Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.01.2004

09:13 Uhr

Krawatte bleibt im Schrank

US-Wahlkampf: Patriotismus als Waffe

VonMichael Backfisch

Der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry spielt geschickt die patriotische Karte: Er setzt auf seine Vergangenheit als Vietnam-Veteran.

John Kerry, Kandidat der Demokraten. Foto: dpa

John Kerry, Kandidat der Demokraten. Foto: dpa

MANCHESTER. Der Mann mit der blauen Baseballmütze presst den Telefonhörer fest ans Ohr, denn der Geräuschpegel ist hoch. „Hallo, Kamerad: Am Dienstag brauchen wir deine Stimme, um Präsident George W. Bush nach Texas zu schicken.“ Der 57-jährige Drew Whitlow, ein hagerer Typ mit grauem Backenbart, ist Vietnam-Veteran. Seit drei Stunden ruft er ehemalige US-Soldaten an, um Reklame für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry zu machen. „John war 1968 Kommandeur unseres Patrouillen-Bootes auf dem Mekong“, sagt Whitlow. „Er ist für uns durchs Feuer gegangen, zeigte Mut und Führungsstärke: So einen brauchen wir in Washington.“

Whitlow spricht bedächtig, erklärt oder hört einfach nur zu. Seine 20 Kollegen der „Veteranen-Brigade“ tun das Gleiche. Sie haben in Kerrys Wahlkampf-Zentrale in Manchester im Bundesstaat New Hampshire einen eigenen Tisch. „Anpacken, was für Amerika richtig ist“, steht mit großen Lettern in den Nationalfarben Blau-Weiß-Rot an der Wand. Morgen finden an der Ostküste Vorwahlen über den Herausforderer von George Bush statt. Sowohl eingetragene Demokraten als auch Unabhängige dürfen abstimmen. Die 140 000 Veteranen in dem 1,2 Millionen Einwohner zählenden Staat sind eine wichtige Zielgruppe.

Der Senator aus Massachusetts versäumt in diesen Tagen keine Gelegenheit, seine Vergangenheit als politischen Trumpf zu nutzen. Vor seiner Rede in der großen Halle der Jewish Federation of Greater Manchester wird Kerry vom ehemaligen Senator Max Cleland vorgestellt – auch ein Vietnam-Veteran, der im Krieg beide Beine und einen Arm verloren hat und im Rollstuhl sitzt. Cleland sagt dann Sätze wie: „John Kerry war da. Er hat es überstanden, und er hat ein paar Löcher in seinem Hemd.“ Die Menge klatscht, „Kerry, Kerry“-Rufe donnern durch den Raum. Jeder weiß, dass der Kandidat mehrere Auszeichnungen für Tapferkeit an der Front erhielt. Wer sich in der Schlacht bewährt hat, ist in Amerika ein Held.

Kerry, 60, greift danach zum Mikrofon: „Als Präsident werde ich niemals unsere Männer und Frauen in den Krieg schicken, ohne dass ein unumstößlicher Grund vorliegt.“ Ein Seitenhieb gegen Bush, der den Irak-Einsatz lange mit der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen gerechtfertigt hatte. Die Worte kommen leicht gedehnt, doch Kerrys Stimme wird dabei immer lauter, was seinem Vortrag eine unterschwellige Dramatik verleiht. „Kein Wunder, dass der Präsident die nationale Sicherheit zum Thema macht: Er hat weder auf dem Arbeitsmarkt noch im Bildungs- und Gesundheitssystem etwas auf die Reihe gebracht“, attackiert er. „Ich freue mich auf dieses Duell.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×