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09.08.2011

11:15 Uhr

Krawalle in London

Der Sparzwang schürt die Gewalt

VonMichael Maisch

Großbritannien muss eisern sparen, der Lebensstandard sinkt. Das tut weh und trifft vor allem die ärmere Bevölkerung. Jetzt entlädt sich der tiefe Frust zum ersten Mal in brutaler Gewalt.

LondonVon den Bankentürmen in der Londoner City bis nach Tottenham im Norden der britischen Hauptstadt sind es gerade einmal zehn Kilometer. Doch zwischen beiden Stadtteilen liegen Welten. Trostlose Wohnblocks, Kinderarmut, hohe Arbeitslosigkeit - Tottenham ist ein sozialer Brennpunkt. Trotzdem - auf das, was in der Nacht von Samstag auf Sonntag dort geschah, war kaum jemand vorbereitet. Eine friedliche Demonstration verwandelte sich in einen plündernden Mob; Häuser, Busse und Autos brannten. Vermummte raubten systematisch ganze Ladenketten aus.

Gegen die brutale Realität in Tottenham wirkt die Furcht, die die Banker und Händler in der City umtreibt, seltsam surreal und abstrakt. Aber die konkrete Gewalt im Londoner Norden und die Furcht vor einem Crash an den Märkten haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick aussieht.

Neue Krawalle in London

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Ganz am Anfang der großen Finanzkrise stehen die ökonomischen Ungleichgewichte in der Welt. Während das Wirtschaftswunder in den Schwellenländern wie China zu enormen Wohlfahrtsgewinnen und Ersparnissen führt, lebt der Westen über seine Verhältnisse und versucht, seinen Lebensstandard auf Pump zu erhalten. Doch spätestens, nachdem die alten Industrieländer riesige Summen für die Rettung ihrer Banken ausgeben mussten, ist klar, dass der Überziehungskredit aufgebraucht ist. Jetzt hilft nur noch eisernes Sparen, und das tut weh.

Wie weh, das bekommen die Briten gerade zu spüren. Das Land hat nicht nur die härteste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg hinter sich. Weil gleichzeitig die Inflation auf vier Prozent in die Höhe schoss, fielen die Reallöhne auf das Niveau von 2005 zurück. Mehr als sechs Jahre stagnierende Reallöhne hatte es auf der Insel zuletzt in den 1920er-Jahren gegeben. Obwohl das Wirtschaftswachstum quasi zum Stillstand gekommen ist, hält Finanzminister George Osborne eisern an seiner strengen Ausgabenkontrolle fest, weil er fürchtet, sonst das Vertrauen der Märkte zu verlieren.

Michael Maisch ist Korrespondent in London. Quelle: Pablo Castagnola

Michael Maisch ist Korrespondent in London.

80 Milliarden Pfund will der Konservative bis zum Ende der Legislaturperiode einsparen, um die Staatsschulden in den Griff zu bekommen. Fast eine halbe Million Stellen im öffentlichen Dienst fällt weg.

Die Sozialhilfe wird ebenso gekürzt wie das Kindergeld, und die Erhöhung der Mehrwertsteuer lässt den Briten deutlich weniger im Geldbeutel. Die Forscher des Centres for Economics and Business Research haben ausgerechnet, dass der britische Lebensstandard in Großbritannien in den vergangenen fünf Jahren 4,8 Prozent gefallen ist, und sie fürchten, dass sich dieser Trend fortsetzen wird.

"Die Spannung steigt wegen der harten Sparpolitik der Regierung, die Bevölkerung in den ärmeren Stadtteilen fühlt sich als Opfer", so begründete ein Bürger in Tottenham den Ausbruch der Gewalt. Für die westlichen Politiker dürfte es schwierig werden, die Erwartungen ihrer Wähler mit der harten ökonomischen Realität in Einklang zu bringen.

Kommentare (25)

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09.08.2011, 11:47 Uhr

Ich muss euch alternden Säcken jetzt auch mal sagen:

Klar sind in GB gerade vornehmlich die Migranten bei den Krawallen zu Gange, aber auch bei der normalen britischen Jugend brodelt es.

Hier im üppigen Sozialstaat Deutschland ist man wenigstens so schlau und hält sich die Jugend mit relativ geringen Studiengebühren vom Arbeitsmarkt fern.

Aber schaut mal nach GB. Sowas wie H4 gibt es dort nicht. Klar, hungern muss dort sicher niemand, aber optimale Versorgung schaut anders aus.

Ein Großteil meiner Generation und der nachkommenden Generation sind inzwischen völlig verblödet und können wirtschaftlich nicht mehr 1+1 zusammenzählen.

Da vielen Migranten in GB das öffentliche Bildungssystem entgangen ist, habe sie es nicht verlernt 1+1 zusammenaddieren zu können. Hier bei uns wird doch die Bevölkerung total verarscht mit Augenwischereien der ganzen Pseudowirtschaftsexperten, so stellt der dumme Michel keine Fragen.

Und ich muss hier ganz klar sagen, dass ich inzwischen bei dem ganzen Sozialismus,den ihr hier Marktwirtschaft nennt, langsam den Gedanken von Zwangsenteignungen der Vermögenden hege. Seit Lehman wird das gesamt Finanz-Gesocks durch künstliche Geldvermehrung der korrupten Notenbanken am Leben gehalten und dessen Vermögen noch weiter exponentiell gesteigert.

Würde der Michel verstehen, wie das ganze Finanzsystem funktioniert, hätten wir morgen schon bei uns derartige Unruhe wie zur Zeit in GB.

Je mehr ihr versucht, den Michel mit Augenwischerei, Brot und Spielen zu besänftigen, umso schlimmer und radikaler wird sich diese unterdrückte Gewalt irgendwann entladen.

Sorry für die Wortwahl, aber ich als junger Mensch, der dieses Trauerspiel von Finanzzirkus miterleben muss, wollte euch Scheuklappenträgern mal die Realität aufzeigen. Auch bei uns an den Uni brodelt es. Politikverdrossenheit ist da noch das geringste Übel!!! Die Radikalität wächst!

GOLDI

09.08.2011, 12:15 Uhr

Frankreich, jetzt England ist nur der Anfang.
Es ist nur eine Frage der Zeit bis es uns hier in Deutschland voll aber richtig voll erwischt.
Noch kann man die Bürger mit DSDS und next Top Model oder Supernanni bei Laune halten, aber wenn der Kaufkraftverlust durch höhere Inflation und Sozialkürzungen bei den "kleinen"Bürgern im Geldbeutel voll durchschlägt... mag gar nicht daran denken.

Moika

09.08.2011, 12:37 Uhr

Wie heißt es so schön, Herr Maisch: The Party is over.

Nach dem Verlust ihres größten Teils der produzierenden Industrien glaubte das einstige Weltreich, durch das aufblasen der Dienstleistungsbereiche ein nachhaltiges Äquivalent zu finden. Sie haben zu spät begriffen, daß die Schaffung von Mehrwert aus der Produktveredelung durch nichts zu ersetzen.

Der Finanzplatz London wird zukünftig mehr und mehr an Gewicht verlieren - und dann? Bleibt nicht mehr viel...

Die verloren gegangenen Arbeitsplätze in der Industrie sind eben nicht durch 3 oder 4 € (Pfund) Stellen als Pizzafahrer oder Botengänger zu ersetzen. Und der Anteil der auf dem untersten Lohnnivieau Schaffenden steigt und steigt.

Hinzu kommt das Problem mit den teilweise nicht zu integrierenden Bevölkerungsteilen aus den ehemaligen Kolonien des Imperiums.

Meiner Meinung nach beginnt sich die semi-offene britische Gesellschaft langsam aufzulösen - mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Da wird noch einiges auf die Engländer zukommen, denn nach diesen Nächten wird nichts mehr so sein wie zuvor, das wird nicht vergessen werden. Die dazu gehörenden Stereotype werden ihr Übriges tun...

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