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20.04.2011

10:36 Uhr

Krieg in Libyen

Rebellen flehen Westen um Invasion an

Die Rebellen fürchten bei Gaddafis Sieg im belagerten Misrata ein Massaker wie in Benghasi. Die Nato ist hilflos: Bodentruppen sind tabu, Großbritannien schickt Militärberater. Wie kann die Allianz den Einsatz retten?

Die belagerten Rebellen in Misrata rufen offen nach westlichen Bodentruppen - Gaddafi soll in der westlibyschen Stadt auch Streubomben in Wohngebieten einsetzen. Quelle: AFP

Die belagerten Rebellen in Misrata rufen offen nach westlichen Bodentruppen - Gaddafi soll in der westlibyschen Stadt auch Streubomben in Wohngebieten einsetzen.

Paris/Washington/Benghasi/Abu Dhabi

Die Rebellen in der belagerten libyschen Stadt Misrata haben um die Entsendung ausländischer Bodentruppen gebeten. Die Aufständischen hätten diese Forderung an den Nationalen Übergangsrat in Benghasi weitergeleitet, berichteten die französische Zeitung "Le Figaro" und die "Washington Post". In der "Washington Post" hieß es weiter, der Übergangsrat habe bisher nicht geantwortet. Der Rebellensprecher Nuri Abdullah Abdullati sagte in Misrata, die Aufständischen hätten formell um die Entsendung von Bodentruppen für den Schutz von Zivilisten gebeten.

Britische und französische Soldaten sollten auf der Basis der "humanitären" Prinzipien nach Misrata entsandt werden. "Wenn sie nicht kommen, werden wir sterben", sagte Abdullati. Der Übergangsrat in Benghasi, der die Verbindung zur Nato hält, hatte sich gegen ausländische Bodentruppen ausgesprochen. Dies sei aber die Haltung vor den "Verbrechen" der Truppen des Diktators Muammar al-Gaddafi gewesen, betonte Abdullati.

Trotz der hoffnungslosen Lage in Misrata lehnt Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) den Einsatz von Bodentruppen ab. "Bodentruppen sind durch die Resolution der Vereinten Nationen ausgeschlossen", betonte Westerwelle am Mittwoch am Rande eines EU-Treffens mit dem Golfkooperationsrat in Abu Dhabi. Man müsse sich von dem Gedanken trennen, "dass eine schnelle militärische Lösung wahrscheinlich ist", betonte Westerwelle. "Der politische Prozess wird eine Lösung bringen."

Großbritannien gab am Dienstag bekannt, dass es die libyschen Aufständischen mit bis zu 20 Militärberatern unterstützen will. "Erfahrene Militärberater" sollen nach Bengasi geschickt werden, teilte der britische Außenminister William Hague mit. Sie sollen die Rebellen ausbilden und organisieren. Hague betonte, der Einsatz sei von der UN-Resolution gedeckt: Sein Land werde die Aufständischen nicht bewaffnen und sie auch nicht in den Kämpfen direkt unterstützen. Großbritannien hat den Rebellen bereits 1000 Splitterschutzwesten und 100 Satelliten-Telefone zur Verfügung gestellt.

Die Gefechte in Libyen konzentrierten sich am Dienstag auf die belagerte libysche Stadt Misrata, die als einzige im Westen des Landes von den Rebellen verteidigt wird. Während dort schwere Kämpfe tobten, gestand die NATO ein, dass sie Schwierigkeiten habe, die dortigen Stellungen der Truppen von Machthaber Muammar al Gaddafi auszuschalten.

Der Sohn von Machthaber Gaddafi, Saif al-Islam Gaddafi, sagte am Dienstagabend im staatlichen Fernsehen, er sei im Hinblick auf die militärische Situation "sehr optimistisch. Wir werden gewinnen". Von Tag zu Tage neige sich die militärische Waage zu Gunsten der Regierung.

Frankreichs Außenminister Alain Juppé betonte am Dienstag in Paris, er sei strikt gegen den Einsatz von Bodentruppen in Libyen. Selbst die Entsendung von Spezialkräften zur Identifizierung von Zielen lehne er ab. Die USA erwägen weiterhin Waffenlieferungen an die Rebellen. Man arbeite weiter an dieser Möglichkeit, sagte Außenamtssprecher Mark Toner in Washington. "Alle Optionen bleiben auf dem Tisch", fügte er am Dienstag vor Journalisten hinzu. Einzelheiten nannte er allerdings nicht. Die USA sagen seit Wochen, Waffenlieferungen an die Aufständischen seien nicht ausgeschlossen. Mit Blick auf die angekündigte Entsendung britischer Militärberater nach Libyen verwies Toner erneut auf die Linie von Präsident Barack Obama. Demnach werden keine US-Bodentruppen nach Libyen geschickt.

Die Nato erhob schwere Vorwürfe gegen die Truppen Gaddafis. Die Soldaten des Regimes versteckten sich als Zivilisten verkleidet in der Nähe von Krankenhäusern, feuerten von Moscheedächern auf Zivilisten und missbrauchten Frauen und Kinder als Schutzschilde, sagte der Kommandeur des Libyen-Einsatzes, General Charles Bouchard, dem kanadischen Fernsehsender CBC. Laut den Aufständischen beschießen Gaddafi-Truppen Wohngebiete in Misrata, die die Rebellen halten, mit Artillerieraketen und Streubomben - die Munition ist wegen ihrer verheerenden Wirkung gegen Zivilisten international geächtet. Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen (UN) bekommen nun offenbar Zugang zu einigen von den Gaddafi-Truppen kontrollierten Gebieten im Westen Libyens, in denen die Bevölkerung Not leidet.

Seit Beginn des Aufstandes gegen das Gaddafi-Regime vor zwei Monaten wurden nach Angaben der Rebellen bereits Zehntausende Menschen getötet oder verletzt. "Präsident Dschalil hat uns von 10 000 Toten berichtet und bis zu 55 000 Verletzten", sagte der italienische Außenminister Franco Frattini nach einem Treffen mit dem Vorsitzenden des libyschen Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, am Dienstag in Rom. Heute will der Chef des libyschen Übergangsrates den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in Paris treffen.

Die Nato steckt in einem Dilemma: Sie hat den Einsatz begonnen, um die libysche Zivilbevölkerung vor Gaddafis Angriffen zu schützen. Das Bombardement der westlichen Allianz hat die Eroberung Benghasi und blutige Racheakte des Regimes in letzter Minute verhindert. Seitdem haben Nato-Bomben die libysche Luftwaffe und Gaddafis schwere Waffen erheblich geschwächt. Gaddafis Truppen haben sich inzwischen aber an die neue Situation gewöhnt: In Misrata parken sie ihre Panzer in Wohngebieten, tragen teilweise auch keine Uniformen mehr. Die Nato ist damit bei ihrem Einsatz wieder am Anfang: In Misrata droht der nächsten Rebellenhochburg bei Gaddafis Sieg ein Blutbad, doch diesmal dürften Angriffe aus der Luft nicht ausreichen, um die Zivilbevölkerung zu schützen.

Kommentare (7)

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Jehova

20.04.2011, 10:13 Uhr

Wer das Schert zieht kommt durch das Schwert um, auch Rebellen, die sich selbst als Zivilbevölkerung deklarieren. Nur reissen sie diese Schutzmäntel mit.

Account gelöscht!

20.04.2011, 10:23 Uhr

Der Westen ist gut beraten,es nach Durchsetzung des Flugverbots den Rebellen zu überlassen,ihren Machthaber Gaddafi vom Thron zu stossen,so wie sie es anfangs öffentlich für sich in Anspruch genommen haben.
Sich mit Bodentruppen einzuschalten,um den Rebellen zum Sieg zu verhelfen,wäre keine angemessene Maßnahme,weil Libyen ein souveräner Staat ist und in seiner Art weltweit anerkannt ist.Es kann also nur analog Ägypten gehen oder nicht!

CaptnJo

20.04.2011, 10:42 Uhr

Wichtig waere zu sehen, wer diese Rebellen sind. Wenn sie nur einen billigen Sieg mit Hilfe der Nato wollen und hinterher wieder oeffentlich alle Flaggen der Nato-Mitgliedstaaten verbrennen, hat es keinen Sinn. Wenn man allerdings dadurch langfristig eine Freundschaft zu einem demokratischen arabischen Land aufbauen kann, dann rein nach Lybien, und nach einem Sieg gleich wieder raus. Aber dabei besser nicht auf D bauen :)))

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