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06.12.2013

23:19 Uhr

Konflikt

Mindestens 300 Tote bei Kämpfen in Zentralafrika

Elf Monate nach der Militäroffensive in Mali eilt Paris einer anderen Ex-Kolonie zur Hilfe: Französische Truppen sollen die Gewalt in Zentralafrika beenden. Dort kämpfen muslimische und christliche Rebellen gegeneinander.

Zentralafrika: Seit dem Staatsstreich kommt es immer wieder zu schwerer Gewalt zwischen den Bozizé nahestehenden christlichen Bürgermilizen „Anti-Balaka“ (Gegen die Macheten) und den muslimischen Seleka-Kämpfern. dpa

Zentralafrika: Seit dem Staatsstreich kommt es immer wieder zu schwerer Gewalt zwischen den Bozizé nahestehenden christlichen Bürgermilizen „Anti-Balaka“ (Gegen die Macheten) und den muslimischen Seleka-Kämpfern.

Bangui/ParisFrankreich hat einen Kampfeinsatz in der von einer humanitären Katastrophe bedrohten Zentralafrikanischen Republik gestartet. Von Paris entsandte Truppen patrouillierten bereits wenige Stunden nach dem grünen Licht des UN-Sicherheitsrates in der Hauptstadt Bangui, sagte Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian am Freitag dem Sender RFI. Bei einem französisch-afrikanischen Gipfel zum Thema Frieden und Sicherheit sollte die Lage in dem Krisenland am Freitag ebenfalls im Mittelpunkt stehen. Zu dem zweitägigen Treffen hatte Präsident François Hollande geladen.

Augenzeugen bestätigten die Patrouillen in Bangui. Die französischen Militärs seien vor allem in den Stadtteilen Gabongo und Fouh aktiv, hieß es. Erst am Donnerstag war es zu den schwersten Kämpfen seit der Machtergreifung der Rebellenallianz Seleka im vergangenen März gekommen. Mehrere Dutzend Menschen wurden getötet und zahlreiche weitere verletzt, als Anhänger des bei dem Putsch gestürzten Präsidenten François Bozizé offenbar Angriffe auf Bangui von mehreren Seiten starteten. Nach stundenlangen Gefechten konnten die Seleka-Rebellen wieder die Oberhand gewinnen.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Bei den Gefechten in der Hauptstadt sind nach Angaben des Roten Kreuzes seit Donnerstag mindestens 300 Menschen getötet worden. 281 Tote seien in den Leichenhallen und auf den Straßen Banguis gezählt worden, sagte am Freitag ein Mitarbeiter der Organisation der Nachrichtenagentur AFP. Die Helfer seien aber noch nicht in alle Stadtviertel vorgedrungen, wo nach Zeugenaussagen noch zahlreiche weitere Leichen geborgen werden müssen.

Seit dem Staatsstreich kommt es immer wieder zu schwerer Gewalt zwischen den Bozizé nahestehenden christlichen Bürgermilizen „Anti-Balaka“ (Gegen die Macheten) und den muslimischen Seleka-Kämpfern, die nun unter ihrem Anführer und Übergangspräsidenten Michel Djotodia das Land regieren. Beobachter sprachen bereits von einem drohenden religionsbedingten Völkermord.

Hollande hatte am Donnerstagabend nach der Verabschiedung der UN-Resolution 2127 angekündigt, sofort Kampftruppen nach Zentralafrika zu schicken. Frankreich sei aufgerufen, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Die ehemalige Kolonialmacht hat bereits rund 650 Soldaten in dem afrikanischen Land. Rund 1000 weitere Soldaten stehen für den Einsatz bereit. Die Soldaten sollen afrikanische Truppen bei der Stabilisierung des Landes unterstützen. Die Intervention soll vermutlich nur vier bis sechs Monate dauern.

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