteten bis 2015 vor.

November 2012

Athen billigt ein neues Sparpaket in Höhe von 13,5 Milliarden Euro als Voraussetzung für weitere Hilfen aus dem Ausland.

Juli 2013

Um eine Kredittranche von 6,8 Milliarden Euro zu erhalten, stimmt das Parlament in Athen weiteren Sparmaßnahmen zu. Es sieht unter anderem die Entlassung von 15 000 Staatsbediensteten vor. Bei Weiteren 25 000 Beamten werde die Einkommen gekürzt.

März 2014

Nach langen Verhandlungen Griechenlands mit den internationalen Geldgebern der Troika aus EU, IWF und EZB geben die Euro-Finanzminister neue Hilfen von insgesamt mehr als 8,3 Milliarden Euro frei. Das Geld solle in drei Raten ausgezahlt werden.

Januar 2015

Die Linkspartei Syriza unter Alexis Tsipras gewinnt die Parlamentswahl. Seine Popularität verdankt er der Ablehnung des vereinbarten Sparkurses.

Februar 2015

Finanzminister Gianis Varoufakis beantragt weitere Unterstützung. Im dritten Anlauf einigen sich die Euro-Finanzminister grundsätzlich auf eine Verlängerung der Finanzhilfen.

März 2015

Athen legt eine Liste mit Reformen vor, die pro Jahr drei Milliarden Euro einbringen sollen. Es geht vor allem um den Kampf gegen Steuerhinterziehung. Die internationalen Geldgeber halten die Liste für unzureichend und verlangen Nachbesserungen. Ein drittes Rettungspaket ist im Gespräch.

April 2015

Griechenlands stellvertretender Finanzminister Dimitris Mardas wehrt sich gegen Spekulationen, wonach eine Zahlungsunfähigkeit unmittelbar bevorsteht. Demnach kann sein Land am 9. April die Rate an den Weltwährungsfonds (IWF) überweisen.

April 2015 (2)

Vor einem Moskau-Besuch des Ministerpräsidenten weist Varoufakis Gerüchte zurück, Griechenland könnte Kredite außerhalb der EU wie etwa in Russland oder China aufnehmen.

Und man könnte beinahe das endgültige Ende der Euro-Krise ausrufen, wenn da nicht Griechenland wäre. Für Hellas gilt all das nicht, was für die ehemaligen anderen Krisenländer heute gilt. Von den ursprünglich für dieses Jahr angesetzten knapp drei Prozent Wachstum ist in der neuen Prognose gerade noch ein halbes Prozent geblieben. Und auch das ist wohl eher ein Hoffnungswert.

Schließlich ist der Verbleib im Euro alles andere als klar.

Die Frage aller Fragen lautet: Können die anderen Peripherie-Staaten, kann die ganze Euro-Zone weitere griechische Turbulenzen ohne größere Blessuren verkraften? Die harten Zahlen deuten auf ein Ja: Wenn der griechische Außenhandel weiter einbrechen sollte, wird das im Rest Europas kaum zu spüren sein. Und auch die Banken sind dort heute mit weit weniger Milliarden engagiert als früher. Doch Wirtschaft ist auch Psychologie: Ob die Optimisten weiter Optimisten bleiben, wenn es in Griechenland knallt, kann niemand wissen.

Immerhin: Bisher sieht es so aus, als sei die Zuversicht robust.

Kommentare (14)

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Herr Fred Meisenkaiser

05.05.2015, 12:04 Uhr

Da wird es Zeit für die nächste Krise, um die Lohnspirale nach unten wieder zu beschleunigen.

Herr Vittorio Queri

05.05.2015, 12:07 Uhr

>> Das Ende der Euro-Krise ist nah. >>

Wir stehen kurz vor dem Kollaps.

Herr Heinz Keizer

05.05.2015, 12:16 Uhr

es geht aufwärts, sprach der Spatz, als die Katze ihn die Treppe raufschleppte. Durch verschiedene Ursachen (niedriger Eurokurs, niedriger Ölpreis) läuft derzeit die Konjunktur in Euroland relativ gut. Es bestehen aber nicht nur in Griechenland enorme Strukturprobleme. Diese sind z.B. weder in Italien noch Frankreich gelöst, noch gehen die Politiker dort diese Problemlösung wirklich an. Deutschland hat unter der jetzigen Goko genau die falschen Gesetze beschlossen. Das wird uns in einigen Jahren noch richtig weh tun. Auch die unkontrollierte Einwanderung wird uns zu schaffen machen. Wie es dann in den Euroländern aussieht, bleibt abzuwarten. Dazu kommt noch die völlig verfehlte EZB-Politik. Eher als einen allgemeinen Aufschwung sehe ich ein Ende des Euros kommen. Das Ende der Eurokrise ist keineswegs nah.

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