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11.02.2005

07:34 Uhr

Konflikt um Internet-Telefonie droht

Brüssel greift deutschen Regulierer an

VonM. Scheerer und Th. Nonnast (Handelsblatt)

Der deutschen Regulierungsbehörde für Telekommunikation (RegTP) droht ein Konflikt mit der EU-Kommission über die rasant wachsende Internet-Telefonie. „Wir werden die deutsche Praxis unter wettbewerbspolitischen Aspekten kritisch analysieren“, sagte die für Telekommunikation zuständige EU-Kommissarin Viviane Reding dem Handelsblatt.

Voice-over-IP könnte dem klassischen Telefonanschluss Konkurrenz machen - wenn der Markt erwas freier wäre. Foto: dpa

Voice-over-IP könnte dem klassischen Telefonanschluss Konkurrenz machen - wenn der Markt erwas freier wäre. Foto: dpa

BRÜSSEL/FRANKFURT. Aus Kommissionskreisen verlautete, der deutsche Regulierer verfolge beim Umgang mit Internet-Telefondiensten einen „sehr konservativen Ansatz“. Keine der 25 EU-Regulierungsbehörden sei derart „restriktiv“ wie die deutsche. Behördenchef Matthias Kurth laufe Gefahr, die rasche Entwicklung der Internet-Telefonie durch zu viele Auflagen zu behindern.

Im Gegensatz zu anderen EU-Ländern wie beispielsweise Frankreich ist in Deutschland der Anschluss für eine breitbandige DSL-Datenleitung, über die Dienste wie Internet-Telefonie möglich werden, an einen Telefonanschluss gekoppelt. Zudem ist in Deutschland ein Streit über auf das Ortsnetz bezogene Rufnummern für Internet-Telefonie entbrannt.

Der Vorwurf trifft die Bonner Behörde zu einem Zeitpunkt, da Brüssel eine Richtungsentscheidung über den ordnungspolitischen Umgang mit der Web-Telefonie trifft. „Ich will offene Märkte und viel Konkurrenz“, sagte Reding. So sei die rasche Ausbreitung in Europa am besten zu fördern.

Reding kündigte an, den bestehenden europäischen Rechtsrahmen für die Telekommunikation mit seinen zahlreichen Verpflichtungen vorerst nicht auf das neue Geschäftsfeld anzuwenden. Erst 2006 müssten die bestehenden EU-Richtlinien für Telekommunikation überprüft werden. Dann könne die neue Technik, „soweit dies erforderlich sein sollte“, aufgenommen werden. Bis dahin wolle sie sich damit begnügen, „die Entwicklung der Märkte zu beobachten“.

Mit diesem Kurs orientiert sich die EU-Kommissarin an der Politik der amerikanischen Regulierungsbehörde für Telekommunikation, FCC. Deren Chef Michael Powell hatte die Internet-Telefonie auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos als „bedeutendsten Paradigmenwechsel in der elektronischen Kommunikation seit Erfindung des Telefons“ bezeichnet. Die FCC wolle in diesen neuen Markt „am liebsten gar nicht eingreifen“. Reding zieht nun nach: „Die Internet-Telefonie darf nicht mit den umfangreichen Regeln der Festnetz-Telefonie überzogen werden“, so die Kommissarin.

Redings Problem: Die 25 Mitgliedstaaten gehen ganz unterschiedlich mit dem neuen Marktsegment um. Nach Kommissionsangaben verfolgt die britische Regulierungsbehörde Ofcom den liberalen Ansatz der FCC. Andere Länder, insbesondere Deutschland, plädierten für weitreichende regulatorische Eingriffe. „Wir brauchen eine einheitliche Position“, fordert die Kommissarin. Sonst entstünden Wettbewerbsverzerrungen.

Die Dienststellen der EU-Kommissarin stoßen sich vor allem an der deutschen Praxis, DSL-Anschlüsse nur in Verbindung mit einem Telefonanschluss anzubieten. Dies führt laut Kommissionskreisen dazu, dass der Marktführer Deutsche Telekom sein Fast-Monopol bei DSL auf den Internet-Kommunikationsmarkt übertragen kann.

Auch Wettbewerber wie die United Internet AG (1&1, GMX) mit mehr als einer Million DSL-Kunden in Deutschland, fordern eine Entbündelung von Daten- und Telefonleitung: „Je schneller wir DSL entbündeln, desto rasanter wird sich die neue Technologie in Deutschland ausbreiten“, sagt United-Internet-Chef Ralph Dommermuth. Und dabei handele es sich nicht um einen Nischenmarkt. „Bis Ende des Jahres 2005 gehe ich für United Internet von rund 500 000 Internet-Telfonie-Kunden aus“, sagte Dommermuth dem Handelsblatt. Auch die Deutsche Telekom gibt nun ihre Zurückhaltung beim Thema Internet-Telefonie auf. Die Internettochter T-Online wird im ersten Halbjahr ein Angebot für Internet-Telefonie starten, kündigte Vorstandschef Kai-Uwe Ricke unlängst an.

Sorgen bereiten den EU-Wettbewerbshütern auch die deutschen Regeln der Rufnummernvergabe. Anders als die Behörden der meisten anderen EU-Staaten schreibt die RegTP vor, dass der Kunde eines Internetbetreibers an dem Ort ansässig sein muss, für den eine Ortsnetzrufnummer beantragt wird. Zwar bietet die RegTP seit kurzem für die Internet-Telefonie auch 032er-Nummern ohne geographischen Bezug an. Diese werden jedoch laut Branchenverband VATM vom Markt nicht angenommen. Reding pocht bei der Nummernvergabe auf „faire Wettbewerbsbedingungen für das neue Marktsegment“.

Telefonieren über das Internet steht in Deutschland erst am Anfang

Internet-Telefonie basiert auf einer Technologie mit dem Namen Voice over IP. Dabei werden im Gegensatz zu herkömmlichen Telefonaten gesprochene Laute über eine Software in Daten umgewandelt und anschließend als einzelne Datenpakete über das Internet verschickt. Beim Empfänger werden diese Pakete wieder zusammengesetzt und in Sprache zurückgewandelt. Da für die Übertragung eines Gesprächs die Übertragung annähernd in Echtzeit ablaufen muss, wird für eine qualitativ annehmbare Sprachqualität eine Internetverbindung mit entsprechender Bandbreite benötigt.

Die von der Deutschen Telekom und Wettbewerbern wie Arcor, 1&1, Freenet oder QSC angebotenen DSL-Anschlüsse sind mit Datenübertragungsraten von bis zu 3 MBit/s (3,14 Millionen Bit pro Sekunde) für die Übertragung von Sprache geeignet. Da über diese Anschlüsse sowohl Daten als auch Sprache transportiert werden können, rechnen Experten damit, dass sie langfristig die Telefonleitung komplett ersetzen werden.

Vor allem bei Gesprächen ins Ausland sowie Ferngesprächen liegen die Kosten für Gespräche über das Internet um ein Vielfaches niedriger als bisher. In den USA hat sich Internet-Telefonie deshalb bereits stark ausgebreitet. In Deutschland sind derzeit bereits mehr als 100 000 Internet-Telefonierer aktiv. Die Zahl dürfte 2005 rasant steigen.

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