Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.11.2012

18:36 Uhr

Konflikt entschärft

EU legt Emissionsabgabe vorerst auf Eis

Monatelang wurde mit harten Bandagen um die Emissionsabgabe für Fluggesellschaften gekämpft. Jetzt ist die EU-Kommission eingeknickt und legt die Abgabe für Langstreckenverbindungen ein Jahr lang auf Eis.

Für Flüge aus Übersee soll die Abgabe vorerst entfallen. ap

Für Flüge aus Übersee soll die Abgabe vorerst entfallen.

BrüsselNach massivem Druck aus der Wirtschaft stoppt die EU die umstrittene Klimaschutzabgabe für Fluggesellschaften vorerst für ein Jahr. Der Erwerb von CO2-Verschmutzungsrechten für Flüge von und nach Europa solle ausgesetzt werden, um in internationalen Verhandlungen eine globale Lösung zu erreichen, sagte EU-Klimaschutzkommissarin Connie Hedegaard am Montag in Brüssel. Sollte die internationale Luftfahrtorganisation ICAO bis November nächsten Jahres keine Regelung finden, werde die EU-Abgabe aber wieder eingeführt. Die EU-Staaten müssten dem Vorschlag der Kommission noch zustimmen.

Bundesumweltminister Peter Altmaier nannte die Verschiebung ein Signal der Stärke und der Vernunft. Wegen der sich abzeichnenden Bewegung in den internationalen Verhandlungen sei die Aussetzung der Abgabe gerechtfertigt. „Denn dadurch wird deutlich, dass die EU prinzipiell an ihrer Absicht festhält, aber gleichzeitig auch zu internationalen Absprachen und Aktionen in der Lage ist“, sagte der CDU-Politiker der Nachrichtenagentur Reuters. Das Wirtschaftsministerium, das das Vorgehen der Klimakommissarin ebenso wie das Verkehrsressort lange skeptisch gesehen hatte, zeigte sich erleichtert. Zwar müsse auch der Flugverkehr Beiträge zum Klimaschutz leisten. „Allerdings muss ein globales Problem auch global gelöst werden. Einseitige regionale Maßnahmen sind nicht der richtige Weg“, sagte eine Sprecherin.

Welche Airlines der Umwelt schaden

Das Atmosfair-Ranking

Einmal jährlich bewertet die Umweltorganisation Atmosfair die Umweltfreundlichkeit der größten Airlines. Dazu werden u.a. der CO2-Ausstoß der Airlines und die eingesetzten Flugzeuge gemessen. Billigflieger tauchen bisher aus methodischen Gründen nicht im Ranking auf. Welche Airlines am schlechtesten abgeschnitten haben.

Platz 10

SAS Scandinavian Airlines: 45,7 Effizienzpunkte

Harte Konkurrenz, hohe Produktionskosten und eine suboptimale Struktur mit den drei kleinen Heimatflughäfen machen die Fluggesellschaft finanziell angreifbar. Auch die Umweltbilanz fällt trübe aus.

Platz 9

Royal Jordanian: 44,7

Die königliche Airline von Jordanien gehört zur oneworld-Allianz. Insbesondere der vermehrte Einsatz von Kleinjets zieht die Airlines im Ranking auf die hinteren Plätze.

Platz 8

Air India: 43,3

Die indische Regierung musste die Fluggesellschaft im April mit 4,4 Milliarden Euro retten. Zuletzt traten die Piloten der indischen Airlines wegen schlechter Arbeitsbedingungen in einen Hungerstreik. Auch im Umweltranking gehören die Inder zu den Schlusslichtern.

Platz 7

LOT - Polish Airlines: 42,9

Die Polen steckten in den vergangenen Jahren tief in finanziellen Schwierigkeiten. Obwohl die Passagierzahlen um neun Prozent zugelegt haben, fliegt die Airlines weiter in den roten Zahlen. Auch die Umweltbilanz fällt schlecht aus.

Platz 6

Iran Air: 42,4

Der Vogel am Heck der iranischen Airlines soll der Legende nach Glück und Freude bringen. Stattdessen bringen die 49 Maschinen vor allem eins: CO2. Denn die Flotte ist mit einem Durchschnittsalter von 24,5 Jahren gnadenlos überaltet.

Platz 5

Brussels Airlines: 42,3

Die Lufthansa-Tochter ist traditionell sehr stark in Afrika engagiert. Im Umweltschutz nicht. Mit einem Flottenalter von durchschnittlich 12,8 Jahren landet die Airline auf den hinteren Plätzen.

Platz 4

Virgin Atlantic Airways: 42,0

Die Fluggesellschaft von Milliardär Richard Branson schneidet im Klimaranking schlecht ab und verpasst die Top drei der größten Sünder nur knapp.

Platz 3

Saudi Arabian Airlines: 38,0

Die saudi-arabische Airlines gehört zu den größten Fluggesellschaften im Nahen Osten. Die Araber müssen am Treibstoff nicht sparen - das schlägt auf die Klimabilanz durch.

Platz 2

Kuwait Airways: 37,2

Die 24 Flugzeugen verfügt die kuwaitische Fluggesellschaft nur über eine kleine Flotte. Doch die veralteten Maschinen verpesten die Umwelt.

Platz 1

Malaysia Airlines: 35,2 Effizienzpunkte

Die malaysische Fluggesellschaft ist der größte Umweltsünder unter den internationalen Airlines. Due Energieeffizienzklasse F erreichen sonst nur Regionalflieger.

Die Gnadenfrist gilt aber nicht ohne Einschränkungen: Auf Flügen innerhalb der EU werde der Obolus weiter fällig, erläuterte die Kommission. Zur konkreten Ausgestaltung sagte die Brüssler Behörde wenig: Unklar ist beispielsweise, ob für EU-Airlines die Abgabe bei Interkontinentalflügen auf die gesamte Strecke oder lediglich bis zur Grenze des EU-Luftraums fällig wird. Da wichtige Punkte noch offen sind, hielt sich die Lufthansa mit einer Bewertung zurück und wiederholte lediglich, dass die ICAO der beste Rahmen für eine Lösung sei. Jede Neuregelung müsse weltweit greifen, damit der Wettbewerb nicht verzerrt werde, sagte ein Lufthansa-Sprecher.

Eine Ausnahme ausschließlich für Flüge ins EU-Ausland sei nicht zielführend. "Hier wären Netzwerkcarrier wie die Lufthansa oder Air France mit ihren Drehkreuzen und Zubringerflügen innerhalb der EU stark benachteiligt", betonte er.

Lufthansa-Konkurrent Air Berlin wollte sich nicht äußern, sondern verwies auf den Luftfahrt-Lobbyverband BDL. Der bezeichnete die Verschiebung ebenfalls als inkonsequent, da sie nicht für alle Airlines gelte. „Das sei unfair“, sagte BDL-Chef Klaus-Peter Siegloch.

Anleger deckten sich daraufhin mit Airline-Aktien ein: Die im Dax gelistete Lufthansa-Aktie legte 1,1 Prozent zu, und die Papiere von Air France zogen sogar um drei Prozent an.

Der Rückzieher ist auch ein großer Erfolg für ausländische Airlines. Vor allem China, die USA, Indien und Russland haben die Beteiligung ihrer Fluggesellschaften am Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten abgelehnt, die seit Januar erworben werden müssen. China hat beim europäischen Flugzeugbauer Airbus deshalb eine Order im Wert von zwölf Milliarden Dollar auf Eis gelegt. Dem Konzern zufolge gefährdet dies bis zu 2000 Arbeitsplätze. China gehört zu den größten Kunden von Airbus wie auch von dessen US-Erzrivalen Boeing. Die europäische Luftfahrtindustrie hatte in einem gemeinsamen Brandbrief an ihre nationalen Regierungen deshalb Alarm geschlagen. In den USA ist sogar ein Gesetz auf dem Weg, dass amerikanischen Airlines die Teilnahme am CO-Handel in Europa verbietet.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×