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20.08.2014

10:28 Uhr

Krawalle in Ferguson

Panzer gegen Protestler

VonAxel Postinett

Mit schwerem Gerät treten Ordnungshüter in Ferguson den Demonstranten entgegen. Die Krawalle zeigen: Seit Jahren rüstet Amerikas Polizei mit Waffen aus Militärbeständen auf. Das bringt Obama in Bedrängnis.

Ausschreitungen in Ferguson: So sah es in der Kleinstadt allabendlich aus. dpa

Ausschreitungen in Ferguson: So sah es in der Kleinstadt allabendlich aus.

San FranciscoSchwer bewaffnete Polizisten und Nationalgardisten mit Kampfanzügen und schwerem Militärgerät rücken gnadenlos in Richtung der wütenden Demonstranten vor, wie im Kriegseinsatz in Bagdad. Es fliegen Tränengas-Granaten und Pfefferspray-Kanister. Doch es ist nicht Bagdad, es ist Ferguson, ein 20.000-Seelen-Vorort von St. Louis in Missouri. Nach der Erschießung eines unbewaffneten schwarzen Jugendlichen durch einen Polizisten herrscht Krieg, und genauso ist man ausgerüstet.

Jedenfalls auf einer Seite der Front. Seit 2007 schickte das US-Verteidigungsministerium Pentagon an das Polizei-Departement von St. Louis County nach eigenen Angaben unter anderem sieben gepanzerte „Humvee“-Truppentransporter und drei Helikopter. Die Polizei rüstet kostenlos aus alten Armeebeständen auf. Und mit den Militärwaffen kommt die Militärtaktik.

Seit Präsident Barack Obama das Ende der Ära der amerikanischen Weltpolizei angekündigt hat, hat das Heulen und Weinen begonnen – bei der US-Waffenindustrie. Zu den Zeiten, als noch US-Marines in gepanzerten Fahrzeugen durch die Straßen der Welt patrouillierten, waren die Welt und das Geschäft noch in Ordnung. Transporter, Schnellfeuergewehre, Granatwerfer, Nahkampfausrüstung für Soldaten, Tränengas und Pfefferspray wurden tonnenweise an die Armee und die Regierung für deren Kampf gegen den Terror verkauft.

Doch das Geschäft ist zurückgegangen, und neue Absatzmärkte müssen her. Gefunden wurden sie in kleinen Vororten wie Ferguson oder in Metropolen wie New York. Nach Recherchen der „New York Times“ fanden allein während der bisherigen Amtszeit von Obama 93.763 Maschinengewehre mit fast 200.000 Magazinen Munition, Tarnanzüge, Nachtsichtgeräte, 435 tonnenschwere gepanzerte Fahrzeuge und 533 Hubschrauber, selbst Schalldämpfer für geräuschloses Schießen wie aus dem Hinterhalt den Weg in die Depots amerikanischer Klein- und Großstädte.

Gewalt gegen Schwarze in den USA

Juli 2016

Am 5. Juli wird ein 37-jähriger Afroamerikaner in Baton Rouge (Louisiana) von einem Polizisten erschossen, nachdem er zuvor zu Boden gedrückt wurde. Mehrere Zeugen halten den Vorfall auf Video fest, es kommt zu Protesten.

Juli 2016

Ein 32-Jähriger wird während einer Fahrzeugkontrolle in Minnesota von einem Polizisten in den Bauch geschossen. Die Freundin des Afroamerikaners hält den Vorfall in einem Facebook-Live-Video fest, das für einen internationalen Aufschrei sorgt.

März 2015

Tödliche Schüsse auf einen unbewaffneten jungen Schwarzen lösen in Madison (Wisconsin) Proteste aus. Angeblich schoss der Polizist in Notwehr.

April 2015

In North Charleston (South Carolina) erschießt ein Polizist einen flüchtenden, unbewaffneten Schwarzen von hinten. Der auf einem Video festgehaltene Fall sorgt international für Aufsehen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

Juli 2015

Ein Polizist erschießt in Cincinnati (Ohio) bei einer Verkehrskontrolle einen unbewaffneten Schwarzen. Sein Wagen hatte vorne kein Nummernschild.

Dezember 2015

In Chicago erschießen Polizisten eine fünffache Mutter und einen Studenten. Beide sind schwarz. Der 19-Jährige hatte seinen Vater mit einem Baseballschläger gedroht, die Nachbarin wird nach Polizeiangaben aus Versehen getroffen.

Mai 2016

Am Steuer eines gestohlenen Autos wird eine junge Afroamerikanerin in San Francisco von einer Polizeikugel tödlich getroffen. Auf Druck des Bürgermeisters nimmt der Polizeichef seinen Hut.

November 2014

Ein weißer Polizist muss wegen tödlicher Schüsse auf einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen in Ferguson (Missouri) vorerst nicht vor Gericht. Eine Geschworenenjury sieht keine Beweise für eine Straftat. Der Vorfall löste schwere Unruhen aus.

Juli 2010

Nach einem milden Urteil gegen einen weißen Ex-Polizisten kommt es in Kalifornien zu Ausschreitungen und Plünderungen. Der Mann hatte einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, er wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

November 2006

Ein unbewaffneter Schwarzer stirbt im Kugelhagel der New Yorker Polizei. Er hatte nach dem Verlassen einer Bar im Auto mit Freunden ein Zivilfahrzeug der Polizei gerammt. Im April 2008 werden drei Polizisten freigesprochen.

April 2001

Schüsse eines Polizisten auf einen unbewaffneten Schwarzen lösen schwere Rassenunruhen in Cincinnati (Ohio) aus. Die Behörden rufen den Notstand aus. Der getötete 19-Jährige war bei einer Kontrolle geflüchtet, der Polizist wurde freigesprochen.

Februar 2000

Vier Polizisten, die einen afrikanischen Einwanderer erschossen hatten, werden freigesprochen. Das Urteil der Jury aus schwarzen und weißen Schöffen ist heftig umstritten, in New York kommt es zu Ausschreitungen.

März 1991

Vier Autobahn-Polizisten schlagen den Afroamerikaner Rodney King nach einer Verfolgungsjagd zusammen. Ein Amateur-Video geht um die Welt. Der Freispruch der Männer führt in Los Angeles zu Unruhen mit Dutzenden Toten. In einem Revisionsverfahren werden zwei der Polizisten 1993 zu jeweils 30 Monaten Haft verurteilt. Außerdem erhält das Opfer eine millionenschwere Entschädigung.

So wie nach Neenah, ein verschlafener Ort in Wisconsin, der seit fünf Jahren keinen Mord mehr gesehen hatte. Jetzt steht hier ein 30-Tonnen-schwerer Kampfwagen, mit dem man über Minen fahren könnte. „Ich wünschte es wäre anders“, zitiert die Zeitung Polizeichef Kevin E. Wilkinson. Doch das alte Polizeifahrzeug halte keinem stärkeren Beschuss stand und die Chancen einer schweren Gewalttat stiegen an. Immer wieder kommt es in verträumten US-Gemeinden zu Überfällen und Massakern in Schulen oder Universitäten, und die Täter nutzen immer öfter Schnellfeuerwaffen - wie im Kriegseinsatz.

Teilweise treibt die schiere Geldnot zur Aufrüstung. Polizeidienststellen können sich beim Pentagon um altes Militärgerät bewerben, das sonst verschrottet würde. Das gibt es dann kostenlos. Das Programm gibt es nicht erst seit gestern. Die Defence Logistic Agency verkündet stolz, seit Beginn des National Defense Authorisation Act of Fiscal Year 1997 (FY97) seien im Verlauf der heute „Program 1033“ genannten Aktion Armeebestände im Wert von 5,1 Milliarden Dollar an zusammen 8.000 Polizeibehörden übergeben worden, allein im Jahr 2013 für 449 Millionen Dollar.

Kommentare (25)

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Herr Woifi Fischer

20.08.2014, 11:13 Uhr

Krawalle in Ferguson Panzer gegen Protestler.

Kann dieses Szenario auch in der BRD geschehen?

Sieht so der amerikanische Traum aus?

Was für ein Amerika, Panzer und Nationalgarde im Einsatz gegen US-Bürger schwarzer Hautfarbe.
Gott bewahre uns vor diesen Zuständen.

Herr Fred Meisenkaiser

20.08.2014, 11:14 Uhr

Offensichtlich sind die Machthaber gewillt, die Errungenschaften der Reichen mit wirklich allen Mittel zu verteidigen!

Land der unbegrenzten Möglichlkeiten.

Un dein kleiner Vorgeschmack, wie sich die Demokratie in der EU nach der Unterwerfung unter die USA mittels TTIP weiter entwickeln wird!

Herr Joachim Buch

20.08.2014, 11:26 Uhr

Wie man sieht: Durch die Eskalation der einen Seite, wird auch Eskalation auf der anderen provoziert. Szenen wie in "Mad Max" dürften in diesem "Vorbild an Freiheit und Demokratie" nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ich will mit den USA NICHTS, aber auch gar nichts zu tun haben. Man erinnere sich an die Bobbys in England: Nur mit einem Schlagstock bewaffnet, reichte das aus. Aber wenn Fremde meinen, ihre "Kultur" und "Religion" über uns Europäer bringen zu wollen und wir tatenlos zusehen und die grünen Gutmenschen das auch noch forcieren wollen, dann weiß man, was uns noch blüht. Daß Demonstranten aber auch in Deutschland offenbar als Feinde des Staates betrachtet werden, hat man an Stuttgart 21 gesehen, wo ein vollkommen untragbarer Stefan Mappus für einen Polizeieinsatz verantwortlich zeichnet, der jede Verhältnismäßigkeit vermissen ließ. Daß die Demos jetzt nach dem Volksentscheid immer noch weiter gehen ist albern, aber der Polizeieinsatz hat gezeigt, zu was eine Staatsmacht in der Lage ist, wenn Typen wie dieser Mappus an den Hebeln der Macht sitzen.

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