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10.04.2012

15:02 Uhr

Korruptionsskandal

Das süße Leben griechischer Gewerkschafter

VonGerd Höhler

Über Jahre hat eine kleine Gruppe von griechischen Gewerkschaftern einen Energiekonzern um etliche Millionen geschröpft. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft, doch die Verantwortlichen beteuern ihre Unschuld.

Nikos Fotopoulos ist sich keiner Schuld bewusst. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Nikos Fotopoulos ist sich keiner Schuld bewusst. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

AthenIdeologisch ist Nikos Fotopoulos gefestigt. Porträts von Marx, Lenin, Trotzki und Rosa Luxemburg schmücken die Wände seines Büros in der Stournari Straße, unweit des Athener Omoniaplatzes. Che Guevara ist gleich dreimal vertreten. Fotopoulos ist Vorsitzender der Gewerkschaftsföderation GENOP beim staatlichen griechischen Stromversorger DEI.

Aber wie charakterfest sind Fotopoulos und seine Gewerkschaftsfunktionäre wirklich? Widerstehen sie den Verlockungen des Kapitalismus? Oder haben sie sich womöglich auf Kosten ihres Unternehmens bereichert?

Dieser Frage gehen jetzt der Athener Staatsanwalt Aristidis Korreas und seine Kollegin Eleni Siskou nach. Vergangene Woche haben sie Anklage wegen Untreue in einem besonders schweren Fall und gemeinschaftlich begangenen Betruges erhoben. Der Fall handelt von der systematischen Ausplünderung eines griechischen Staatsunternehmens. Er ist symptomatisch für die Fehlentwicklungen, die Griechenland ins Schuldendesaster stürzten.

Teure Auslandsreisen der Gewerkschafter, Suiten in Luxushotels, Schlemmereien in Gourmet-Restaurants - und immer zahlte das Unternehmen. Nikos Fotopoulos und seine Gewerkschaftskollegen sind ebenso in Erklärungsnot wie die Manager des griechischen Stromversorgers, die solche Zahlungen bewilligten.

Die gemeinschaftlich betriebene Ausbeutung des Unternehmens funktionierte, bis Leandros Rakintzis die Verhältnisse zu durchleuchten begann. Er ist Chefinspekteur der griechischen Verwaltung. Der 74-jährige Jurist hat viel erlebt im Laufe seiner Richterkarriere, die ihn bis zum Areopag führte, dem obersten Gerichtshof.

Aber die Verhältnisse, die er bei der DEI aufdeckte, dürften selbst ihm die Sprache verschlagen haben. Auf 100 Seiten hat Rakintzis aufgelistet, wie die Gewerkschaftsföderation GENOP und ihre Sozialorganisation OKDE in den vergangenen Jahren den Stromversorger um einen zweistelligen Millionenbetrag erleichterten. In die Ermittlungen schaltete sich auch die Behörde zur Verfolgung von Finanzverbrechen (SDOE) ein, Griechenlands Steuerfahndung. Jetzt liegen die pikanten Details auf dem Tisch: Auslandsreisen von Gewerkschaftsfunktionären, die gleich dreifach abgerechnet wurden, überteuerte Bewirtungen, Auftragsgutachten, die ein Gewerkschaftsboss seinen Töchtern zuschanzte.

57.000 Euro stellte die GENOP dem Unternehmen im Oktober 2008 für die Bewirtung von 30 Gewerkschaftskollegen aus Serbien in Rechnung. Gekostet hatte der Besuch tatsächlich nur 26.490,31 Euro. Für eine Athen-Visite von 32 rumänischen Gewerkschaftern berechnete die GENOP dem Stromkonzern 39.360 Euro. Quittungen fanden sich lediglich für 16.967,52 Euro. Nicht nur sozialistische Gastfreundschaft wurde bei der GENOP groß geschrieben, die Gewerkschafter wollten auch etwas von der Welt sehen: Im Juli 2009 reisten 30 Funktionäre nach Berlin und Prag. Die Reise kostete 26.935 Euro, wurde aber dem Unternehmen mit 80.445 Euro in Rechnung gestellt.

Kommentare (24)

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Baier

10.04.2012, 15:05 Uhr

wir zahlen doch gerne für diese Lebenskünstler, gell, Herr Schäuble?

Zarras

10.04.2012, 15:18 Uhr

Die ganze EU ist doch ein großer Selbstbedienungsladen, profitieren tun doch nur die großen Konzerne, die ihre Fabrikationstätten dort errichten, wo die Löhne am niedrigsten sind - aus dem Subventionstopf, den wir mit gefüllt haben. Ich bin für die Gründung eines Kerneuropa, in dem nur die Staaten aufgenommen werden, die wirklich zu uns passen. Griechenland gehört auf jeden Fall nicht dazu.

Simon

10.04.2012, 15:20 Uhr

Wie bei uns. Links reden und rechts leben :-)

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