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08.08.2014

16:41 Uhr

Krieg im Irak

„Die Terrorgruppe IS toppt auch Osama Bin Laden“

VonMaike Freund, Daniel Klager

Die USA fliegen erste Angriffe gegen Dschihadisten, die Minderheiten im Irak bedrohen. Doch Experten sind sich sicher: Ein Luftangriff allein wird nicht reichen, um die Terrorgruppe IS zu besiegen.

US-Luftangriffe auf Irak genehmigt

„Heute eilt Amerika zur Hilfe!“

US-Luftangriffe auf Irak genehmigt: „Heute eilt Amerika zur Hilfe!“

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DüsseldorfMuslimisch oder tot. Etwas anderes gibt es für die IS nicht. Die Terrorgruppe Islamischer Staat wütet seit Wochen im Irak auf dem Feldzug des Kalifats. Nun reicht es auch Barack Obama. Die Hilferufe irakischer und kurdischer Politiker, die katastrophale Situation der Jesiden, einer religiösen Minderheit im Norden des Iraks sowie die drohende Gefahr für die verbliebenen Christen im Land und der maßlose Terror der IS: Das hat den US-Präsidenten dazu gebracht, doch noch sein Okay zu Luftangriffen im Irak zu geben. Seit Freitagnachmittag fliegt die US-Luftwaffe erste Angriffe auf Dschihadisten-Stellungen. Den Einsatz von Bodentruppen schließt Obama allerdings weiterhin aus.

„Luftangriffe der USA allein werden nicht reichen“, sagt Terrorexperte Rolf Tophoven im Gespräch mit Handelsblatt Online. Das zeige die vergleichbare Situation im Gazastreifen. Auch dort habe Israel die Hamas erst dann schwächen können, nachdem Bodentruppen einen Großteil der Tunnel zerstört haben. Diese könnten präziser Vorgehen. „Militärisch erfolgreich kann nur eine Luft-Boden-Operation sein.“

Jesiden – die verfolgte Minderheit

Verbreitung

Die größte Gemeinde gibt es im Irak, nach Angaben der Minderheit leben dort 600.000 Jesiden. Andere Schätzungen gehen von 100.000 aus. In Deutschland lebt die größte Exilgemeinde, hier gehen die Jesiden von 45.000 bis 60.000 Religionsangehörigen aus. In Syrien, der Türkei, Armenien und Georgien leben ebenfalls mehrere tausend Jesiden. Eine offizielle Zählung gibt es nicht.

Ursprung

Als Jeside wird man geboren, konvertieren kann man zu dem Glauben nicht. Die Jesiden-Tradition untersagt Hochzeiten mit Nicht-Jesiden sowie außerhalb der Kaste. Normalerweise geht mit einer Mischhochzeit daher der Austritt aus dem Glauben einher.

Glaube

Der jesidische Glaube ist eine monotheistische Religion und enstand vor über 4000 Jahren in Mesopotamien. Der Glaube beruht teilweise auf dem altpersischen Kult des Zoroastrismus, im Laufe der Zeit kamen auch islamische und christliche Elemente dazu.

Religion

Die meisten Jesiden sind arme Bauern und Hirten. Jesiden beten der Sonne zugewandt zu ihrem Gott und verehren seine sieben Engel. Der wichtigste ist Melek Taus, auch Engel Pfau genannt. Eine feste religiöse Schrift haben die Jesiden nicht, ihre Religion orientiert sich an mündlichen Überlieferungen. Die Jesiden glauben an Seelenwanderung und Wiedergeburt.

Verfolgung

Viele strenggläubige Muslime und vor allem auch Islamisten sehen im Engel Pfau eine dämonische Figur und betrachten die Jesiden daher als „Teufelsanbeter“. Auch andere Vorgaben wie zum Beispiel das Verbot, Kopfsalat zu essen oder die Farbe Blau zu tragen, werden von anderen Religionen als satanisch missinterpretiert. Als nichtarabische und nichtmuslimische Iraker wurden die Jesiden schon unter Saddam Hussein im Irak verfolgt und vertrieben. Im August 2007 wurden zwei jesidische Dörfer im Nordirak beinahe vollständig zerstört. Mehr als 400 Jesiden starben. Es war der blutigste Angriff auf die Minderheit seit der US-geführten Invasion im Irak im Jahr 2003.

Die Alternative für Tophoven: Ein Zusammenschluss der Sunniten, Schiiten und Kurden im Irak, um sich gemeinsam gegen das Kalifat, den sunnitischen Gottesstaat der Terrorgruppe IS zu wehren. Doch die Aussichten dafür schätzt der Terrorexperte gering ein. Zu groß seien die gegenseitigen Vorurteile und Ängste der ethnischen Gruppen. Tophoven fürchtet, dass dies zum Bürgerkrieg im Irak führen könnte.

Es gibt noch einen weiteren Grund: das drakonische, barbarische Vorgehen der IS. „Die Terrorgruppe IS toppt auch Osama Bin Laden“, sagt Tophoven. Ihr Vorgehen – beispielsweise Frauen beschneiden, Menschen kreuzigen – sei so brutal, dass sich auch andere islamistische Terrorgruppen vom Islamistischen Staat distanzieren würden. Und: Durch den Überfall auf den Irak habe die Terrorgruppe seine Macht von Syrien aus ausgebreitet. Nie zuvor habe sich eine Terrororganisation eines solch großen Territoriums bemächtigt.

Der Experte glaubt, dass auch für Deutschland die Gefahr groß ist. Nicht nur, weil islamistische Kämpfer nach Syrien ausreisen würden. Sondern weil sie kampferprobt und radikalisiert nach Deutschland zurückkehren würden und auch hier terroristische Operationen durchführen könnten.

Kommentare (4)

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Herr peterchen Mondfahrt

08.08.2014, 19:21 Uhr

Leider erleben wir jetzt in Syrien und im Irak die Folgen einer amerikanischen Außenpolitik, die nur dem Interesse einer kleinen Clique von politischen Hasardeuren den Zugang zu den Fleischtöpfen einer reichen Nation verschaffen sollte. Niemand hat sich um die Folgen geschert, nachdem Saddam Hussein beseitigt sein würde, der als einziger die zerstrittenen Gruppen im Irak im Zaum halten konnte. Etwas ähnliches sehen wir jetzt wieder in der Ukraine. Nach uns die Sintflut, das durchgehende Motto der US-Außenpolitik.

Herr Andreas Maehler

08.08.2014, 19:46 Uhr

..........Die Terrorgruppe IS toppt auch Osama Bin Laden“.........

aber doch bestimmt nicht obama.....oder

Frau Ich Kritisch

08.08.2014, 19:54 Uhr

Sanktionen gegen die USA!
Leute kauft einfach nichts mehr das von US-Amerikanischen Firmen produziert oder vertrieben wird.
Es gibt mehr als genug europäischen Ersatz!

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