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11.09.2013

16:06 Uhr

Konjunktur

Frankreich senkt Wachstumsprognose

Schlechte Nachrichten für Frankreich: Die Regierung hat ihre Wachstumsprognose gesenkt – und rechnet mit einem höheren Haushaltsdefizit. Die Neuverschuldung wird die Vier-Prozent-Marke knacken, schätzen Experten.

Müssen sich weiter um die heimische Wirtschaftskraft sorgen: Frankreichs Präsident Francois Hollande (r.) und sein Finanzminister Pierre Moscovici. ap

Müssen sich weiter um die heimische Wirtschaftskraft sorgen: Frankreichs Präsident Francois Hollande (r.) und sein Finanzminister Pierre Moscovici.

ParisFrankreich kappt seine Wachstumsprognose für 2014 und braucht deswegen länger, um das Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen. Die Wirtschaft werde im nächsten Jahr nur um voraussichtlich 0,9 Prozent wachsen, sagte Finanzminister Pierre Moscovici am Mittwoch. Noch im April hatte die Regierung ein Plus von 1,2 Prozent in Aussicht gestellt. Das Staatsdefizit wird nun auch im kommenden Jahr mit 3,6 Prozent über der Maastricht-Grenze von drei Prozent liegen. Eigentlich sollte es auf 2,9 Prozent sinken.

Vorerst sind keine Wachstumsimpulse in Sicht: Auch für 2013 erwartet die Regierung nur ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent. Das Defizit wird schätzungsweise bei 4,1 Prozent liegen, ebenfalls höher als gedacht. Die jüngsten Zahlen bestätigen, dass Frankreich die zwei Jahre Schonfrist wohl auch ausnutzen wird, welche die EU dem Land im Gegenzug für Reformen eingeräumt hatte. Die Wirtschaft des zweitgrößten Euro-Landes hat sich zuletzt zwar aus der Rezession befreit und im Frühjahr überraschend stark an Schwung gewonnen. Doch gerade die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit ist eine große Belastung.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Auch das schuldengeplagte Portugal rechnet nicht damit, seine Sparziele zu schaffen, und dringt deswegen bei seinen internationalen Geldgebern auf eine Lockerung. Kommendes Jahr solle das Defizitziel auf 4,5 Prozent von derzeit vier Prozent angehoben werden, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Paulo Portas.

Die Regierung in Lissabon und die Troika aus EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds hätten unterschiedliche Standpunkte hinsichtlich des Defizits. Portas hatte vergangene Woche Gespräche mit den Geldgebern in Brüssel, Frankfurt und Washington geführt. Vom kommenden Montag an wollen die Experten der Troika die Reformfortschritte des Landes überprüfen.

Von

rtr

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

11.09.2013, 14:06 Uhr

"Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf", wußte schon Honecker. Und schon wieder bekommen wir eine Bestätigung: Ochs und Esel denken gar nicht daran!

Account gelöscht!

11.09.2013, 14:30 Uhr

Man stelle sich mal vor, die "Rettung" des Euros gelänge, und er würde wirklich eine starke Währung. Frankreich hat schon mit diesem lausigen Euro keine Chance in der Eurozone. Mit einem starken Euro hätten die meisten Probleme. Der Euro muss also zu einer Drittweltweichwährung verkommen, damit die Portugiesen, Italiener, Franzosen, Spanier, etc. mit Hilfe der deutschen (und anderen nordeuropäischen) Transfers in der Eurozone überleben können. Ein sozialistisches Währungsexperiment allergrößten Ausmaßes. Und der Brüderle trommelt weiterhin für den Euro und muß sich fragen, warum die liberalen Deutschen die FDP nicht mehr wählen wollen...

allesegal

11.09.2013, 14:36 Uhr

ja, ja, Europa ist wie ein Großbauprojekt (siehe Großflughafen o.ä.)! Am Anfang setzt man einen Kostenrahmen fest und hinterher wird nachjustiert...und je weiter das Projekt läuft (unabhängig davon ob man auch dem Ziel näher kommt)um so teurer wird es. Dann wird der Punkt des "no Return" erreicht und eine end-
gültige Fertigstellung kann nur noch nebulös beantwortet werden...aber da wir nun schon mal sind wo wir sind, können wir nicht mehr kehrt machen. ...warum auch, erlaubt ist, was gefällt und urteilen mag niemand, weil er dann sein eigener Scharfrichter wäre...

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