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22.03.2016

16:59 Uhr

Korruptionsskandal in Südafrika

Wut, Enttäuschung, Jacob Zuma

20 Jahre nach Ende der Apartheid regiert mit Präsident Jacob Zuma ein früherer Freiheitskämpfer Südafrika. Dass er im Zentrum eines Korruptionsskandals steckt, sorgt für Frust. Es wird bereits Zumas Rücktritt gefordert.

Südafrikas Präsident und ANC-Parteichef ist ein umstrittener Machtpolitiker. SIPHIWE SIBEKO

Jacob Zuma

Südafrikas Präsident und ANC-Parteichef ist ein umstrittener Machtpolitiker.

JohannesburgAnti-Apartheid-Führer Mathews Phosa machte seinen Ärger mehr als deutlich. Vor geschichtsträchtiger Kulisse in einem ehemaligen Gefängnis aus der Ära der Rassentrennung legte der Freiheitskämpfer dem südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma jetzt in einer Rede offen den Rücktritt nahe. „Ich wünsche mir, dass wir in diesem Land einen langen Alptraum hinter uns lassen“, sagte Phosa – frei nach einem geflügelten Wort aus der Zeit des Watergate-Skandals in den USA.

Phosa sprach bei einer Feier zum 20. Jahrestag der Verabschiedung der Verfassung nach dem Ende der Apartheid. Seine gegen Zuma gerichtete Spitze rief unter den Zuhörern Gelächter hervor. Aber viele ältere Südafrikaner sind frustriert: Jahrzehntelang kämpften sie für eine Demokratie ohne Rassenschranken, nun sehen sie diese Ideale wegen der Korruptionsvorwürfe gegen Zuma verraten – auch wenn Zuma selbst einst als Aktivist gegen die Apartheid im Gefängnis saß und alle Vorwürfe zurückweist.

Südafrika – Land der Gegensätze

Die Regenbogennation...

... wird Südafrika genannt, weil das Land mit seinen gut 50 Millionen Einwohnern ethnisch sehr gemischt ist. Das führt und führte immer wieder zu Konflikten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, etwa zwischen der nichteuropäischen Mehrheitsbevölkerung und den europäischstämmigen, meist weißen Einwanderern.

Der Wirtschaftsmotor...

... des gesamten afrikanischen Kontinents ist Südafrika. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von etwa 400 Milliarden US-Dollar ist das Land die größte Volkswirtschaft Afrikas und gehört der G8+5 an. Die Staatsverschuldung lag 2012 bei 43,3 Prozent des BIP – also vergleichsweise niedrig, die Inflationsrate betrug fünf bis sechs Prozent.

Die Kehrseite der Medaille...

... sind noch immer massive Unterschiede beim Wohlstand. Der Gini-Koeffizient als Maß für das Ungleichgewicht bei Einkommen und Konsum gehören jeweils zu den höchsten weltweit. Die Arbeitslosigkeit liegt weit über 20 Prozent. Noch immer sind Schwarze, wenn auch nicht mehr rechtlich, benachteiligt. Die Armutsquote steigt. Viele Fachkräfte, insbesondere Ärzte und Ingenieure, wandern aus.

Die Apartheid...

... hat die Nation an der Südspitze Afrikas massiv geprägt. Eingeführt wurde sie nach ihrem Wahlsieg 1948 von der National Party, der Partei der meist niederländischstämmigen Buren. Die massive Diskriminierung, Benachteiligung und Herabwürdigung der schwarzen Bevökerung existierte bis 1990. Nach mehr als 40 Jahren meist friedlichem Kampf der benachteiligten Bevölkerungsmehrheit unter politischen Führern wie Nelson Mandela brach das System schließlich zusammen.

Das Ende des autoritär geführten Systems...

... mündete 1994 in die ersten Parlamentswahlen mit einem gleichen Wahlrecht für alle Bürger und veränderten das politische Leben im Land grundlegend. Nelson Mandela wurde am 27. April 1994 zum zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt. Er starb 2013.

Die Weißen...

... machen nur knapp neun Prozent der Bevölkerung aus, die hauptsächlich sind es Nachfahren niederländischer, deutscher, französischer und britischer Einwanderer sind, die ab Mitte des 17. Jahrhunderts nach Südafrika immigrierten. Die Zahl der europäischstämmigen Bevölkerung nimmt sinkt kontinuierlich. Fast eine Million Weiße haben seit den 90er-Jahren haben das Land verlassen.

Die Schwarzen...

... stellen knapp 80 Prozent der gesamten Bevölkerung und teilen sich in verschiedene Volksgruppen auf, etwa die Zulu, Xhosa, Basotho, Venda, Tswana, Tsonga, Swazi und Ndebele.

Knapp neun Prozent...

... machen die sogenannten Coloureds (Farbige) aus. Sie sind meist die Nachkommen der ersten europäischen Siedler, deren Sklaven und der ursprünglich in Südafrika lebenden Völker, zu einem kleineren Teil auch von eingewanderten Asiaten.

Asiaten...

... machen 2,5 Prozent der Bevölkerung aus. Der Großteil kommt ursprünglich aus Indien und ist Mitte des 19. Jahrhunderts ins Land geholt worden, um auf den Zuckerrohrfeldern zu arbeiten.

Zuma und seine Regierung soll von der wohlhabenden Unternehmerfamilie Gupta bestochen und politisch beeinflusst werden. „Guptagate“ sorgt für Empörung in Südafrika, die Opposition veröffentlichte den Song „Zupta must fall“ (Zupta muss stürzen) , der auf die Namen der Beteiligten anspielt. Die Unternehmerfamilie, die mit Zuma befreundet ist und mit seinem Sohn Geschäfte macht, soll einem Politiker Ministerposten im Gegenzug für bestimmte Konzessionen angeboten haben. Zuma wies die Vorwürfe zurück, die Einwandererfamilie Gupta sieht sich ihrerseits als Sündenbock und Opfer von Hassreden.

„Guptagate“ sorgt umso mehr für Unmut, wenn sich manche Südafrikaner an den Kampf für Demokratie zurückerinnern – als eine Zeit der Opfer, hoher moralischer Werte und letztlich der Versöhnung erinnern. Der Blick ist teils rosarot gefärbt. So geht es wohl auch Phosa, der das Ende der Apartheid auszuhandeln half. Er äußerte sich am Donnerstagabend auf dem Verfassungshügel in der Innenstadt von Johannesburg, wo das höchste Gericht des Landes seinen Sitz hat. Dort steht auch das Gefängnis Old Fort, wo einst Nelson Mandela einsaß.

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