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05.12.2014

16:00 Uhr

Korruption in Italien

Die Winkelzüge der Mafia von Rom

VonKatharina Kort

Flüchtlinge waren die Spezialität der Mafia in Rom. Aber auch öffentliche Aufträge rund um Sinti und Roma brachten gutes Geld. Bis die Polizei diese Woche 37 Menschen festnahm. Nun gibt es ein politisches Erdbeben.

RomDie Ermittlungen rund um die „Mafia Capitale“ – die Hauptstadt-Mafia – bringen fast täglich neue Details zutage: Mittlerweile nahm die Polizei insgesamt 37 Menschen fest. Flüchtlinge und Sinti und Roma hatten der kriminellen Gruppe in der italienischen Hauptstadt Rom jahrelang gutes Geld eingebracht. Im Zuge der manipulierten Aufträge fallen Namen von Politikern, von ehemaligen Polizeipräsidenten und von stadtbekannten Kriminellen wie dem 56-jährigen Massimo Carminati.

Der Skandal betrifft vor allem die Regierungszeit des Bürgermeisters Gianni Alemanno vom Mitte-Rechts-Bündnis, der bis 2013 die Hauptstadt regierte. Alemanno gehörte in seiner Jugend ebenso wie Carminati der neofaschistischen Partei „MSI“ an. Während Alemanno den offiziellen Weg durch die politischen Institutionen wählte, schlug Carminati den radikalen Weg ein und schloss sich der rechten Terrorgruppe „Nuclei Armati Rivoluzionari“ an. Später wurde Carminati Mitglied der berüchtigten „Banda della Magliana“.

1998 wurde Carminati wegen seiner Taten bei der mörderischen Bande zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nachdem er eine Weile ins Ausland abgetaucht war, kehrte er erst vor ein paar Jahren nach Rom zurück. Dort baute er auf seine alten Kontakten auf und kreierte seine eigene kleine Mafia in der Hauptstadt.

Die größten Baustellen für Italiens neue Regierung

Wahlrecht

Nachdem das alte Wahlrecht für verfassungswidrig erklärt wurde, braucht Italien dringend ein Neues. Lettas möglicher Nachfolger Matteo Renzi hat bereits einen Vorschlag ausgearbeitet, der bei künftigen Wahlen ein Patt im Parlament verhindern soll.

Arbeitslosigkeit

Die Zahlen kletterten in Italien während der Krise auf Rekordniveau, vor allem junge Menschen sind betroffen. Mehr als 40 Prozent der Italiener unter 25 Jahren haben keinen Job.



Steuersystem

Dieses Thema steht mit ganz oben auf der Agenda. Schon die Regierung Letta hatte Unternehmen und Arbeitnehmern Steuersenkungen in Milliardenhöhe in Aussicht gestellt.

Wirtschaftswachstum

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone steckte zuletzt in der schwersten Rezession der Nachkriegszeit, erst in diesem Jahr hat die Wirtschaft langsam wieder zu wachsen begonnen.



Bürokratieabbau

Die öffentliche Verwaltung muss vereinfacht und reformiert werden - auch dies ist ein erklärtes Ziel Renzis. Zudem will er einen besseren Überblick über die Staatsausgaben bekommen und gezielte Kürzungen durchsetzen.

Arbeitsmarkt

Auch in diesem Bereich hat das Land eine Reform bitter nötig. Letta hatte erste Pläne für eine Liberalisierung entwickelt, die konkrete Umsetzung kommt auf die neue Regierung zu.


Staatsstrukturen

Sowohl das Parlamentssystem mit zwei gleichberechtigten Kammern als auch die Struktur des Landes mit den 20 Regionen stehen immer wieder in der Kritik.


Aber nicht nur die rechten Politiker haben bei den Machenschaften der „Mafia Capitale“ Dreck am Stecken. Auch die Linkspartei PD von Regierungschef Matteo Renzi ist involviert, wie Telefonmitschnitte beweisen. Renzi hat bereits römische Parteispitzen entlassen.

In den abgehörten Telefonaten rühmten sich Mitglieder der Hauptstadtmafia, dass sie dank der lukrativen Aufträge mit Flüchtlingen und Asylanten Millionen von Euro jährlich umsetzen. „Wir haben mit einem Umsatz von 40 Millionen Euro abgeschlossen. Den Gewinn machen wir mit den Zigeunern, der Wohnungsnot und mit den Immigranten“, erklärte Salvatore Buzzi, der für die sozialen Kooperativen zuständig war am Telefon. Sein Fazit: „Die bringen mehr als Drogen“.

Erst haben Mitglieder mit ihren politischen Verbindungen also dafür gesorgt, dass die Stadt mehr Flüchtlinge aufnimmt. Dann haben sie sich die Aufträge für die Unterbringung gesichert. Besonders lukrativ sind dabei die Minderjährigen. Sie bringen 91 Euro am Tag – im Vergleich zu 38 Euro, die der Staat für Erwachsene zahlt.

Aber auch die Verpflegung in Gefängnissen gehörte zum Business der „Mafia Capitale“. Carminati sorgte dafür, dass befreundete Unternehmer die Aufträge bekamen. Und im Gegenzug zahlten sie 20 Prozent an den Boss.
Jetzt sitzt er erst einmal selbst im Gefängnis.




Kommentare (5)

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Herr Tom Schmidt

05.12.2014, 16:24 Uhr

Tja, bevor wir uns da über die Italiener aufregen, sollten wir uns den Handelsblattbericht über die Ärzteabrechnungen ins Gedächtnis rufen.

Ich fände es auch gut, wenn man bei uns nachprüfen würde, wer mit Flüchtlingen wieviel Geld verdient. Eigentlich sollte man das veröffentlichen...

Account gelöscht!

05.12.2014, 16:49 Uhr

Das ist doch nur der kümmerliche kleinkriminelle Rest, der so arbeitet und auftritt.

Seit Jahrzehnten bereits ist die klassische Mafia aus Sizilien und USA in legalen Geschäften unterwegs und profitiert von und an allen Märkten - manipuliert oder auch nicht.

Sie ist praktisch nicht mehr zu unterscheiden von regelechter Politik und Wirtschaft - oft ist sie längst Teil derselben, was auch die vielen unglaublichen Unzuträglichkeiten politischen und (finanz-)wirtschaftlichen Handelns erklärte.

Herr Peter Spiegel

05.12.2014, 17:03 Uhr

In Deutschland das Gleiche, Schrott-Hotels gehen weg wie
geschnittenes Brot.

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