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09.06.2011

16:49 Uhr

Konjunktur

Kein Grund zur Schadenfreude in Europa

VonJosef Joffe

Die US-Konjunkturlokomotive rollt rückwärts. Aber außer den Deutschen geht es dem müden Europa nicht besser. Die Schulden drücken, das Wachstum ist mau.

Josef Joffe ist Mitherausgeber der "Zeit"

Josef Joffe ist Mitherausgeber der "Zeit"

BerlinRein oder nicht rein?" So lautet die Schicksalsfrage, die Hamlet im dritten Jahr der Krise stellen würde. Rutscht die US-Wirtschaft in eine neue Rezession, oder stolpert sie nur? Hamlet - alias Alan Greenspan, der Ex-Chef der Fed - liefert die Antwort mit dazu: "Ich weiß es nicht."

Die Momentaufnahme sieht düster aus. Blutlos ist schon mal das Jobwachstum: Netto kamen im Mai nur 54 000 neue Stellen dazu; die Zahlen für April und März wurden inzwischen nach unten revidiert. Dann: Die Industrie, bislang Motor der Erholung, registrierte das schlimmste Auftragsminus seit 1984. Schließlich ein Konjunkturindikator, der in den USA, anders als in Deutschland, eine Schlüsselrolle spielt: der Häusermarkt. Wieder fallen die Preise; weg ist der Auftrieb der letzten zwei Jahre. 

Hier drängt sich die nächste Frage auf: Wieso boomt eigentlich Deutschland? Die knappe Antwort: Deutschland musste nur anderthalb Krisen bewältigen, Amerika gleich drei. Deutschland stand 2008 vor einer normalen Rezession und einer Kapitalklemme der Banken; ein eher bescheidenes Konjunkturprogramm plus Liquiditätsspritzen reichte aus. Dagegen die USA: Erstens hatte die Wirtschaft nach dem längsten Aufschwung aller Zeiten - von 1992 bis 2007 - mit einem naturgemäß viel tieferen Absturz zu kämpfen. Zweitens mit einem Bankenkrach, der nicht enden will: Seit 2009 sind 350 Banken pleitegegangen. Schließlich eine Immobilienkatastrophe, wie sie der deutschen Markt nicht kennt. Bei uns regiert der Geiz am Hypotheken-Tresen; in Deutschland wäre unvorstellbar, dass man null Eigenkapital beisteuern muss, 105 Prozent des Hauspreises als Kredit bekommt oder die Zahlungsfähigkeit nicht überprüft wird. Folglich lassen sich hier Spekulationsblasen schlecht finanzieren. 

Der US-Immobilienmarkt dürfte die schwindsüchtige Erholung am besten erklären. Noch immer stehen in den USA zehn Millionen Häuser leer. Der Markt wird also nicht "geräumt". Vor einem Jahr schien er sich wieder einzupendeln. Aus dem Tief des Jahres 2009 schien sich der Markt 2010 wieder hochzurappeln (laut Case-Shiller-Home-Price-Index). Seit Jahresbeginn stürzt er wieder ab; hier zeigt sich die Fratze der "Double Dip"-Rezession am deutlichsten. 

Der Häusermarkt scheint immun geworden zu sein gegen die zwei Billionen Dollar an Liquidität, welche die Fed durch den Aufkauf von Staatspapieren und Hypotheken in die Wirtschaft gepumpt hat. Die Medizin ist das Gift, würde Dr. rer. oec. hinzufügen, hatte doch die Billionen-Spritze zeitweise den Preisverfall gestoppt, der den Markt hätte räumen können.

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