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09.04.2013

12:11 Uhr

Korea-Konflikt

Das Spiel mit dem Bösewicht

VonFinn Mayer-Kuckuk

Die USA und China wollen Stabilität auf der koreanischen Halbinsel. Dafür würde Washington einen Sturz von Machthaber Kim Jong Un in Kauf nehmen. Für Peking wäre ein Zusammenbruch Nordkoreas dagegen ein Alptraumszenario.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un gilt in China längst als Lachnummer. dpa

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un gilt in China längst als Lachnummer.

PekingIn der Nordkoreafrage wollen China und die USA im Wesentlichen dasselbe: Stabilität in der Region. Beide Großmächte sind darauf aus, dass Pjöngjang sich endlich auf Wirtschaft konzentriert statt auf Rüstung. Um so erstaunlicher, dass Washington und Peking weiterhin völlig uneins wirken. US-Politiker verlangen lautstark, dass China seine angebliche Unterstützung für Nordkorea zurückziehen soll. Die chinesische Führung wiederum kann sich auch angesichts steigender Kriegsgefahr nicht zu deutlicher Kritik an den Nachbarn durchringen.

Doch wenn zwei das gleiche wollen, ziehen sie nicht unbedingt an einem Strang. Denn die ganze Konfrontation sieht von Peking aus betrachtet ganz anders aus als von Washington. Peking hält einen nordkoreanischen Erstschlag für höchst unwahrscheinlich und sieht im Verhalten von Diktator Kim Jong Un nur den Versuch, sich im Inland als starker Mann zu profilieren. Nach außen will Kim ganz offensichtlich wirtschaftliche Zugeständnisse erpressen. Einen Krieg gegen die Amerikaner kann er dagegen unmöglich gewinnen. Es besteht aus chinesischer Sicht kein Grund zur Panik.

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Trotz Kriegsdrohungen

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Erstmals seit der Gründung der Zone im Jahr 2004 steht die Produktion still.

Chinas Umgang mit Nordkorea gleicht nun der Erziehungsmethode von Eltern, die es mit einem trotzigen, aggressiven Teenager zu tun haben. Xi will sich von Nordkorea nicht aus der Ruhe bringen lassen. Er will auf das Brüllen und Stampfen Kims hin nicht gleich Zugeständnisse machen. Er will erst einmal gelassen wirken und nicht gleich seinerseits böse werden – das wäre ein Zeichen von Schwäche.

Die wichtigsten Fragen zu den Provokationen von Nordkorea

Wann ist rote Linie für Südkorea überschritten?

Militärisch dürfte das der Fall sein, wenn Nordkorea das Nachbarland mit Waffengewalt provozieren sollte. Südkoreas Präsidentin Park Geun Hye hat die Streitkräfte angewiesen, „ohne Rücksicht auf politische Erwägungen“ auf Provokationen des Nordens prompt und strikt zu reagieren. Sie wolle sich dabei ganz auf das Urteilsvermögen des Militärs verlassen.

Wo könnte es zur militärischen Konfrontation kommen?

Als Spannungsgebiet gilt etwa die umstrittene Seegrenze im Gelben Meer, wo es schon in den vergangenen Jahren zu Gefechten zwischen Kriegsbooten beider Länder gekommen ist. Auch an der schwer bewachten Landesgrenze kam es seit dem Ende des Korea-Kriegs (1950-53) immer wieder zu Zwischenfällen. Als denkbare Auslöser einer militärischen Konfrontation gelten das Eindringen nordkoreanischer Marineschiffe in die von Südkorea beanspruchten Gewässer oder etwa der Aufmarsch nordkoreanischer Soldaten in der sogenannten gemeinsamen Sicherheitszone im Waffenstillstandsort Panmunjom an der Grenze.

Wann ist die rote Linie für Nordkorea überschritten?

Das ist schwer zu sagen. Das Land hat bereits den „Kriegszustand“ im Verhältnis zu Südkorea ausgerufen. Ein Angriffsbefehl blieb bisher aus. Das Regime erklärte angesichts laufender südkoreanisch-amerikanischer Militärübungen, man werde im Falle einer Provokation sofort zurückschlagen. Die Raketeneinheiten seien in ständiger Bereitschaftsstellung. Als Ziele wurden das US-Festland, amerikanische Militärstützpunkte in Hawaii und Guam sowie in Südkorea genannt. Auch drohte Nordkorea mit einem atomaren Präventivschlag.

Was kann passieren, wenn die Spannungen sich verschärfen?

Die größte Sorge ist, dass ein lokal begrenzter militärischer Zwischenfall sehr schnell zu einem Krieg in der Region eskalieren könnte. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist heute höher als noch vor einigen Jahren. So warnt etwa die Konfliktforschungsorganisation International Crisis Group: „Nordkorea hat zuletzt eine Reihe von Schritten unternommen, die das Risiko von Fehleinschätzungen, unbeabsichtigter Eskalation und eines tödlichen Konflikts erhöhen.“

Wie wird die militärische Stärke Nordkoreas eingeschätzt?

Nordkorea verfügt nach Ansicht von Experten nicht über die technischen Mittel, das US-Festland mit Langstreckenraketen anzugreifen. Doch ein Angriff mit Mittelstreckenraketen etwa auf die US-Truppen in Südkorea oder Militärstützpunkte in Japan läge durchaus im Bereich des Möglichen. Ferner kann das Land mit seinen Raketen Ziele in ganz Südkorea erreichen. Als besonders gefährdet gilt dabei die Millionenmetropole Seoul, die nur etwa 50 Kilometer von der Grenze entfernt und damit in Reichweite Tausender von nordkoreanischen Artilleriegeschützen liegt.

Wie groß ist der Einfluss Chinas?

Er wird zunehmend kleiner. Trotz der historischen Freundschaft sehen Experten eine spürbare Entfremdung. China ist frustriert, dass Nordkorea seine politische und wirtschaftliche Schützenhilfe nicht zu schätzen weiß. Es herrscht Verärgerung über den neuerlichen Atomtest, den Nordkorea trotz massiver chinesischer Intervention vorgenommen hat. Anders als Kim Jong Un hatte der frühere Militärmachthaber Kim Jong Il zumindest noch Respekt gegenüber China gezeigt. Peking empfindet den jungen Führer als schwierig, hat ihn bisher auch nicht zu einem Besuch eingeladen.

Hat sich Chinas Politik gegenüber Nordkorea geändert?

Indem China die UN-Resolutionen mit Sanktionen gegen Nordkorea unterstützt hat, verstärkt Peking den Druck auf Pjöngjang. Trotzdem ist eine grundsätzliche Kehrtwende in Chinas Nordkoreapolitik noch nicht erkennbar. Der große Nachbar leistet weiter wirtschaftliche Unterstützung für das verarmte Land und will es von notwendigen Reformen überzeugen.

Welche Beweggründe hat Peking?

China fürchtet, dass ein Zusammenbruch Nordkoreas zu einer Destabilisierung der Lage auf der koreanischen Halbinsel führen könnte – oder gar zu einem Krieg. Die Konsequenz wären große Flüchtlingsströme. Außerdem gibt es Sorgen um die Atomanlagen. Für China dient Nordkorea auch als eine Art strategischer Puffer, weil bei einer Wiedervereinigung oder Übernahme Nordkoreas durch den Süden amerikanische Truppen an Chinas Nordgrenze stehen könnten.

Wie reagiert Russland auf die Vorgänge im Nachbarland Nordkorea?

Seine Truppenpräsenz an der Grenze mit Nordkorea hat Russland bereits demonstrativ verstärkt. Eine militärische Lösung des Konflikts lehnt Moskau aber ab. Vielmehr will das Riesenreich die Verhandlungen der Sechser-Gruppe (Nord- und Südkorea, China, Japan, Russland und die USA) wieder anschieben und das Problem diplomatisch lösen. Moskau fordert von Pjöngjang die Beendigung des Atomprogramms und die Rückkehr in den Atomwaffensperrvertrag. „Der Atomstatus Nordkoreas ist für uns unannehmbar“, betont Kremlchef Wladimir Putin.

Gegenüber den Hardlinern in seiner Partei muss Xi zudem den Eindruck vermeiden, den USA zu folgen. Nordkorea ist offiziell immer noch ein Partnerland und einer der letzten Staaten, in denen noch eine Kommunistische Partei (KP) regiert. Dieser Punkt wird viel unterschätzt, und er hat weitreichende Folgen für die jeweilige Strategie. Washington nimmt es mit seiner Außenpolitik durchaus in Kauf, dass Kim Jong Un und sein Regime stürzen. Die Folge wäre kurzfristig vermutlich eine Flüchtlingskatastrophe, doch die würde sich weit weg von den USA abspielen. Langfristig winken eine Wiedervereinigung mit Südkorea und damit eine Erweiterung des amerikanischen Bündnisnetzes.

Hungerland mit Atomwaffen

Einwohner und Fläche

Der abgeschottete Staat hat knapp 25 Millionen Einwohner und ist mit gut 120.000 Quadratkilometern etwa so groß wie die frühere DDR.

Militärmacht

Das mehrfach von Hungersnöten erschütterte Nordkorea unterhält mit mehr als 1,2 Millionen Soldaten eine der größten Streitkräfte Asiens.

Menschenrechte

Nordkorea zählt zu den Ländern mit den schwersten Menschenrechtsverletzungen. Die Zahl der politischen Gefangenen wird auf 200.000 geschätzt.

Diktatur seit 1948

An der Spitze der von einem Geflecht aus Arbeiterpartei und Militär beherrschten Diktatur stand bis zu seinem Tod der „Geliebte Führer“ Kim Jong Il. Unter der Führung seines Vaters Kim Il Sung war die „Demokratische Volksrepublik Korea“ 1948 gegründet worden. Seit einiger Zeit wurde Kim Jong Ils Sohn Kim Jong Un als Nummer drei der kommunistischen Dynastie aufgebaut.

Misswirtschaft und Hungerkatastrophe

Misswirtschaft ruinierte das an Bodenschätzen reiche Land. Die Industrieproduktion ging seit 1990 um mehr als zwei Drittel zurück. Die meisten Einwohner sind bitterarm. 1997 führte eine durch Unwetter, Missernten und Zwangswirtschaft ausgelöste Hungerkatastrophe zu einem Massensterben. Nach UN-Schätzung sind gegenwärtig sechs Millionen Nordkoreaner von Hunger bedroht.

Atomwaffen

Trotz der hungernden Bevölkerung haben Ausgaben für das Militär Vorrang. Internationale Besorgnis löste Nordkoreas Atomprogramm aus, das zusammen mit dem Raketenprogramm des Landes als Bedrohung in der Region gilt. Nordkoreas Propaganda berichtet von Fortschritten bei der Produktion von schwach angereichertem Uran. Die US-Regierung befürchtet, dass das Uran-Programm letztlich dem Bau von Atomwaffen dient. Für die Herstellung von Atomsprengköpfen muss hochangereichertes Uran vorliegen.

Kommentare (10)

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Account gelöscht!

09.04.2013, 14:24 Uhr

Als guter Beobachter Nordkoreas muss sich langsam Misstrauen einstellen ob der junge Kim wirklich eine Konfrontation mit dem Westen will oder mit seinen Generälen.
Man sieht Kim auf Panzern,Booten,Schiessend und auf Massenveranstaltungen. Kann es sein das die alten Kader Kim
Schwäche vorgeworfen haben, da er am Anfang ziemlich Harmlos war. Daraufhin baut er nun ein Szenario auf, in der Hoffnung dass die Generäle ihm raten, den Konflikt zu beenden weil sie selber ihr schönes Leben nicht aufgeben wollen. Nur wann ist der Punkt wo die Alten Generäle Stopp sagen.? Meiner Meinung nach sollte Kim nach China reisen, sich von den Chinesen helfen lassen und dann seinen Generälen den unmissverständlichen Wunsch China rüberbringen auf keinen Fall einen Krieg anzufangen. Das
wäre eine Lösung wenn er Reisen darf.

getglobalized

09.04.2013, 14:27 Uhr

Das Problem der Asiaten ist die Geschichte mit Gesicht verlieren und dem falschen Machostolz.

Ob Chinese, Japaner oder Koreaner; da wird ewig indirekt kommuniziert, falsch interpretiert und dann wieder taktiert, anstatt einfach wie im Westen eine klare und direkte Kommunikation zu fördern.

In dem zwischenmenschlichen Bereich müssen die Asiaten einfach noch (...) ganz viel lernen.

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

09.04.2013, 15:34 Uhr

Mein Appell richtet sich zunächst an McDonald's und Coca Cola. In Nordkorea sollten ab sofort ein paar westliche Fastfood-Tempel errichtet und eröffnet werden. Von mir aus kann das auch der Burger King übernehmen. Hauptsache, der dortige Machthaber bekommt einen Vorgeschmack darauf, was sein Land erwartet, wenn man den Westen zu sehr reizt. Welches Land auch immer schon unter dem Einfluss der amerikanischen Fastfood-Sub-Kultur steht: Für Kriege bleibt keine Zeit mehr. Es geht nur noch um den Konsum. Und um Völlerei. Und mal ganz ehrlich: Sieht sich der Machthaber nicht schon jetzt als „Big Mac“ bzw. „Big Kim … äh … King XXL“? Konfrontieren wir Nordkorea mit der ultimativen Waffe aus den USA und erklären den Kumsusan-Palast zum neuen „Walt Disney North Korea Resort“ – und verschenken Jeans und Rabattmarken für die zukünftigen Tempel der Starbucks Coffee Company. Wer würde da noch eine Waffe tragen wollen?

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