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06.04.2013

03:55 Uhr

Konflikt mit USA

Nordkorea will ausländische Botschaften räumen

Pjöngjang hat wohl Raketen per Zug an die Ostküste transportiert, die theoretisch US-Inseln treffen könnten. Die USA halten einen baldigen Raketenstart für wahrscheinlich. Derweil sollen die Botschaften geräumt werden.

Nordkorea regt Abzug ausländischer Diplomaten an

Video: Nordkorea regt Abzug ausländischer Diplomaten an

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Seoul/MoskauPjöngjang heizt die Konfrontation auf der koreanischen Halbinsel weiter an. Der kommunistische Staat, der zuletzt mit einem Angriff auf den Süden und die USA sowie einem Atomschlag drohte, legte am Freitag mehreren Ländern den Abzug ihrer Diplomaten aus der Hauptstadt Pjöngjang nahe. Betroffen ist neben Russland und Großbritannien unter anderen auch Deutschland, wie die Nachrichtenagentur dpa in Berlin erfuhr.

Nordkoreas Militär verlegte eine zweite Mittelstreckenrakete an die Ostküste des Landes, wie die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtete. Bereits am Vortag hatte das südkoreanische Verteidigungsministerium mitgeteilt, dass Nordkorea eine Mittelstreckenrakete an die Ostküste verlegt habe. Die Flugkörper haben eine Reichweite von bis zu 4000 Kilometern und könnten Südkorea, Japan oder eine US-Militärbasis auf der Insel Guam im Pazifik treffen.

Nordkoreas Verbündete

China

Die Volksrepublik ist mit Abstand Nordkoreas größter Exportpartner. Nicht in den Statistiken tauchen umfangreiche Nahrungsmittel- und Energiehilfen auf. Peking hat mehr Einfluss auf Pjöngjang als jeder andere Staat. Allerdings hat auch China Nordkoreas dritten Atomtest verurteilt und den jüngsten Sanktionen des UN-Sicherheitsrats zugestimmt - das zeigt die Verärgerung über den jungen Machthaber Kim Jong Un.

Als Gastgeber organisierte Peking mehrere Runden der Sechs-Parteien-Gespräche zwischen Nordkorea, China, den USA, Südkorea, Japan und Russland. Für ein Ende des Atomwaffenprogramms standen diplomatische Zugeständnisse und Wirtschaftshilfen in Aussicht. Doch Nordkorea ließ die Verhandlungen 2009 platzen und setzt bis heute allein auf Konfrontation.

Iran

Nordkorea ist seit Jahren ein wichtiger Waffenlieferant für Teheran. Nach Angaben der Vereinten Nationen exportierte Pjöngjang auch für Atom-Sprengköpfe geeignete Raketen in den Iran. 2012 vereinbarten das Mullah-Regime und die kommunistische Diktatur eine noch engere Zusammenarbeit. Zu diesem Zweck unterzeichneten Vertreter beider Länder mehrere Kooperationsabkommen im Technologiebereich. Konkret geht es um Energie, Umwelt, Landwirtschaft und Lebensmittel, eine engere Zusammenarbeit bei der Forschung sowie um Austauschprogramme für Studenten.

Russland

Pjöngjang steht in Moskau noch aus sowjetischer Zeit mit rund elf Milliarden US-Dollar in der Kreide. Das Verhältnis der einst engen Verbündeten hat sich in den vergangenen Jahren deutlich abgekühlt. Noch im Sommer 2011 wollten der damalige Kremlchef Dmitri Medwedew und der bereits von Krankheit geschwächte nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il neuen Schwung in die Beziehungen bringen. Sie kündeten zahlreiche gemeinsame Projekte an, doch blieb es meist bei Absichtserklärungen. So scheiterte auch der Bau einer Pipeline, die russisches Erdgas über nordkoreanisches Gebiet nach Südkorea transportieren sollte.

Kuba

Nordkorea und Kuba kooperieren unter anderem in den Bereichen Energie, Landwirtschaft und Biotechnologie. Seit 1960 gibt es diplomatische Beziehungen zwischen Havanna und Pjöngjang. Auf den Tod des „Genossen Kim Jong Il“ im Dezember 2011 reagierte Kubas Regierung mit einer dreitägigen Staatstrauer.

Die USA schließen einen erneuten Raketenstart Nordkoreas nicht aus. Die Regierung verfolge Berichte über entsprechende Vorbereitungen in Nordkorea sehr genau. „Wir wären nicht überrascht, wenn wir eine solche Aktion sehen würden“, sagte Regierungssprecher Jay Carney am Freitag vor Journalisten in Washington. Ein solcher Schritt würde zur derzeitigen kriegerischen Rhetorik des kommunistischen Regimes passen.

Man arbeite eng mit China und Russland zusammen, um auf Nordkorea Einfluss zu nehmen, fügte Carney hinzu. Das kommunistische Regime solle seinen internationalen Verpflichtungen nachkommen. Nordkorea droht den USA seit Tagen mit einem Atomschlag.

Großbritannien, Russland und Rumänien erklärten, Nordkorea habe vor Gefahren für das Botschaftspersonal beider Länder in Pjöngjang gewarnt. Eine Aufforderung zur Evakuierung der Vertretung habe es aber nicht gegeben, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in London. Es gebe auch keine entsprechenden Pläne. Die Warnung bezeichnete er als „Teil der derzeitigen Rhetorik Nordkoreas“. Die USA zeigten sich weiterhin gelassen. „Das ist nur eine eskalierende Serie rhetorischer Stellungnahmen“, sagte Viktoria Nuland, Sprecherin des States Departments am Freitag. Sie fügte allerdings hinzu: „Die Frage ist, mit welchem Ende.“

Die Londoner Regierung berichtete von einer Warnung, dass Nordkorea „im Falle eines Konflikts nach dem 10. April“ nicht in der Lage sei, Botschaften und internationale Organisationen zu schützen. Die Bedeutung dieses Datums blieb zunächst unklar. Beobachter schließen nicht aus, dass das kommunistische Regime anlässlich der Feierlichkeiten zum 101. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung am 15. April die Raketen abschießen könnte, dem Großvater des heutigen Machthabers Kim Jong Un.

Nach Angaben des Presseattachés der russischen Botschaft in Pjöngjang, Denis Samssonow, empfahl das nordkoreanische Außenministerium den Russen den Abzug ihrer Diplomaten und Mitarbeiter. Russlands Außenminister Sergej Lawrow zeigte sich besorgt. „Wir klären gerade die Einzelheiten, dann treffen wir eine Entscheidung.“

Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte eine solche Warnung zunächst nicht. Offiziell hieß es: „Die Sicherheit und Arbeitsmöglichkeit unserer Botschaft in Pjöngjang wird angesichts der Eskalation laufend überprüft.“ Linken-Vorstandsmitglied Wolfgang Gehrcke plädierte dafür, die Botschaft in Pjöngjang nicht zu räumen und diplomatische Kanäle offen zu halten.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) ließ am Freitag Nordkoreas Botschafter in Berlin einbestellen. Dem Diplomaten sei „in deutlichen Worten die sehr große Sorge der Bundesregierung angesichts der von Nordkorea zu verantwortenden Eskalation“ vermittelt worden, sagte Ministeriumssprecher Andreas Peschke. Das jüngste Vorgehen der Führung in Pjöngjang sei „im Ton und in der Sache in keiner Weise akzeptabel“.

Das rumänische Außenministerium berichtete, dass die nordkoreanische Regierung die Evakuierung aller Botschaften in Pjöngjang empfohlen habe. Nach Aussage einer Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton stehen die Botschaften der EU-Staaten in Nordkorea in ständigem Kontakt miteinander, um möglichst einheitlich auf die Bedrohung zu reagieren. Von den 27 EU-Mitgliedern sind aktuell nur sieben in Pjöngjang mit Botschaftern vertreten.

UN-Generalsekretär Ban hatte Nordkorea zuvor zu einem Kurswechsel aufgerufen. „Atomwaffen sind kein Spielzeug“, betonte der Südkoreaner am Donnerstag. Es bestehe die Gefahr, dass der Konflikt außer Kontrolle gerate. „Ich bin besorgt, denn jeder Kalkulationsfehler und jede Fehleinschätzung können in der jetzigen Lage auf der koreanischen Halbinsel eine Krise auslösen, die äußerst schwerwiegende Folgen hätte.“

Deutsche Elektroimporte aus Südkorea (2012)

121 Millionen Euro

Medizintechnik

215 Millionen Euro

Automation

274 Millionen Euro

Informationstechnik

570 Millionen Euro

Kommunikationstechnik

784 Millionen Euro

Elektronische Bauelemente

849 Millionen Euro

Unterhaltungselektronik

Quelle: ZVEI, Destatis

Rückendeckung für Nordkorea gab es aus dem Iran, der ebenfalls wegen seiner Atomprogramme unter internationalem Druck steht. Der südostasiatische Staat habe angesichts der „kriegstreiberischen Politik“ der USA keine andere Wahl, als sich zu wehren, zitierte die Nachrichtenagentur Fars am Freitag den Vize-Chef des iranischen Militärs, Massoud Jazayeri.

Eine Entspannung ist auch in dem von Nord- und Südkorea gemeinsam betriebenen Industriepark Kaesong nicht in Sicht. Die Führung in Pjöngjang verweigert seit Mittwoch sowohl südkoreanischen Pendlern als auch Lieferanten die Einreise. Wegen eines Feiertages in Nordkorea erschienen die 53 000 nordkoreanischen Mitarbeiter am Freitag ohnehin nicht zur Arbeit in den 123 Unternehmen.

Unterdessen bekannten sich Aktivisten der Hacker-Bewegung Anonymous zu Angriffen auf nordkoreanische Internet-Angebote. Als eigene „Demonstration der Macht“ schrieben sie an Diktator Kim Jong Un gerichtet: „Wir sind in euren Intranets. Wir sind in euren Mail-Servern. Wir sind in euren Web-Servern.“

Die Lage auf der koreanischen Halbinsel gilt seit dem dritten Atomtest in Nordkorea im Februar als extrem gespannt. Pjöngjang hatte als Reaktion auf die Ausweitung von UN-Sanktionen und südkoreanisch- amerikanische Militärmanöver den Waffenstillstandsvertrag von 1953 aufgekündigt. Am Samstag rief Pjöngjang den „Kriegszustand“ im Verhältnis zu Südkorea aus. Seit den 1950er Jahren befinden sich die Nachbarn formell weiter im Krieg.

Mit längerfristigen Belastungen für die Finanzmärkte rechnet Südkoreas Vize-Finanzminister Choo Kyung Ho durch den aktuellen Konflikt. "In der Vergangenheit haben sich die Märkte schnell von den Auswirkungen durch Ereignisse im Zusammenhang mit Nordkorea erholt, aber die jüngsten Drohungen Nordkoreas sind stärker und die Folgen könnten sich deswegen nicht so schnell in Luft auflösen", sagte Choo zu Beginn eines Gesprächs mit hochrangigen Vertretern von Wirtschaftsverbänden. Ziel des Zusammentreffens war es, Maßnahmen zu diskutieren, um die Stabilität der Märkte zu gewährleisten. Choo rief dazu auf, schnell und entschlossen einzugreifen, wenn es nötig sei.

Am Freitag verlor der südkoreanische Leitindex Kospi 1,65 Prozent. Bisher haben sich die Auswirkungen des Konflikts auf der koreanischen Halbinsel auf die Finanzmärkte aber in Grenzen gehalten.

Kommentare (19)

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pendler

05.04.2013, 11:38 Uhr

ob man damit die Vogelgrippe in China beeinflussen kann?

Leo_X

05.04.2013, 15:41 Uhr

Wieso habe ich bloß das Gefühl, falls es wegen Korea tatsächlich zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt, die USA so furchtbar abgewatscht werden, dass sich das Land über Jahre hinaus nicht mehr berappeln wird?
Wieviele Koreaner sind nach dem Krieg '53 eigentlich in die USA ausgewandert? Gibts da irgendwo eine Statistik des Immigration-Office?

bjarki

05.04.2013, 16:05 Uhr

das haetten Sie wohl gerne....

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