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04.01.2017

12:25 Uhr

Kopfschuss auf Attentäter

Israelischer Soldat schuldig gesprochen

Einer der emotionalsten Prozesse Israels Geschichte: Ein Soldat schießt einem verletzten Attentäter in den Kopf – und wird dabei gefilmt. Für die einen ist er Mörder, für andere Held. Jetzt wurde er verurteilt.

Der angeklagte israelische Soldat Elor Asaria sitzt auf der Anklagebank im Militärgericht in Tel Aviv. Jetzt wurde er verurteilt. dpa

Elor Asaria

Der angeklagte israelische Soldat Elor Asaria sitzt auf der Anklagebank im Militärgericht in Tel Aviv. Jetzt wurde er verurteilt.

Tel Aviv„Es wird hier einen Bruderkrieg geben!“, schreit eine blonde Frau in Tel Aviv aus vollem Hals. Mit mehr als hundert anderen Demonstranten steht die 31-jährige Idal Scharon vor dem Militärhauptquartier. Dort wird gerade der Schuldspruch gegen den Soldaten Elor Asaria verlesen, der im März vergangenen Jahres einen verletzt am Boden liegenden Palästinenser mit einem Kopfschuss getötet hat. Das Militärgericht verurteilt ihn am Mittwoch wegen Totschlags. Die Verkündung des Strafmaßes wird innerhalb eines Monats erwartet. Asaria drohen bis zu 20 Jahre Haft.

Der emotionsgeladene Prozess gegen den Kampfsanitäter hat Israel gespalten. Rechte Politiker kritisierten das Urteil und wollen sich für eine sofortige Begnadigung Asarias einsetzen.

Die Anhänger Asarias toben vor Wut. Ihre Empörung richtet sich gegen Linke und die Medien. Einige Demonstranten haben sich in große blau-weiße Israel-Flaggen gehüllt, andere tragen gelb-schwarze Schals des Fußballclubs Beitar Jerusalem, dessen Fans für rassistische Ausfälle bekannt sind. Schwarz vermummte Mitglieder von „La Familia“, dem ultra-rechten harten Kern der anti-arabischen Fans, werden aggressiv. Sie reißen einer Journalistin den Schreibblock aus der Hand.

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Erst bestellten sie ein süßes Dessert, dann zogen sie ihre Schusswaffen aus Koffern. Zwei palästinensische Attentäter haben im idyllischen Sarona-Park in Tel Aviv vier Menschen erschossen. Wie reagiert Israel?

Andere Demonstranten wirken dagegen sehr höflich, wie die 54-jährige Corinne Parienti, eine Immigrantin aus Marseille. Sie trägt ein schwarzes Schild, „Ich bin Elor“, steht darauf in weißer Schrift. „Elor hat getan, was er tun musste“, sagt sie. Sie fordert ein hartes Vorgehen gegen jeden Attentäter: „Ein Terrorist ist kein Opfer. Er ist nicht gekommen, um Blumen zu verteilen, ein Terrorist darf seinen Anschlag nicht überleben.“

„Wer Dich töten will, den musst Du zuerst töten!“ fordert auch ein Mann mit Lautsprecher. Das Urteil gegen Asaria sei „eine Schande für den Staat Israel“ ruft ein Mann mit weißer Kipa. „Der Teufel soll Euch holen, Betselem!“ Ein Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Betselem hatte den entscheidenden Beweis gegen den israelischen Soldaten geliefert. Er filmte den grausigen Vorfall in Hebron im Westjordanland am 24. März vergangenen Jahres.

Auf dem Video ist zu sehen, wie der 21-jährige palästinensische Attentäter verletzt am Boden liegt, nur leicht seinen Kopf bewegt. Ein Soldat, den der Palästinenser mit einem Messer verletzt hat, wird medizinisch versorgt. Plötzlich hebt Asaria sein Gewehr und schießt dem auf den Rücken liegenden Attentäter ohne Vorwarnung in den Kopf. Viel Blut fließt die abschüssige Straße in Hebron hinunter.

Der Prozess gegen Asaria hat in Israel eine heftige Kontroverse darüber ausgelöst, unter welchen Umständen Soldaten auf Palästinenser schießen dürfen. Der Fall ist besonders relevant wegen einer Welle palästinensischer Anschläge, bei denen seit Oktober 2015 insgesamt 37 Israelis getötet wurden. Mehr als 250 Palästinenser kamen in der Zeit ums Leben, die meisten davon wurden bei ihren eigenen Anschlägen erschossen. Die Palästinenserbehörde und Menschenrechtler werfen den Soldaten immer wieder vor, sie seien zu schießwütig.

Die radikal-islamische Palästinenserorganisation Hamas

Zweitgröße Palästinenserorganisation

Die radikal-islamische Hamas ist die zweitgrößte Palästinenserorganisation. Die 1987 gegründete Gruppe bestreitet das Existenzrecht Israels und fordert die gewaltsame Errichtung eines islamischen Palästinas vom Mittelmeer bis zum Jordan. Ihr militärischer Arm, die Kassam-Brigaden, hat in der Vergangenheit Dutzende tödliche Anschläge auf Israelis verübt.

Hamas im Gazastreifen

Seit 2007 herrscht die Hamas im palästinensischen Gazastreifen. Damals vertrieb sie die gemäßigtere Fatah-Organisation von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas gewaltsam aus dem Küstenstreifen.

17.000 Raketen

Seither haben die militanten Palästinenser mehr als 17.000 Raketen und Mörsergranaten auf Israel abgefeuert, wie die israelische Armee sagt. Die Fatah herrscht seit 2007 nur noch in den nicht von Israel verwalteten Teilen des Westjordanlandes. Es gibt jedoch auch im Westjordanland aktive Hamas-Zellen.


Einstufung als Terrororganisation

Die Hamas und ihre Milizen werden unter anderem von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft.

Strategiewechsel

Nach 2007 änderte die Hamas ihre Strategie und zeigte grundsätzlich Bereitschaft zu einer langfristigen Waffenruhe mit Israel. Diese ist jedoch nicht in Sicht. Bis zu einer solchen Vereinbarung setzt die auch im Sozialbereich engagierte Organisation weiter auf den „bewaffneten Widerstand“.

In dem kleinen Gerichtssaal innerhalb des Militär-Hauptquartiers drängen sich am Vormittag etwa 50 Menschen. Asaria sitzt neben seinen Eltern, seine Mutter nimmt ihn immer wieder in den Arm. Sein Vater hat während des aufwühlenden Prozesses einen Schlaganfall erlitten. Die Vorsitzende Richterin Maja Heller verliest fast drei Stunden lang die Urteilsbegründung. Sie nimmt ein Argument der Verteidigung nach dem anderen auseinander. Asaria, der zunächst zuversichtlich wirkt, wird immer ernster.

Während des Prozesses erklärte er, er habe auf den Palästinenser geschossen, weil er befürchtet habe, dieser könne unter seiner Jacke einen Sprengstoffgürtel tragen und diesen zur Explosion bringen.

Ankläger Nadav Weisman wies diese Version jedoch als Unsinn zurück. „Wenn ich diesen Fall in einer Minute zusammenfassen müsste, würde ich das Video zeigen, auf dem der Angeklagte direkt nach dem Schuss zu sehen ist“, sagte er in seinem Schlussplädoyer. „Er geht mit seinen Freunden auf der Straße und sagt kein Wort über den angeblichen Sprengstoffgürtel.“ Es sei durch nichts zu rechtfertigen, jemandem ohne Warnung in den Kopf zu schießen. Und auch die Richterin nimmt ihm seine Erklärung nicht ab. Asaria habe nicht aus Selbstverteidigung gehandelt, sagt sie. Auch der Generalstabschef Gadi Eisenkott hat Asarias Verhalten eindeutig verurteilt.

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