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15.11.2012

11:39 Uhr

Konjunktur

Euro-Zone rutscht in Rezession

Das Bruttoinlandsprodukt der 17 Mitgliedsstaaten sank zwischen Juli und September um 0,1 Prozent im Vergleich zum Frühjahr, teilte das Statistikamt Eurostat am Donnerstag mit. Es ist das zweite Minus-Quartal in Folge.

Die Wirtschaftsprognosen für die kommenden Monate fallen finster aus. dpa

Die Wirtschaftsprognosen für die kommenden Monate fallen finster aus.

BrüsselTrotz Wachstums in Deutschland und Frankreich ist die Euro-Zone in die Rezession gerutscht. Das Bruttoinlandsprodukt der 17 Mitgliedsstaaten sank zwischen Juli und September um 0,1 Prozent im Vergleich zum Frühjahr, wie das Statistikamt Eurostat am Donnerstag in Brüssel mitteilte. Bereits im Frühjahr war die Wirtschaft um 0,2 Prozent geschrumpft. Bei zwei Minus-Quartalen in Folge sprechen Fachleute von einer Rezession. Schuld daran ist die schlechte wirtschaftliche Lage in den südeuropäischen Krisenländern. In Spanien betrug das Minus im dritten Vierteljahr 0,3 Prozent, in Portugal 0,8 Prozent. Auch Italiens Wirtschaftsleistung sank um 0,2 Prozent. Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas setzte sich mit einem Plus von 0,2 Prozent positiv ab.

Wie das deutsche Statistikamt mitteilte, stieg das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal 2012 gegenüber dem Vorquartal preis-, saison- und kalenderbereinigt nur noch um 0,2 Prozent. Fazit: Der deutschen Konjunkturlokomotive geht nach einem überraschend rasanten Jahresstart allmählich die Puste aus. Im ersten Vierteljahr war die Wirtschaft in Deutschland noch um 0,5 Prozent gewachsen, im zweiten Vierteljahr um 0,3 Prozent. 2011 war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 3,0 Prozent gestiegen. Allerdings schlug sich die deutsche Wirtschaft etwas besser als von Ökonomen erwartet ab. Bankvolkswirte hatten im Schnitt nur mit einem Mini-Plus von 0,1 Prozent gerechnet.

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Für das Schlussquartal deutet sich aus Sicht von Ökonomen eine merkliche Eintrübung der Konjunktur an. „Die aktuelle Datenlage lässt nicht erwarten, dass die Konjunktur im vierten Quartal spürbar anziehen wird. Insbesondere die Daten aus dem Industriesektor geben derzeit keinen Anlass zu Optimismus“, kommentierte Bernd Hartmann von der VP Bank die Zahlen.

Positive Impulse kamen im dritten Quartal von den Exporten sowie den privaten und staatlichen Konsumausgaben. Außerdem wurde mehr in Bauten investiert. Hingegen gingen die Investitionen in Ausrüstungen wie Maschinen und Fahrzeuge gegenüber dem Vorquartal erneut zurück.

Die deutsche Wirtschaft leide offensichtlich an der Unsicherheit, die von der Staatsschuldenkrise ausgeht, kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Dafür spricht, dass die Unternehmen ihre Investitionen seit der Jahreswende senken und dies auch im dritten Quartal getan haben, obwohl die Exporte in der Tendenz weiter gestiegen sind.“

Was für und gegen eine Rezession in Deutschland spricht

Dafür: Exporte

Bislang haben sich die Exporteure wacker geschlagen. Um mehr als vier Prozent haben sie ihren Auslandsumsatz in den ersten neun Monaten gesteigert, die Umsatzgrenze von einer Billion Euro dürfte das zweite Jahr in Folge geknackt werden. Doch die Tendenz zeigt deutlich nach unten: Im September fielen die Ausfuhren um 3,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat - das war das erste Minus seit Anfang 2010 und zugleich das stärkste seit November 2009. Grund: Die Nachfrage aus den Euro-Ländern - wohin etwa 40 Prozent der Waren "Made in Germany" gehen - bricht wegen der Rezession in Italien, Spanien & Co ein. Sie fiel um 9,1 Prozent. Besserung ist nicht in Sicht. Die Industrieaufträge aus der Euro-Zone sanken zuletzt um 9,6 Prozent. Und die EU-Kommission sagt wichtigen Handelspartnern wie Italien und Spanien auch für 2013 eine Rezession voraus. "Außenwirtschaftliche Impulse dürften in den kommenden Monaten ausbleiben", befürchtet das Bundeswirtschaftsministerium. "Das nächste Jahr wird zäh", sagt der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier.

Dafür: Investitionen

Wegen der ungewissen Aussichten - nicht zuletzt im Exportgeschäft - investieren viele Unternehmen weniger. Seit Ende 2011 gehen ihre Investitionen in Maschinen, Anlagen und Geräte von Quartal zu Quartal zurück. "Das ist gewöhnlich ein Vorbote für eine Rezession", sagt der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn. Die Investitionen dürften in diesem Jahr um 3,3 Prozent schrumpfen, sagen die Wirtschaftsweisen in ihrem Gutachten für die Bundesregierung voraus. 2013 rechnen sie nicht mit einer echten Erholung, sondern nur mit einem Mini-Wachstum von 0,2 Prozent. 2011 sah das noch ganz anders aus: Damals zogen die Ausrüstungsinvestitionen um 7,0 Prozent an und verhalfen der Wirtschaft zu einem kräftigen Wachstum von 3,0 Prozent. "Die Unternehmen warten ab, wie sich die Schuldenkrise weiter entwickelt", sagt DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle.

Dagegen: Konsum

Das einstige Sorgenkind hat sich zur großen Stütze der deutschen Wirtschaft entwickelt. Wegen der niedrigen Arbeitslosigkeit und steigender Reallöhne sitzt das Geld bei den deutschen Verbrauchern wieder lockerer. Die Chancen stehen gut, dass dies auch so bleibt. Denn alle Experten sagen einen stabilen Arbeitsmarkt voraus. Die Wirtschaftsweisen rechnen für 2013 sogar mit einem Beschäftigungsrekord. Zudem sollen die Bruttolöhne mit 3,2 Prozent fast genauso schnell steigen wie im zu Ende gehenden Jahr mit 3,7 Prozent. Entlastet werden viele Deutsche zudem von der Senkung des Beitragssatzes zur gesetzlichen Krankenversicherung, der von 19,6 auf 18,9 Prozent fällt. Zusätzlich entfallen die zehn Euro Praxisgebühr pro Quartal. "Es ist aus heutiger Sicht unwahrscheinlich, dass der Konsum in den kommenden Monaten nachgibt", sagt der Präsident des Einzelhandelsverbandes HDE, Josef Sanktjohanser.

Dagegen: Bauboom

Stabiler Arbeitsmarkt gepaart mit extrem niedrigen Zinsen - diese Mischung sorgt seit vielen Monaten für einen Boom des Wohnungsbaus in Deutschland. Und der dürfte sich fortsetzen. "Die Konjunktur wird weiterhin dadurch unterstützt, dass der Wohnungsbau von den günstigen Finanzierungsbedingungen, dem Mangel an Alternativanlagen und der gestiegenen Verunsicherung profitiert", ist sich die Bundesbank sicher. Das strahlt auf viele Bereiche ab - vom Handwerk über baunahe Dienstleister bis hin zu Baumärkten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet, dass die Branche nach der Stagnation in diesem Jahr um fünf Prozent wachsen wird - auch weil die Kommunen angesichts rekordhoher Steuereinnahmen wieder mehr investieren dürften.

Auch die zweitgrößte Euro-Volkswirtschaft Frankreich wuchs im dritten Quartal leicht – was die Experten allerdings überraschte. Von Juli bis September erhöhte sich das BIP zum Vorquartal um 0,2 Prozent, wie die französische Statistikbehörde Insee in Paris auf Basis vorläufiger Zahlen mitteilte. Volkswirte hatten im Schnitt mit einer Stagnation gerechnet.

Die rezessionsgeplagte italienische Wirtschaft ist zuletzt weniger stark geschrumpft als erwartet. Im dritten Quartal 2012 sei das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,2 Prozent zum Vorquartal gesunken, teilte die italienische Statistikbehörde Istat am Donnerstag laut einer ersten Schätzung mit. Experten hatten mit einem stärkeren Rückgang um 0,5 Prozent gerechnet. Dennoch befindet sich die Wirtschaft Italiens seit nunmehr fünf Quartalen in einem dauerhaften Abschwung. Im Jahresvergleich fiel das BIP von Juli bis September um 2,4 Prozent zurück. Analysten hatten ein Minus von 2,9 Prozent erwartet.

Kommentare (9)

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whisky

15.11.2012, 11:49 Uhr

Das sind halt die bekannten Folgen der Austeritätspolitik.
IWF: Senkung der Staatsausgaben um 1 Prozentpunkt = Sinken des Bruttoinlandsprodukts zwischen 0,9 und 1,7 Prozentpunkte (nicht wie bisher vom IWF angenommen 0,5).
Ist auch logisch. Staatsausgaben sind hauptsächlich Personalkosten. Auch bei Fremdvergabe. Z. B. im Straßenbau. Wenn die Menschen, die das Geld sofort wieder ausgeben (müssen), weniger bekommen, geht die Binnennachfrage halt zurück.

Account gelöscht!

15.11.2012, 12:08 Uhr

Fehlen da nicht die Daten eines
weiteren Süd-Staates der
Europäischen Union?

Na?

Fakten

15.11.2012, 12:13 Uhr

Wofür haben wir eigentlich Politiker? Diese Rezession war doch vorauszusehen. Wenn viele Länder sich kaputtsparen müssen, wenn die Bürger immer weniger Geld in der Tasche haben, wenn das Vertrauen in die Politik weiter schwindet, wenn die Bürger mit immer höheren Kosten und Abgaben ausgezehrt werden, wenn somit die Binnennachfrage im Wirtschaftskreislauf rapide abstürzt: muss man sich da wundern, wenn es rückwärts geht? Die wirklichen Folgen kommen erst noch. Leider übernehmen Politiker und Zockerbanken keine Verantwortung, geschweige sie handeln bürgernah. Die Karre steckt tief im Dreck, und die Bürger wenden sich ab, denn auch Deutschland hat aus der Krise keineswegs eine Lehre gezogen.

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