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10.08.2014

18:57 Uhr

Konflikte im Irak

Kurden fordern Unterstützung im Kampf gegen humanitäre Katastrophe

Die USA und die Kurden im Irak stemmen sich mit aller Kraft gegen die Terroristen der IS. Trotz erster Erfolge bleibt die Lage kritisch: Beobachter fürchten ein Massensterben unter den Jesiden, die vor IS geflohen sind.

Krieg im Nordirak: Flüchtlinge retten sich aus dem Sindschar-Gebirge. ap

Krieg im Nordirak: Flüchtlinge retten sich aus dem Sindschar-Gebirge.

ErbilUnterstützt von US-Luftangriffen haben kurdische Kämpfer im Irak ihre Gegenangriffe auf die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verstärkt. Die Autonomieregion Kurdistan im Nordirak bat die Welt um Waffenlieferungen. In Bagdad dauerte der Machtkampf der rivalisierenden politischen Blöcke weiter an. Dagegen gelang es den Kurden nach Angaben der „Washington Post“ und „New York Times“ , die Extremisten aus den wichtigen nördlichen Grenzstädten Al Kwair und Machmur nahe Erbil zu vertreiben. Die Zeitungen beriefen sich dabei auf kurdische Beamte.

„Es ist den Luftschlägen zu verdanken, dass wir zu Fortschritten fähig gewesen sind“, zitierte die „Washington Post“ Mahmud Hadschi, einen Beamten aus dem kurdischen Innenministerium. Nach Angaben des US-Zentralkommandos in Tampa (Florida) hatten Kampfjets und Drohnen am Sonntag insgesamt fünf erfolgreiche Luftschläge ausgeführt, „um kurdische Truppen nahe Erbil zu verteidigen“.

„Wir bitten unsere Freunde, uns zu unterstützen und die notwendigen Waffen zur Verfügung zu stellen, um diese terroristischen Gruppen zu besiegen“, zitiert das kurdische Nachrichtenportal Rudaw Kurdenpräsidenten Massud Barsani am Sonntag in Erbil. Barsani betonte, dass die Verbündeten nicht für die Kurden kämpfen müssten. „Wir werden unseren eigenen Krieg führen.“

Der einflussreiche republikanische US-Senator John McCain unterstützte die Forderung der Kurden. In einem Interview des Senders CNN forderte er außerdem Luftangriffe auf die IS-Terrormiliz nicht nur im Irak, sondern auch in Syrien. US-Präsident Barack Obama warf er vor, ein „Vakuum amerikanischer Führerschaft“ verursacht und damit zu der schlechten Entwicklung in der Region beigetragen zu haben.

Jesiden – die verfolgte Minderheit

Verbreitung

Die größte Gemeinde gibt es im Irak, nach Angaben der Minderheit leben dort 600.000 Jesiden. Andere Schätzungen gehen von 100.000 aus. In Deutschland lebt die größte Exilgemeinde, hier gehen die Jesiden von 45.000 bis 60.000 Religionsangehörigen aus. In Syrien, der Türkei, Armenien und Georgien leben ebenfalls mehrere tausend Jesiden. Eine offizielle Zählung gibt es nicht.

Ursprung

Als Jeside wird man geboren, konvertieren kann man zu dem Glauben nicht. Die Jesiden-Tradition untersagt Hochzeiten mit Nicht-Jesiden sowie außerhalb der Kaste. Normalerweise geht mit einer Mischhochzeit daher der Austritt aus dem Glauben einher.

Glaube

Der jesidische Glaube ist eine monotheistische Religion und enstand vor über 4000 Jahren in Mesopotamien. Der Glaube beruht teilweise auf dem altpersischen Kult des Zoroastrismus, im Laufe der Zeit kamen auch islamische und christliche Elemente dazu.

Religion

Die meisten Jesiden sind arme Bauern und Hirten. Jesiden beten der Sonne zugewandt zu ihrem Gott und verehren seine sieben Engel. Der wichtigste ist Melek Taus, auch Engel Pfau genannt. Eine feste religiöse Schrift haben die Jesiden nicht, ihre Religion orientiert sich an mündlichen Überlieferungen. Die Jesiden glauben an Seelenwanderung und Wiedergeburt.

Verfolgung

Viele strenggläubige Muslime und vor allem auch Islamisten sehen im Engel Pfau eine dämonische Figur und betrachten die Jesiden daher als „Teufelsanbeter“. Auch andere Vorgaben wie zum Beispiel das Verbot, Kopfsalat zu essen oder die Farbe Blau zu tragen, werden von anderen Religionen als satanisch missinterpretiert. Als nichtarabische und nichtmuslimische Iraker wurden die Jesiden schon unter Saddam Hussein im Irak verfolgt und vertrieben. Im August 2007 wurden zwei jesidische Dörfer im Nordirak beinahe vollständig zerstört. Mehr als 400 Jesiden starben. Es war der blutigste Angriff auf die Minderheit seit der US-geführten Invasion im Irak im Jahr 2003.

Im Irak hatte sich die Lage nach dem Vormarsch der IS-Extremisten in Gebieten nördlich und westlich der Stadt Mossul - wo zahlreiche Vertreter religiöser Minderheiten leben - vor einer Woche verschärft. Nach UN-Angaben sind dort allein seit dem vergangenen Montag rund 200.000 Menschen vor den vordringenden IS-Kämpfern geflohen. Die meisten stammten aus christlichen und jesidischen Dörfern und hatten seit der Flucht tagelang ohne Wasser und Lebensmittel im Sindschar-Gebirge ausgeharrt. Die IS-Extremisten wollen einen Gottesstaat im Irak und in Syrien errichten und bezeichnen die religiöse Minderheit der Jesiden als Teufelsanbeter.

Vornehmlich jesidische Familien waren noch am Sonntag bei Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius in dem Gebirge eingeschlossen. Die UN-Mission im Irak schätzte deren Zahl am Samstag auf bis zu 55.000. Seit Freitag gibt es aber auch Rettungseinsätze. Demnach haben mindestens 20.000 im Sindschar-Gebirge im Irak festsitzende Flüchtlinge die Region verlassen und sich in Sicherheit bringen können. Das teilten Vertreter der autonomen kurdischen Regierung in der Region am Sonntag mit. Ein Vertreter der autonomen Kurdenregierung sagte, etwa 30.000 Flüchtlinge seien von kurdischen Kämpfern zurück in den Irak eskortiert worden. Die jesidische Parlamentsabgeordnete Wian Dachil bezifferte die Zahl der Geretteten mit 20.000 bis 30.000. Am Freitag konnten Peschmerga-Soldaten ebenfalls 10.000 Angehörige dieser monotheistischen Minderheit durch einen solchen Korridor retten.

Die Flüchtlinge hätten von Massakern berichtet, sagte Menschenrechtsminister Mohammed Schia al-Sudani der Nachrichtenagentur Reuters. Mindestens 500 Angehörige der religiösen Minderheit seien getötet worden. Einige seien in Massengräbern in und um die Stadt Sindschar lebendig begraben worden. Darunter seien auch Frauen und Kinder gewesen. Etwa 300 Frauen seien zudem verschleppt und versklavt worden.

Die USA hatten am Freitag erstmals Stellungen der IS im Nordirak angegriffen. Präsident Barack Obama hatte gezielte Luftangriffe auf die Dschihadisten angeordnet, um US-Einrichtungen in der Stadt Erbil zu schützen und einen „möglichen Völkermord“ an den Jesiden zu verhindern. Nun setzten die USA die Luftangriffe am Sonntag mit Kampfjets und Drohnen fort und flogen nach Angaben des Zentralkommandos in Florida fünf erfolgreiche Operationen, „um kurdische Truppen nahe Erbil zu verteidigen“. In der Stadt halten sich auch US-Diplomaten und andere amerikanische Staatsbürger auf.

Kommentare (1)

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Herr Günther Schemutat

11.08.2014, 08:41 Uhr

Man fragt sich wo ist eigentlich unser Gauck und die anderen Politiker einschliesslich Merkel. Super Gauck müsste doch schon lange einen militärischen Einsatz von BW Soldaten fordern gegen die Isis. Denn die liefern einen Völkermord von schlimmsten. Aber natürlich müsste man dann gegen den eigenen Verbündeten Türkei vorgehen, der die ISIS mit Ruhezonen und Deutschen Waffen unterstützt.

Auch die Kurden kann weder Gauck noch Merkel noch ein anderer unterstützen, schliesslich steht Merkel an der Seite der Türkei gegen Kurdische Freiheitskämpfer, die heute allein gegen die ISIS kämpfen.

Es ist wieder furchtbar Deutscher zu sein und zu sehen wie nach Erdogan Vorbild über die KÖpfe der Bürger schlimmste Politik gemacht wird.

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