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21.01.2012

16:16 Uhr

Konkurrenz zu S&P, Moody's und Fitch

Europäische Ratingagentur geht bald an den Start

Die großen drei, S&P, Moody's und Fitch, bekommen Konkurrenz. Schon im zweiten Quartal soll eine europäische Ratingagentur ihre Arbeit aufnehmen. Abzuwarten bleibt, wie schnell sich diese etablieren kann.

Die Euro-Zone befindet sich in der Krise, viele geben den US-Ratingagenturen eine Mitschuld. dpa

Die Euro-Zone befindet sich in der Krise, viele geben den US-Ratingagenturen eine Mitschuld.

München, BerlinDie von der Unternehmensberatung Roland Berger konzipierte europäische Ratingagentur soll bis zum Sommer an den Start gehen. „Ziel ist es, bis Ende des ersten Quartals 2012 die Verträge zu unterzeichnen und im zweiten Quartal eine privatfinanzierte, nicht gewinnorientierte Stiftung wahrscheinlich mit Sitz in Holland zu gründen“, sagte Roland-Berger-Partner Markus Krall der Wirtschaftszeitung „Euro am Sonntag“. Inzwischen hätten sich 30 institutionelle Investoren wie Banken, Versicherungen und Börsen aus ganz Europa bereit erklärt, rund 300 Millionen Euro Stiftungskapital zur Verfügung zu stellen.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hält einen europäischen Konkurrenten zu den amerikanischen Platzhirschen für sinnvoll, allerdings gehe das nicht über Nacht. „Grundsätzlich würde ich es begrüßen, wenn es eine europäische Ratingagentur gäbe“, sagte Ackermann bei einem Besuch der dpa-Zentrale in Berlin. „Aber einige wenige Banken in Europa können eine solche Agentur nicht gründen, da sie unabhängig sein muss.

Außerdem braucht es viele Jahre, bis eine solche Rating-Agentur sich ein entsprechendes Renommee aufgebaut hat“, sagte Ackermann. Eine von Staaten getragene Agentur hätte nach Ackermanns Ansicht ebenfalls das Problem mangelnder Unabhängigkeit.

Daher soll der Staat bei der Finanzierung der neuen Agentur außen vor bleiben, wie Krall der Tageszeitung „Die Welt“ (Samstag) sagte. „Wir freuen uns, wenn die Politik das Projekt einer Europäischen Ratingagentur unterstützt. Allerdings wünschen wir uns nicht, dass sie mit Steuergeldern finanziert wird.“ Krall fürchtet, dass eine staatliche Beteiligung „die Frage nach der Unabhängigkeit der Agentur aufwerfen“ könnte.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Kommentare (42)

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MikeM

21.01.2012, 16:29 Uhr

Schön, die Eurokraten schaffen ihre eigene Ratingagentur! Das Problem ist aber, dass niemand aus der Privatwirtschaft diese Ratings beachten wird. Ein weiterer Schritt zur kommunistischen Planwirtschaft a la EUdSSR. Dieses EU Gebahren ist zunehmend nur noch lächerlich und peinlich!

Mitbuerger

21.01.2012, 16:32 Uhr

Diese europäische Ratingagentur wird dann vermutlich genauso "unabhängig" sein wie die EZB ...

Ihr einziger Zweck wird vermutlich sein, volksfeindlichen Regelabweichungen oder Handlungen eine Scheinlegitimation zu geben.

Account gelöscht!

21.01.2012, 16:36 Uhr

Ich sehe das nicht so - auch wenn natürlich an der unabhängigkeit stark gezweifelt werden kann, haben wir durch die vergangenen Monate eindeutig gesehen, wie wichtig es ist eine eigene Agentur in Europa zu haben. Es kann nicht sein, dass alle Ratingagenturen aus einem Land stammen. Es wird Zeit auch hier eine natürlichen Wettbewerb zu entwickeln.

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