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11.02.2017

15:43 Uhr

Konflikte auf dem Balkan

Kriegsgefahr und neue Grenzen

Im Kosovo, in Bosnien und in Serbien wird erneut Kriegsgefahr an die Wand gemalt. Wieder stehen Forderungen nach neuen Grenzen im Raum, ein eisernes Tabu-Thema für die USA und die EU. Kann das halten?

Die Beziehungen der jugoslawischen Nachfolgestaaten auf dem Balkan sind so schlecht wie seit über zwei Jahrzehnten nicht. dpa

Konflikte auf dem Balkan

Die Beziehungen der jugoslawischen Nachfolgestaaten auf dem Balkan sind so schlecht wie seit über zwei Jahrzehnten nicht.

BelgradDer frühere kroatische Staatschef Josip Josipovic sagt es ebenso wie der serbische Präsident in Bosnien, Mladen Ivanic. Die Beziehungen der jugoslawischen Nachfolgestaaten auf dem Balkan sind so schlecht wie seit über zwei Jahrzehnten nicht. In den letzten Wochen führen viele Politiker wieder die Kriegsgefahr im Munde. Serbiens Staatsoberhaupt Tomislav Nikolic will im Falle eines Falles selbst an der Spitze der Armee ins Kosovo einmarschieren, weil dort die Albaner angeblich Krieg gegen die serbische Minderheit planen.

Und weil überall in diesen südosteuropäischen Staaten die nationalen Minderheiten unzufrieden sind, machen wieder Gedankenspiele über Grenzänderungen die Runde. Elektrisiert hat alle ein Artikel in der US-Fachzeitschrift Foreign Affairs Ende des vergangenen Jahres. Der frühere britische Diplomat Timothy Less erklärt darin die Politik Washingtons und der EU zur Aussöhnung und Aufrechterhaltung von multiethnischen Staaten für gescheitert. Nur Grenzänderungen könnten sonst unausweichliche neue bewaffnete Konflikte verhindern.

Offene Grenzfragen in sieben Staaten

Slowenien und Kroatien

Die EU-Mitglieder Slowenien und Kroatien streiten sich in der Bucht in Piran in Istrien an der nördlichen Adria um den Grenzverlauf. Ein internationales Schiedsgericht ist im letzten Jahr geplatzt.

Kroatien und Serbien

Kroatien und Serbien liegen an der Donau über Kreuz. Spaßvögel haben auf umstrittenen Landfetzen den „Liberland“-Scheinstaat gegründet.

Serben in Bosnien-Herzegowina

Die Serben in Bosnien-Herzegowina wollen ihre Landeshälfte abtrennen und der „Mutterrepublik“ Serbien angliedern.

Bosnier in Kroatien

Die bosnischen Kroaten streben einen weitgehend selbstständigen Landesteil an, der sich langfristig mit der benachbarten „Mutterrepublik“ Kroatien vereinigen soll.

Kroatien und Montenegro

Kroatien und der EU-Kandidat Montenegro liegen im Streit um die Halbinsel Prevlaka am Eingang der Bucht von Kotor an der südlichen Adria.

Albaner in Serbien

Knapp 100.000 Albaner in Südserbien wollen sich dem Kosovo anschließen. 50.000 Serben in Nordkosovo suchen immer engere Verbindungen mit Serbien.

Serben in Montenegro

Rund die Hälfte der 620.000 Einwohner des Ministaates Montenegro sind Serben und wollen sich dem großen Nachbarn anschließen.

Albanien

Die sogenannte ungelöste albanische Frage: Albaner wohnen in der Republik Albanien, im Kosovo, in Mazedonien, Serbien und in Montenegro.

Schützenhilfe kommt vom einstigen französischen Geheimdienstler Pierre-Henri Bunel, der die Probleme in der Region als „typisches Beispiel eingefrorener Konflikte“ bezeichnet. Im Belgrader Magazin „Nedeljnik“ kam der frühere Balkanexperte der CIA, Steven Meyer, zu Wort. Er schlug einen Gebietsaustausch vor, um das bisher für unbeherrschbar gehaltene Kosovo-Problem zu lösen. Der Norden mit seiner lokalen serbischen Mehrheit solle sich der Republik Serbien anschließen, die serbische Minderheit im übrigen Kosovo solle mit UN-Hilfe umziehen dürfen. Im Gegenzug müsse Serbien die Unabhängigkeit seiner früheren Provinz anerkennen.

In diesem Fall will der Albanerführer in Südserbien, Jonuz Musliju, die Region um Presevo und Bujanovac, wo seine Landsleute regional die Mehrheit bilden, an das benachbarte Kosovo anschließen. Diese Gedankenspiele beflügeln auch Politiker in der Republik Albanien. Der früher langjährige Regierungschef Sali Berisha verlangte im Parlament in Tirana dann die Vereinigung Kosovos mit der „Mutterrepublik“ Albanien.

Flüchtlinge in Serbien: In der Sackgasse

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Stiefeltritte, Hundebisse, Pfefferspray: In Ungarn erwartet Flüchtlinge eine miese Behandlung. Doch es zieht Tausende auf dem Weg nach Westeuropa dorthin. Aber Serbien verhindert den Marsch. Die Migranten stecken fest.

Während der Gebietstausch rund ums Kosovo theoretisch machbar erscheint, sind die Probleme in Bosnien-Herzegowina deutlich komplizierter. Hier streben die Serben in ihrer heute schon fast selbstständigen Landeshälfte seit Jahren nach einer Trennung vom Gesamtstaat, in dem die muslimischen Bosniaken die knappe Mehrheit besitzen. Die katholischen Kroaten, mit etwa 15 Prozent die kleinste Bevölkerungsgruppe, sind schon heute mehr mit dem jüngsten EU-Mitglied Kroatien als mit der bosnischen Hauptstadt Sarajevo verbunden.

Es gibt nur wenige Stimmen wie den früheren serbischen Reformpolitiker Zarko Korac, die vor neuer Grenzziehung warnen. Angesichts der sozialen Misere und der massenhaften Auswanderung der jungen und gut ausgebildeten Leute, formulierte er in der jüngsten Ausgabe des Nachrichtenmagazins NIN diesen Appell: „Willst Du Krieg führen (für ein Großserbien) und sterben oder die bestehenden Grenzen akzeptieren und dafür kämpfen, dass Serbien doch irgendwann einmal ein Ort für das Leben wird?“.

Von

dpa

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