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21.03.2011

14:45 Uhr

Krieg in Libyen

Gaddafis Sohn soll tot sein

Gaddafi ruft zum Marsch auf Benghasi auf, benutzt Zivilisten als Schutzschilde, verkündet eine neue Waffenruhe - doch die Bomben fallen weiter: Sein Sohn Chamies soll tot sein. Macht nun die Nato bei dem Einsatz mit?

Westliche Truppen setzen Angriffe auf Libyen fort

Video-News: Westliche Truppen setzen Angriffe auf Libyen fort

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Tripolis/BrüsselEin Sohn des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi soll nach Berichten von Oppositionellen und arabischen Medien Opfer eines Kamikaze-Piloten geworden sein. Chamies al-Gaddafi sei in einem Krankenhaus in Tripolis an den Folgen schwerer Brandverletzungen gestorben, hieß es in den Berichten am Montag.

Diese habe er erlitten, als ein Pilot der libyschen Luftwaffe vor einigen Tagen mit seinem Kampfjet absichtlich auf den Stützpunkt Bab al-Asisija stürzte, in dem Gaddafi und seine Familie leben. Die Aufständischen hatten schon zuvor den Namen und ein Foto des mutmaßlichen Kamikaze-Piloten veröffentlicht.

Der Pilot Mokhtar Mohammed Othman hatte angeblich den Auftrag erhalten, Ziele in der Rebellen-Hochburg Adschdabija im Osten des Landes zu bombardieren, sein Flugzeug dann aber in Richtung auf den Stützpunkt gelenkt, der in der vergangenen Nacht auch Ziel eines Angriffs der westlichen Allianz zur Durchsetzung des Flugverbotes war. Von offizieller Seite war der Absturz des Kamikaze-Piloten, bei dem auch Gaddafis Sohn Saadi leicht verletzt worden sein soll, dementiert worden.

Gaddafi kämpft mit immer brutaleren Mitteln gegen seinen Untergang: Gaddafi-Truppen bringen nach Angaben eines Sprechers der Rebellen Zivilisten in die umkämpfte Stadt Misrata, um sie dort als menschliche Schutzschilde einzusetzen. Bewohnern zufolge ist die Stadt von Gaddafi-Truppen eingekesselt und von der Wasserversorgung abgeschnitten. Im Stadtzentrum halten sich demnach bewaffnete Gaddafi-Truppen in zivil auf.

Auch in Adschdabija spitzte sich die Lage zu. Ein Aufständischer sagte dort: „Wenn wir nicht mehr Hilfe vom Westen bekommen, werden uns Gaddafis Truppen lebendig aufessen.“

Das neue Angebot einer Waffenruhe des Gaddafi-Regimes stößt bei den USA und Großbritannien auf Skepsis. Die Luftschläge der Alliierten gegen Ziele in dem nordafrikanischen Land gingen am Sonntag weiter. Am Abend wurde eine Kommandozentrale in Tripolis getroffen. Die Nato ist weiter gespalten über eine mögliche Beteiligung an der Militäraktion. Die französische Regierung erklärte, der Militäreinsatz werde wohl noch „eine ganze Weile“ andauern.

Die britische Regierung erklärte am Sonntagabend in London, als am Freitag erstmals eine Waffenruhe von der libyschen Führung verkündet worden sei, sei diese wenige Stunden später gebrochen worden. „Wir haben am Freitag gesagt, dass wir Gaddafi nicht an seinen Worten, sondern an seinen Taten messen“, verlautete aus Regierungskreisen.  

Der Sicherheitsberater von US-Präsident Barack Obama, Tom Donilon, spottete: „Es ist nicht wahr oder sie wurde sofort verletzt.“ Ein hoher Beamter des Weißen Hauses sagte nach Angaben des TV-Senders ABC: „Wir werden seine Handlungen beachten, nicht seine Worte.“ Ein Sprecher der libyschen Streitkräfte in Tripolis hatte erklärt, die Waffen würden bereits ab Sonntagabend schweigen. Damit folge man einem Vorschlag der Afrikanischen Union.

Der arabische TV-Sender Al-Arabija berichtete allerdings am Montag unter Berufung auf Augenzeugen, dass Gaddafi-Truppen Stellungen der Rebellen in der Stadt Al-Sintan angegriffen haben. Die Ortschaft war in den vergangenen Wochen bereits mehrfach Schauplatz heftiger Kämpfe gewesen. 

Kurz vor Verkündung des zweiten Waffenstillstands hatte Gaddafi in einer vom libyschen Staatsfernsehen ohne Bild übertragenen Rede einen „langen, ruhmreichen Krieg“ gegen die „Monster“ und „Kriminellen“ angekündigt. Eine Million Libyer würden dafür bewaffnet.

Im Krieg gegen die „Kreuzritter“ werde „das ganze Mittelmeer zum Schlachtfeld“, sagte Gaddafi. „Dies ist nun eine Konfrontation des libyschen Volkes mit Frankreich, Großbritannien und den USA, mit den neuen Nazis“, sagte Gaddafi.

Gaddafis Strategie wird immer grotesker: Nachdem seine Panzer vor Benghasi zerstört wurden, will Libyens Staatschef nun Tausende seiner Anhänger zur Rebellenhochburg marschieren lassen - in friedlicher Absicht, aber mit Waffen. Gaddafi habe sich mit Mitgliedern eines Volkskomitees getroffen, um diesen „grünen Marsch“ nach Bengasi zu organisieren, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Jana in der Nacht zum Montag.  

Die „Demonstranten“, zu denen Abgeordnete der verschiedenen Stämme des Landes gehören sollten, würden sich „mit Olivenzweigen in der Hand“ in friedlicher Absicht auf dem Weg in die Stadt im Osten machen, hieß es. Sie würden jedoch von bewaffneten Bürgern begleitet, da die andere Seite ebenfalls bewaffnet sei. Ziel dieser Demonstration sei es, die Pläne der Ausländer zu durchkreuzen, die Libyen zersplittern und ausplündern wollten.

Bei den Luftangriffen der Libyen-Koalition wurde am Sonntagabend auch ein Gebäude auf dem Stützpunkt Bab al-Asisija, auf dem sich auch die Residenz Gaddafis befindet, schwer beschädigt. Wo sich Gaddafi zu dem Zeitpunkt aufgehalten habe, sei unbekannt. Der Nachrichtensender CNN berichtete unter Berufung auf die Koalitionstruppen, dass das Gebäude als militärisches Kommandozentrum diente.  

US-Vizeadmiral William Gortney hatte am Sonntag in Washington gesagt, dass sich die Angriffe nicht gegen Gaddafi als Person richten. „Gaddafi steht nicht auf unserer Zielliste“, sagte er im Pentagon.  

Gortney bestätigte, dass es bei den bisherigen Angriffswellen gelungen sei, die libysche Luftabwehr entscheidend zuschwächen. Auf Seite der Alliierten habe es bisher keine Verluste gegeben. „Keine Flugzeuge der Koalition wurden abgeschossen.“

Kommentare (29)

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Kommunikationsblase

21.03.2011, 08:55 Uhr

Gegenüber der Presse, der Politik, und dem Westen empfinde ich keine Loyalität mehr, keine Verbindung.
Ich bin Deutscher. Aber ich vertrete nicht mehr mein Land.
Ich bin Europäer, aber ich vertrete nicht mehr die Haltung der Europäischen Kommission.
Ich bin ich, ich will vertreten können was ich tue. Deshalb muss ich mich von der Presse, der Politik, und der EU, ebenso wie von
der Nato, der UNO und dem Währungssystem, der Gier und den Lügen distanzieren. Ich bedauere, dass meine Distanzierung von den Medien
dazu führen wird, dass ich nicht mehr informiert sein werde, also auch nicht mehr teilhaben werde können, an dem Geschehen um mich herum.
Aber zumindest werde ich dann auch nicht mehr so stark fehl-informiert sein. Ich werde mich neutralisieren und auf meinen "kleinsten Radius!" begrenzen, also auf
das zu sehende, zu schmeckende, zu spürende lokale Umfeld absichtlich selber begrenzt bleiben. Alles darüber hinaus, sperre ich aus meiner Welt aus.
Meine Welt wird jetzt klein. Ich bin raus.

Werner

21.03.2011, 09:46 Uhr

Was hat die Bombardierung von Panzern und der Gaddafi-Residenz mit einer Flugverbotszone zu tun? Das ist doch dieeselbe Farce wie damals bei Hussein. Dass die Araber einen Hass auf uns haben, wundert mich nicht.

Ofelas

21.03.2011, 09:51 Uhr

No FLY Zone

Bedeutet genau das, und nicht Fahrzeuge beschiessen, Hauser und die Infrastruktur zersteoeren. Gestern noch mit Gaddafi die Haende geschuettelt, Spendengelder angenommen, und heute ist er der Belzebub.

Gaddafi hatte angekuendigt nicht mehr mit Grossbritannien und Frankreich wirtschaftlich zu kooperieren, schubs gibt es auf einmal einen Angriff. Nicht in meinem Namen, die Rebellen haette auch mit direkter Waffenhilfe bescheutzt werden koennen.

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