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27.08.2015

20:06 Uhr

Kommentar zur Flüchtlingstragödie in Österreich

Null Toleranz für Schlepper

VonHans-Peter Siebenhaar

Dutzende tote Flüchtlinge in einem Lastwagen – ein grausiger Leichenfund erschüttert Österreich. Skrupellose Menschenhändler sind für diese Tragödie verantwortlich. Für Schlepper darf es Null Toleranz geben.

Tragödie in Österreich

Dutzende tote Flüchtlinge in LKW gefunden

Tragödie in Österreich: Dutzende tote Flüchtlinge in LKW gefunden

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Österreich ist im Schockzustand. Dutzende toter Flüchtlinge in einem Lastwagen, abgestellt auf einem Autobahn-Parkplatz unweit des Urlaubsparadieses Neusiedler See trifft die Alpenrepublik bis ins Mark. Die entsetzliche Flüchtlingstragöde führt vor Augen: Nicht nur das Elend, sondern auch der Tod kommen immer näher. Bislang schien das grausame Spiel der Schlepperbanden weit weg – irgendwo im Mittelmeer, zwischen Nordafrika und Süditalien. Das hat sich mit dem grausigen Leichenfund, eine gute halbe Stunde von Wien, geändert.

Noch ist die Zahl der Toten nicht bekannt. Von den Verbrechern fehlt jede Spur. Doch eines ist klar: Die grausame Tat wird die Diskussion um die Flüchtlinge grundlegend verändern. Die Nachricht, die am Donnerstag wie ein Blitz auf der Balkan-Konferenz in der österreichischen Hauptstadt, an der auch Kanzlerin Angela Merkel teilnahm, einschlug, löste Entsetzen bei den Regierungschefs aus. Sichtlich betroffen erinnerte der österreichische Bundeskanzler an das Recht auf Asyl für Menschen, die vor Krieg und Gewalt in ihrer Heimat fliehen müssen.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.

Der Autor

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.

Doch statt ihr Leben zu retten, haben die Flüchtlinge durch Schlepper ihren Tod gefunden. Es ist bezeichnend, dass auf der Balkan-Konferenz in Wien keine verschärften Maßnahmen gegen die Menschenhändler vereinbart wurden. Überhaupt spielte das Thema der Schlepperei bei der Suche nach Lösungen des Flüchtlingsproblems bislang nur eine bescheidene Nebenrolle. Das ist ein Riesenfehler.

Gerade auf dem Balkan hat sich ein lukrativer Menschenhandel mit den Migranten aus Syrien, Irak oder Afghanistan entwickelt. Wie mörderisch dieses „Geschäft“ ist, demonstriert der grausige Fund der vielen Leichen in Österreich nahe der ungarischen Grenze auf dramatische Weise.

Schlepperei hat sich zu einem Wirtschaftszweig in Südosteuropa entwickelt. Allein in Kosovo sollen Schlepper nach Angaben von Insidern in Pristina im vergangenen Winter mit Flüchtlingen einen Umsatz von rund 100 Millionen Euro erzielt haben. Das kleine Balkan-Land ist dabei nicht einmal eine Ausnahme. Auch in anderen Staaten blüht das organisierte Verbrechen mit den Migranten. Es ist kein Zufall, dass es bei der Flüchtlingstragödie in Österreich um einen Kühl-Lkw eines Rumänen mit ungarischen Kennzeichen und slowakischer Herkunft handelt. Verbrecher ziehen ihre Fäden über Ländergrenzen hinweg.

Schleuser und ihr Geschäft mit den Flüchtlingen

Wo sind besonders viele Schleuser unterwegs?

Von den türkischen Hafenstädten wie Izmir setzen Zehntausende Flüchtlinge auf die in Blickweite liegenden griechischen Inseln mit klapprigen Booten oder Schlauchbooten über. Für die oft nur eineinhalbstündige Passage müssen pro Person wenigstens 1000, nicht selten 1500 Dollar an Schleuser gezahlt werden. Schlepper lassen sich auch den illegalen Grenzübertritt zwischen Mazedonien und Serbien fürstlich bezahlen. Die Reise nach Nordserbien und die Überquerung der ungarischen Grenze ist ebenfalls teuer. Österreich und das bayrische Grenzgebiet um Passau sind weitere Dreh- und Angelpunkte.

Wie groß ist das Heer der Schlepper?

Da Flüchtlinge und Schlepper eisern schweigen, gibt es keine gesicherten Zahlen. In Österreich saßen am 1. Juli 198 Schleuser in Haft. Einen Monat später waren es schon 298, berichtete die österreichische Nachrichtenagentur APA am Donnerstag unter Berufung auf das Justizministerium. In Bayern flogen im ersten Halbjahr 1300 Fälle auf. Das war schätzungsweise die Hälfte aller einschlägigen kriminellen Taten bundesweit. Im Passauer Untersuchungsgefängnis fehlt bereits Platz: Die Zahl der U-Häftlinge übersteigt die Zahl der Haftplätze um fast das Fünffache.

Wer profitiert noch vom Flüchtlingselend?

Wahrscheinlich sind die erwischten Schleuser nur die Spitze des Eisberges, weil die meisten Machenschaften unentdeckt bleiben. Vor allem in den Balkanländern ist Korruption weit verbreitet, so dass Behörden nicht selten gemeinsame Sache mit den Kriminellen machen. Zwei Belgrader Polizisten wurden festgenommen, weil sie zwei Syrern mit vorgehaltener Dienstwaffe 2050 Euro abgenommen hatten.

Welche Strafen müssen Schleuser fürchten?

In Serbien wurden Hunderte Taxis beschlagnahmt, weil deren Besitzer nicht registrierte Flüchtlinge illegal in Richtung Ungarn transportiert hatten. In Österreich müssen Schlepper mit Gefängnis bis zu zwei Jahren rechnen.

Wenden Schlepper auch Gewalt an?

Ja, zum Beispiel in den beiden mazedonischen Dörfern Vaksince und Lojane in Sichtweite zur Grenze mit Serbien. Dort hatten im Drogen- und Waffenschmuggel erfahrende organisierte Banden Hunderte Flüchtlinge eingekerkert und sie erst gegen hohe „Lösegelder“ wieder freigelassen. Mitte Juni befreite die Polizei, die hier sonst wenig zu sagen hat, in einer Aktion mit dem Codenamen „Ali Baba“ 128 festgehaltene Flüchtlinge.

Die Toten von Österreich sind eine Verpflichtung, gemeinsam in Europa gegen das organisierte Verbrechen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vorzugehen. Das heißt konkret, dass die EU die Balkan-Staaten noch viel stärker verpflichten muss, gegen die organisierte Kriminalität im eigenen Land vorzugehen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Sicherheitskräfte in manchen EU-Beitrittskandidatenländern in Südosteuropa beim Menschenhandel nicht so genau hinsehen. Dafür darf es Null Toleranz geben. Das sind wir den toten Flüchtlingen von Österreich schuldig.

Flüchtlinge sterben im Kühllaster: Vor der Haustür

Flüchtlinge sterben im Kühllaster

Vor der Haustür

Ein Lastwagen mit dem Schriftzug einer Hühnerfleischfirma steht am Straßenrand bei Wien. Im Laderaum finden entsetzte Polizisten bis zu 50 tote Menschen: Flüchtlinge. Die Tragödie ist vor der Haustür angekommen.

Kommentare (15)

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Herr meine Meinung

27.08.2015, 20:18 Uhr

Nulltoleranz für das, Nulltoleranz für das Andere. Ich habe aber keine Nulltoleranz mehr dafür dass unsere Politiker nur über die Konsequenzen dieser Tragödie reden und absolut nichts bzgl. den Ursachen tun. Wie lange sollen wir noch für dumm verkauft werden ?

Account gelöscht!

27.08.2015, 20:20 Uhr

Jetzt jammern Sie hier mal nicht so herum, Herr Medienkommissar!

Die Toten sind das Ergebnis der gewollten Grenzöffnung Europas für die bekannte Armutseinwanderung, die sich gerade in eine neue Völkerwanderung verwandelt.

Das Ergebnis der Gutmenschenpolitik ist geradezu zwangsläufig ein größtmöglicher Schaden für die Meisten. Sie werden also lernen müssen, solche LKW-Funde auszuhalten!

Herr Peter Spiegel

27.08.2015, 20:28 Uhr

Das sind wir den toten Flüchtlingen von Österreich schuldig."
Wir sind überhaupt nicht schuldig, die Verantwortlichen sitzen in der Regierung und die sind schuld.
Wir haben diese Leute nicht gewählt und 33 haben wie sie auch nicht gewählt, also hören Sie auf von wir zu scheiben. Das ist unerhört und glauben Sie nicht, daß das wieder funktioniert.

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