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29.07.2014

20:52 Uhr

Krieg in Gaza

Die Tunnel der Angst

VonMartin Gehlen

Israel will den Krieg nicht beenden, solange die Tunnel unter Gazas Grenzen existieren. Doch die Enklave kann auf die bizarre Unterwelt nicht verzichten. Auch wenn die Hamas durch die Gänge nicht nur Schafe schmuggelt.

Kein Ende der Gewalt

Hamas veröffentlicht Überfall-Video

Kein Ende der Gewalt: Hamas veröffentlicht Überfall-Video

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Kairo„Wir werden den Einsatz nicht beenden, bevor wir die Tunnel zerstört haben.“ Es ist Israels Premier Benjamin Netanjahu, der das am Montag noch einmal bekräftigt. „Die israelischen Bürger können nicht unter der Bedrohung durch Raketen und Tunnel leben – unter Todesdrohung von oben und von unten.“ Und so geht das Bombardement weiter. Eines der wichtigsten Ziele: das Tunnelsystem. Doch Gaza kann auf die Tunnel nicht verzichten. Denn das Gebiet ist auf dem Globus ohne Beispiel.

1,8 Millionen Menschen sind hier zusammengepfercht, abgeschnürt vom Rest der Welt durch Betonmauern und Megazäune. Die Enklave hat keinen Hafen und keinen Flughafen. Alle Grenzübergänge sind seit Jahren fest verriegelt. Menschenrechte wie Freizügigkeit und Reisefreiheit existieren nicht im Leben der Eingeschlossenen, für die der Ausnahmezustand Normalität ist. 60 Prozent sind arbeitslos und total verarmt, die seit 2007 von Israel und Ägypten gemeinsam verhängte Blockade stranguliert die Wirtschaft. Das ist der Grund, weshalb sich mit den den Jahren entlang der Gaza-Grenzen eine bizarre Unterwelt entwickelt hat aus nahezu zweittausend Tunneln, die Mehrzahl kommerziell, eine Minderzahl militärisch. Die Wirtschaftstunnel liegen an der Grenze zu Ägypten, die Militärtunnel überwiegend an der Grenze zu Israel.

Die 1800 Schmuggelröhren mit Ägypten verlaufen überwiegend unter Rafah, der geteilten Grenzstadt. Selbst Schafe, Kühe und komplette Autos fanden unter Tage den Weg in den Küstenstreifen, durch Tunnel, die aus aneinander geschweißten Frachtcontainern bestanden. Hosni Mubarak hatte die unterirdischen Transporteure seit dem Massenausbruch verzweifelter Gaza-Bewohner Anfang 2008 gewähren lassen. Sein Nachfolger Mohammed Mursi erklärte sich sogar bereit, den überirdischen Grenzübergang erstmals seit Jahren wieder für den Reiseverkehr zu öffnen. Doch seit dem Sturz des Muslimbruders im Sommer 2013 sind die Zeiten vorbei, als es überall in Rafah nach Diesel roch und sich in den Gassen hochbeladene Pickups tummelten.

Das Tunnelsystem der Hamas

Das Hauptziel Israels

Eines der Hauptziele der israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen ist das weit verzweigte Tunnelsystem der Hamas. Die radikal-islamische Organisation hat unter ihrem Herrschaftsgebiet Hunderte dieser unterirdischen Gänge gegraben. Sie verlaufen zumeist im Grenzgebiet zu Israel und Ägypten – vor allem in der Nähe des Rafah-Grenzübergangs – und dienen unterschiedlichen Zwecken. Auch zwischen Häusern im Inneren des Gazastreifens verlaufen Tunnel, die als Fluchtwege für militante Kämpfer dienen. Die gesamte Führung der Hamas versteckt sich nach israelischen Informationen seit Beginn der Offensive am 8. Juli in unterirdischen Betonbunkern.

Zerstörte Tunnel

Ägypten hat bisher nach Militärangaben rund 1400 Tunnel zerstört, die in den Gazastreifen führten. Auch das israelische Militär spürt immer wieder unterirdische Tunnel auf. Israels Armee hat nach eigenen Angaben seit Beginn der Offensive im Gazastreifen am 8. Juli 230 Mal unterirdische Tunnel angegriffen.

Zweck der Tunnel

Die in Richtung des israelischen Staatsgebiets gegrabenen Tunnel dienen vor allem Terrorzwecken. Durch die Gänge, die oft in monatelanger mühsamer Arbeit ausgehoben und mit Zement verstärkt werden, können bewaffnete Kämpfer über die Grenzen geschleust werden, um Anschläge zu verüben. Ein weiteres Ziel ist die Entführung von Israelis, bevorzugt Soldaten. Durch einen solchen Tunnel wurde 2006 auch der Grenzsoldat Gilad Schalit in das Palästinensergebiet verschleppt.

Ägypten und die Tunnel

Die im Grenzgebiet zu Ägypten gegrabenen Tunnel dienten jahrelang als Schmugglerwege und damit als „Lebensader“ des blockierten Palästinensergebiets. Mit der Entmachtung der mit der Hamas verbündeten Muslimbruderschaft vor einem Jahr begann Ägypten jedoch massiv gegen diese Tunnel vorzugehen und sie zu zerstören. Ägypten wirft der Hamas vor, zusammen mit der Muslimbruderschaft das Land zu destabilisieren.

Zerstörungsmöglichkeiten der Tunnel

Die Zerstörungsmöglichkeiten mit Luftangriffen seien begrenzt, betonte Israel vor Beginn der Bodenoffensive immer wieder. Die nach Israel führenden Tunnel würden meist erst im letzten Moment entdeckt, wenn die palästinensischen Kämpfer aus dem Ausgang herauskommen, erklärte der frühere Leiter des Einsatzkommandos der israelischen Streitkräfte, Israel Ziv. Es gebe auch ein ausgeklügeltes System mit Strom und Belüftung um die Tunnel herum. „Sobald man den Boden kontrolliert, kann man die Tunnel effektiv bekämpfen“, sagte er.

Der neue starke Mann am Nil, Präsident Abdel Fattah al-Sissi, ließ sämtliche Stollen sprengen. Der unterirdische Warenverkehr brach zusammen, das einträgliche Schmuggelgeschäft, von dem nicht nur die Beduinenclans auf dem Sinai, sondern auch die Hamas-Regierung über Tunnelsteuern profitierte, existiert nicht mehr.

Auch der oberirdische Grenzübergang war im vergangenen halben Jahr lediglich an 17 Tagen offen. Sogar während des israelischen Dauerbombardements ließen die Ägypter – anders als Libanon, Türkei und Jordanien im syrischen Bürgerkrieg – praktisch keine Flüchtlinge durch. Lediglich einige Dutzend Schwerverletzte durften in Rafah passieren, 800 Palästinenser mit ägyptischen oder ausländischen Pässen ebenfalls. Selbst Ehepartner mit palästinensischen Papieren wurden abgewiesen und von ihren Familien getrennt.

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