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14.04.2017

10:46 Uhr

Konferenz in Moskau

Russlands unklare Strategie in Afghanistan

Vor fast 30 Jahren musst die Sowjetunion geschlagen aus Afghanistan abziehen - jetzt wird Russland wieder aktiv. Eine große Afghanistan-Konferenz in Moskau steht an. Wird Russland jetzt der neue starke Partner?

Die Zukunft Afghanistans ist von ausländischen Mächten abhängig. AP

Szene in Kabul

Die Zukunft Afghanistans ist von ausländischen Mächten abhängig.

Moskau/KabulOb beim russischen Militärchef oder beim Außenminister – für Hanif Atmar, einen hohen Berater des afghanischen Präsidenten, stehen in Moskau viele Türen offen. Russland ist besorgt über die Entwicklungen im kriegszerrissenen Afghanistan. Auffallend häufig schütteln sich Politiker aus beiden Ländern in letzter Zeit die Hand, während Afghanistans große Schutzmacht USA und die Nato sich militärisch schon 2014 weitgehend zurückgezogen haben. Löst Russland nun die USA als neuer starker Partner in Afghanistan ab?

Mit einer großen Afghanistankonferenz will Russland an diesem Freitag seinen Einfluss auf die Entwicklungen am Hindukusch festigen. Es ist schon das zweite Treffen in diesem Jahr. Experten aus zehn Staaten werden diesmal in Moskau erwartet, um über die wachsende Unsicherheit in Afghanistan und den Friedensprozess mit den radikalislamischen Taliban zu beraten. Großmächte wie Russland und China sitzen am Tisch, und sogar zerstrittene Nachbarn wie Indien und Pakistan sowie die fünf Ex-Sowjetrepubliken aus Zentralasien sind dabei.

25 Jahre danach: Was wurde aus den einzelnen Sowjetrepubliken?

15 neue Staaten

Der Zerfall der Sowjetunion 1991 hat 15 neue Staaten hervorgebracht. Ihre Schicksale in einem Vierteljahrhundert Unabhängigkeit sind sehr verschieden gewesen. Der Traum von Frieden und Wohlstand blieb für viele unerfüllt. Die Länder im Überblick.

Russland

Größtes Nachfolgeland, Atommacht, Energie-Exporteur. Verhinderte in zwei Kriegen die Abspaltung von Tschetschenien. Unter Präsident Wladimir Putin zunehmend autoritär. Steckt in der Krise, versucht aber, weltpolitisch wieder eine größere Rolle zu spielen.

Westen der Sowjetunion – Estland, Lettland und Litauen

Die kleinen baltischen Staaten stellten rasch auf Demokratie und Marktwirtschaft um. Seit 2004 Mitglieder in Nato und EU.

Weißrussland

Stabile Friedhofsruhe bei erträglichem Lebensstandard. Dauerherrscher Alexander Lukaschenko ist Russlands bester Freund und hält doch Abstand.

Ukraine

Zweitgrößtes Land Europas, großes Wirtschaftspotenzial, aber 25 Jahre lang unter seinen Möglichkeiten regiert. Zweimal Aufbegehren der Zivilgesellschaft: Orange Revolution 2004/5, Euromaidan 2013/14. Russland nahm 2014 die Krim weg und führt verdeckt Krieg im Osten.

Moldau

Ethnisch vorwiegend rumänisch. Verlor 1992 den russischsprachigen Landstreifen Transnistrien. Der eingefrorene Konflikt lähmt das arme Land politisch und wirtschaftlich.

Kaukasus – Georgien

Verlor nach 1992 Kriege gegen Separatisten in Abchasien und Südossetien. 2008 Niederlage gegen Russland. Hat sich zuletzt durch energische Reformen modernisiert.

Aserbaidschan

Ölreichtum am Kaspischen Meer kommt Präsidenten-Clan Aliyev zugute - erst dem Vater, nun dem Sohn. Ein Fünftel des Landes von Karabach-Armeniern besetzt.

Armenien

Sieg im Krieg um Berg-Karabach 1992-94 nützt nichts. Eingeklemmt zwischen Feinden Aserbaidschan und Türkei, nur die Schutzmacht Russland hilft.

Zentralasien – Kasachstan

Neuntgrößtes Land der Erde, lebt von Öl und Gas. Stabil, hat nie einen anderen Präsidenten gekannt als Nursultan Nasarbajew (76). Wer wird ihm nachfolgen?

Turkmenistan

Wüstenstaat, einer der größten Gasproduzenten der Welt. Fast so abgeschottet und diktatorisch wie Nordkorea.

Usbekistan

Herz der historischen Seidenstraße. Dauerherrscher Islam Karimow ließ 2005 hunderte Bürger in Stadt Andischan erschießen.

Kirgistan

Hochgebirgsland, arm, immer wieder von Unruhen erschüttert. Aber einzig halbwegs demokratisches Land der Region.

Tadschikistan

War das Armenhaus der Sowjetunion und bleibt es auch. 1992-97 Bürgerkrieg mit Zehntausenden Toten. Heute bedroht durch Islamismus aus dem benachbarten Afghanistan.

Quelle: dpa

Nur die USA haben abgesagt. Die Beziehungen zwischen Russland und den USA sind gespannt. Manche beschwören schon eine Neuauflage des sogenannten Great Game – des Großen Spiels. So wurde ein historischer Konflikt zwischen Russland und Großbritannien um die Kontrolle Zentralasiens bezeichnet. Zwischen 1813 und 1947 hatten die Großmächte ihren Zank oft auf afghanischem Boden ausgetragen. Später wurde der Begriff wieder aufgewärmt, zum Beispiel während des US-gestützten Kampfs der Afghanen gegen die Sowjetunion in den 1980er Jahren.

Nachdem die UdSSR 1979 in Afghanistan einmarschiert war, entbrannte ein verlustreicher Krieg. Er endete 1989 mit dem Rückzug der Sowjet-Armee, geschlagen von den Mudschaheddin – afghanischen Kriegern, die Pakistan ausgebildet hatte mit viel Geld aus den USA. Afghanistan gilt seitdem als Trauma für die russische Militärelite.

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Die Afghanistanpolitik war lange zurückhaltend. Was bewegt Russland also dazu, sich nun doch wieder stärker zu engagieren? Zum einen sei da der massive Drogenschmuggel aus Afghanistan, dem weltgrößten Produzenten von Opium, nach Zentralasien, sagen Experten. Das Milliardengeschäft weitet sich mit dem Krieg nur weiter aus. Im „Opium-Überblick 2016“ der UN heißt es, die Schlafmohn-Anbauflächen seien innerhalb eines Jahres um zehn Prozent gewachsen. Ein großer Teil des Rauschgifts landet in Russland.

Russlands Hauptmotiv aber sei Ruhe in seinem Hinterhof, sagen Politiker. In Afghanistan gebe es eine ernste Terrorgefahr und es grenze an zentralasiatische Partnerländer, sagt der Außenpolitiker und Duma-Abgeordnete Leonid Kalaschnikow. „Deswegen ist eine Zusammenarbeit mit Kabul auf allen Ebenen sehr wichtig.“

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