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23.08.2011

19:00 Uhr

Krieg in Libyen

Gaddafis Palast wird geplündert

Gaddafis Herrschaft liegt in Trümmern. Nach heftigen Gefechten haben die Rebellen seine Residenz gestürmt. Im Freudentaumel schleppen sie Waffen weg und fallen über die Symbole Gaddafis her. Doch wo ist der Diktator?

Rebellen treten auf dem Kopf einer Gaddafi-Statue herum. dapd

Rebellen treten auf dem Kopf einer Gaddafi-Statue herum.

Tripolis/Kairo/Berlin/Brüssel/Zagreb/Bengasi/IstanbulDie Aufständischen in Libyen sind nach Informationen des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira und der Nachrichtenagentur Reuters in die Residenz von Muammar al-Gaddafi in Tripolis eingedrungen. Die Agentur AP meldet "hunderte Rebellen" hätten die Residenz gestürmt. Im Fernsehprogramm der Rebellen wurde berichtet, es sei bereits gelungen auf Gaddafis Bastion eine Flagge zu hissen.

Bei der Erstürmung der mit hohen Mauern befestigten und mehreren Toren versehenen Anlage Bab al-Asisija seien zwölf Aufständische getötet worden. Die Rebellen innerhalb der Residenz feierten nach Angaben des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira den Sturm der Gaddafi-Residenz mit Freudenschüssen und riefen: „Gott ist groß“. Auf Live-Bildern von Al-Dschasira war zu sehen, wie Kämpfer ein Denkmal umzustürzen, das eine goldene Hand zeigt, die ein Flugzeug zermalmt. Das Denkmal erinnert an die Bombardierung der Gaddafi-Residenz durch die USA in den 80er Jahren.

Zuvor war über heftige Gefechte rund um die riesige Anlage Bab al-Asisija berichtet worden, in der sich die Residenz befindet. Rebellen vermuten Gaddafi in einem Bunkerkomplex in der Anlage. Beobachter vermuten jedoch auch, dass er durch das Bunker- und Tunnelsystem geflüchtet sein könnte. Nach Angaben eines engen russischen Vertrauten ist Gaddafi noch in der Hauptstadt Tripolis. Der Vorsitzende des Weltschachbundes FIDE, Kirsan Iljumschinow, sagte in einem Interview der russischen Nachrichtenagentur Interfax, er habe am Dienstag mit Gaddafi telefoniert. Ein Sprecher des amerikanischen Verteidigungsministeriums hatte zuvor gesagt, die USA gingen davon aus, dass Gaddafi noch in Libyen sei.

Der britische Sender BBC berichtete von Gefechten auch in anderen Stadtteilen. Unter anderem seien Explosionen und Schießereien in der Nähe des Hotels Rixos zu hören, in dem etwa 30 westliche Journalisten untergebracht sind. Laut Nachrichtenagentur AFP wurde das Gebäude von einer Explosion in der Nähe erschüttert.

Libysche Rebellen in Tripolis. dapd

Libysche Rebellen in Tripolis.

Die humanitäre Lage in der umkämpften Stadt spitzt sich derweil nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen zu. „Einigen Krankenhäusern sind lebensrettende Medikamente und medizinisches Material ausgegangen“, teilte Nothilfekoordinator Jonathan Whittal am Dienstag mit. „Es gibt Probleme mit der Stromversorgung und zu wenig Treibstoff für Krankenwagen und wichtige medizinische Geräte.“ Die Kämpfe in der Stadt erhöhten den Druck auf die medizinischen Einrichtungen.  

In den Krankenhäusern in Jafran und Al-Sawija südwestlich von Tripolis seien in den vergangenen Tagen deutlich mehr Verwundete eingeliefert worden, berichtete die Organisation weiter. In Misrata versorgten die Teams von Ärzte ohne Grenzen auch die Menschen in den Gefängnissen. In Bengasi würden Mitarbeiter und Patienten auch psychologisch betreut.

Aus Slitan seien nach Kämpfen Ende der Woche Verwundete ins Krankenhaus von Misrata gebracht worden. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist nach eigenen Angaben seit dem 25. Februar mit 44 libyschen Angestellten und 30 internationalen Mitarbeitern in Libyen im Einsatz. Whittal befindet sich seit Anfang August in der libyschen Hauptstadt.  

Die 40-jährige Herrschaft Gaddafis in Libyen

1969

Als 27-Jähriger führt Muammar al Gaddafi einen weitgehend friedlichen Putsch an, mit dem die erst seit 1951 bestehende Monarchie gestürzt wird, und etabliert sich bald als unangefochtener Herrscher im Land.

1970

Gaddafi leitet sozialistische Reformen ein, viele Unternehmen werden verstaatlicht.

1979

Gaddafi tritt vom Amt des Generalsekretärs des Allgemeinen Volkskongresses zurück, als „Revolutionsführer“ bleibt er de facto Staatsoberhaupt.

80er Jahre

Gaddafi unterstützt zunehmend Gruppen, die im Westen als terroristisch eingestuft werden, einschließlich der nordirischen IRA sowie radikaler Palästinenserorganisationen. Nach einem Anschlag auf die bei Amerikanern beliebte Diskothek „La Belle“ in Berlin, hinter der das libysche Regime vermutet wird, greifen US-Flugzeuge 1986 Ziele in Libyen an und töten dabei nach Angaben des Regimes die neugeborene Adoptivtochter Gaddafis.

1988

Bei einem Anschlag auf ein Flugzeug über der schottischen Kleinstadt Lockerbie werden 270 Menschen getötet, die meisten von ihnen Amerikaner. Der Verdacht fällt schnell auf Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes. Das Land gerät international zunehmend in die Isolation.

1992

Der UN-Sicherheitsrat verhängt Sanktionen gegen Libyen, weil das Land sich weigert, zwei wegen des Attentats verdächtigte Männer auszuliefern.

1999

Erste Zeichen einer Annäherung an den Westen: Gaddafi schwört dem Terrorismus ab und liefert die beiden Männer aus, die für den Lockerbie-Anschlag verantwortlich gemacht werden.

2001

Einer der beiden wegen des Lockerbie-Anschlags Angeklagten wird in Schottland zu lebenslanger Haft verurteilt, der andere kommt wieder frei.

2003

Libyen übernimmt offiziell die Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag. Gaddafi verspricht großzügige Entschädigung für die Angehörigen der Opfer. Zudem erklärt er sich zum Verzicht auf Massenvernichtungswaffen bereit. Der UN-Sicherheitsrat hebt die Sanktionen auf. Gründung der Afrikanischen Union, als deren Initiator Gaddafi gilt.

2004

Mehrere westliche Regierungschefs besuchen Libyen - unter anderen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Gaddafi besucht die EU-Kommission in Brüssel.

2008

Fünf bulgarische Krankenschwestern und ein Arzt palästinensischer Abstammung werden nach achtjähriger Haft in Libyen freigelassen. Sie waren beschuldigt worden, Kinder vorsätzlich mit dem HI-Virus infiziert zu haben. Sie gestanden die Tat unter Folter und wurden zum Tode verurteilt.

2009

Nachdem zunehmend Migranten aus ganz Afrika von Libyen aus mit Booten nach Europa übersetzen, tritt ein erstes Abkommen mit Italien über gemeinsame Meerespatrouillen in Kraft. Der 40. Jahrestag des Putsches wird in Libyen groß gefeiert. Der verurteilte Lockerbie-Attentäter wird wegen einer schweren Erkrankung in Schottland aus der Haft entlassen und in der Heimat als Held empfangen.

2010

Nach fast zwei Jahren Haft in Libyen kommen zwei Schweizer frei. Die beiden Männer waren wegen angeblicher Verstöße gegen Visa-Vorschriften und illegaler Einreise verurteilt worden, nachdem die Schweizer Polizei im Jahr 2008 einen Sohn von Gaddafi festgenommen hatte. Libyen zog außerdem Investitionen aus der Schweiz ab.

Februar 2011

Wie in anderen Ländern der arabischen Welt gehen in Libyen Demonstranten mit Forderungen nach politischen Reformen auf die Straße. Regimetreue Kräfte gehen gewaltsam gegen die Proteste vor und schießen auf friedliche Demonstranten. Wenige Tage später warnt ein Sohn Gaddafis, Saif al Islam, angesichts der Proteste gegen seinen Vater vor einem Bürgerkrieg.

17. März

Der UN-Sicherheitsrat verabschiedet eine Resolution zur Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen. Für den Entwurf stimmen zehn Mitglieder des Gremiums, fünf enthielten sich, darunter Deutschland, Russland und China. Die Resolution ermächtigt die Mitgliedsstaaten, „alle notwendigen Maßnahmen zu treffen“, um die Zivilbevölkerung in dem nordafrikanischen Land vor den Truppen von Machthaber Mummar al Gaddafi zu schützen. Eine Bodenoffensive wird jedoch ausgeschlossen.

18. März

Nur wenige Stunden nach der Verhängung einer Flugverbotszone über Libyen durch den Sicherheitsrat ruft die libysche Regierung nach Aussage von Außenminister Mussa Kussa eine Waffenruhe aus und erklärt die Kampfhandlungen für beendet.

19. März

Beginn der Luftangriffe auf libysche Truppen. Französische Kampfjets fliegen bei Bengasi Einsätze, um ein weiteres Vorrücken der Regierungskräfte auf die Rebellenhochburg zu verhindern.

7. Juni

Der libysche Machthaber kündigt an, „bis zum Tod“ kämpfen zu wollen. In einer im nationalen Fernsehen ausgestrahlten Rede teilt er mit, er werde nicht kapitulieren.

27. Juni

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag erlässt Haftbefehl gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al Islam und den libyschen Geheimdienstchef Abdullah al Sanussi. Ihnen werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.

1. Juli

Gaddafi droht mit Anschlägen in Europa, sollte die NATO ihre Luftangriffe gegen sein Regime fortsetzen. Wenn die Angriffe nicht eingestellt würden, „können wir beschließen, euch ähnlich zu behandeln“, erklärt der Diktator in einer vor tausenden Anhängern in Tripolis veröffentlichten Audiobotschaft. „Wenn wir es beschließen, können wir ihn (den Kampf) auch nach Europa bringen.“

22. August

Nach sechsmonatigem Krieg bringen die Rebellen weite Teile der Hauptstadt Tripolis unter ihre Kontrolle. Noch am Vortag hatte Gaddafi die Bewohner von Tripolis zur Verteidigung der Hauptstadt aufgerufen. „Jetzt ist es an der Zeit, für eure Politik, euer Öl, euer Land zu kämpfen“, rief er in einer vom staatlichen Fernsehen gesendeten Audiobotschaft.

10. September

Nach Ablauf eines Ultimatums beginnt der Sturm auf die Gaddafi-Hochburgen Sirte und Bani Walid.

21. September

Die NATO-Staaten verlängert das Mandat für den Libyen-Einsatz bis zum Jahresende.

17. Oktober

Libysche Revolutionsstreitkräfte erobern den Großteil von Bani Walid.

20. Oktober

Nach zunächst unbestätigten Berichten wurde Gaddafi getötet, seine Heimatstadt Sirte wurde erobert.

Während das Gaddafi-Regime in Tripolis geschlagen scheint, ist Libyens Zukunft weiter ungewiss. Die Botschafter der EU-Länder kommen am Dienstagnachmittag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Dabei wollten sie der Bevölkerung Hilfe für den Wiederaufbau und die Demokratisierung nach dem Ende des Gaddafi-Regimes zusichern, verlautete vorab aus Diplomatenkreisen.    

Zugleich wurde ein Aufruf an die Rebellen erwartet, in der Umbruchphase keine Rache an Anhängern Muammar al Gaddafis zu nehmen und die Menschenrechte zu wahren. Auch innerhalb der Rebellen soll es nach Angaben von DPA zu Gefechten gekommen sein. Angeblich bekamen sich die Rebellen in die Haare, als es darum ging, wer zuerst den internationalen Flughafen von Tripolis und den Militärflughafen Mitiga einnehmen darf. Das macht auch die Äußerung des Vorsitzenden des nationalen Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil verständlich, der die Rebellen in scharfem Ton zur Ordnung gerufen und mit Rücktritt gedroht hatte.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

23.08.2011, 15:05 Uhr

Eiegntlich wäre es nicht mehr als recht, wenn man dieses Schurkenpack öffentlich aufhängt und hängen lässt bis sie vermodet sind. Das selbe Theater, wie in Ägypten, wo es dann auch wieder viele Tote und Verletzte gibt, sollte man sich ersparen, und grosse Medienauftritte verhindern. Die hatten sie bereits über 40 Jahre lang. genug ist genug !

KarlNall

23.08.2011, 15:48 Uhr

Interessant, und in den "befreiten Ländern" wie Irak und Afghanistan, Ägypten und Tunesien ist alles prima. Warum sterben dort jetzt mehr Menschen als vorher, und warum flüchten so viele? Die aufgezwungene Demokratie ist doch so super!

Alexandrialover

23.08.2011, 18:25 Uhr

Demokratie passt nicht zum arabischen Temperament, scheint's...

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