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21.08.2013

16:19 Uhr

Krieg in Syrien

Opposition spricht von 1300 Giftgas-Toten

Syrische Aktivisten verbreiteten schreckliche Bilder aus dem Umland von Damaskus. Wiederholt werfen sie den Regierungstruppen vor, Giftgas eingesetzt haben und damit 1300 Menschen getötet zu haben. Das Dementi der Regierung in Damaskus bröckelt.

Die syrische Regierung bestreitet nur den Giftgaseinsatz, nicht aber den Angriff. dpa

Die syrische Regierung bestreitet nur den Giftgaseinsatz, nicht aber den Angriff.

DamaskusDas syrische Regime und die Rebellen streiten erneut über einen möglichen Giftgaseinsatz. Die Regierung wies am Mittwoch den Vorwurf der lokalen Revolutionskomitees zurück, bei einem Großangriff auf Rebellenhochburgen im Umland der syrischen Hauptstadt Damaskus auch Giftgas eingesetzt zu haben. Die Zahl der dabei getöteten Menschen haben die Oppositionsgruppen immer wieder nach oben korrigiert. Zuletzt gaben sie am Mittwoch eine Zahl von 1300 bekannt.

Die Toten „sind das Ergebnis einer tödlichen Attacke mit Chemiewaffen in Syrien", hieß es in einer Meldung der Nationalen Koalition, der wichtigsten syrischen Oppositionsgruppe, über den Kurznachrichtendienst Twitter. Die Angriffe erfolgten nach Angaben verschiedener Oppositionskräfte in der Region Ghuta nahe der syrischen Hauptstadt.

Die Opposition und die Arabische Liga appellierten nun an die Chemiewaffen-Experten unter Leitung des Schweden Ake Sellström, die sich im Moment in Damaskus aufhalten, sich selbst vor Ort ein Bild von der Lage zu machen. Eine unabhängige Überprüfung der Vorwürfe ist nicht möglich.

Die lokalen Revolutionskomitees berichteten, betroffen von den Angriffen seien vor allem der Bezirk Al-Ghuta Al-Scharkija, der als Hochburg des Widerstandes gegen Präsident Baschar al-Assad gilt, sowie Moadhamijat al-Scham. Syrische Ärzte sagten dem Nachrichtensender Al-Arabija, wegen der Blockade durch die Armee hätten sie kaum Arzneimittel, um die Verletzten zu behandeln.

Regionale Player im Syrien-Konflikt

Israel

Ein Einsatz syrischer Massenvernichtungswaffen ist ein Alptraum für Israel, das dem Konflikt bisher eher als Beobachter beiwohnte. Jetzt warnt Jerusalem laut davor, dass Assads Chemie- und Flugabwehrwaffen in die Hände der Hisbollah oder Al-Kaidas fallen könnten. Positiv wäre für Israel, dass sein Erzfeind Iran mit Assad seinen wichtigsten Stützpfeiler in der Region verlieren würde. Mit Assad könnte Israel allerdings auch einen Nachbarn verlieren, der für weitgehende Ruhe an der gemeinsamen Grenze gesorgt hat.

Saudi Arabien und Katar

Die sunnitischen Herrscher vom Golf unterstützen in Syrien - wie schon zuvor in Libyen - die islamisch-konservativen Kräfte. Und versuchen, einen Verbündeten ihres Erzfeindes Iran zu schwächen. Daheim können sie sich so als Unterstützer der Revolution präsentieren, ohne Protesten Vorschub zu leisten. Damaskus will in Saudi-Arabien und Katar die Urheber des „Komplotts“ gegen sich identifiziert haben.

Türkei

Das Nato-Mitglied ist seit langem einer der schärfsten Kritiker des syrischen Regimes. Weiter verschärft wurde das Verhältnis Ende Juni durch den Abschuss eines türkischen Kampfflugzeuges vor der syrischen Küste. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sagte dem syrischen Volk daraufhin Unterstützung bis zur Befreiung von „Diktator“ Assad zu, bei weiteren Zwischenfällen werde sein Land mit Gewalt zurückschlagen. Ein Teil des Nachschubs der syrischen Rebellen wird durch die Türkei geschleust, die allerdings offiziell keine Waffen liefert.

Libanon

Das westliche Nachbarland Syriens ist zerrissen - eine gefährliche Lage. Die Sunniten im Libanon stehen mehrheitlich auf der Seite der syrischen Opposition, die zum Großteil ebenfalls aus Sunniten besteht. Über die Grenze werden auch Waffen geliefert. Die schiitische Hisbollah-Miliz hingegen, die in Beirut in der Regierung sitzt, ist mit dem Assad-Regime verbündet. Die Waffen, mit denen sie ihre Herrschaft sichert, kommen aus Damaskus. Seit einigen Wochen gibt es im Libanon Auseinandersetzungen zwischen pro- und anti-syrischen Gruppierungen, dabei gab es auch Tote.

Iran

Aus iranischer Sicht darf das syrische Regime keinesfalls fallen. Im Frühjahr erklärte Präsident Mahmud Ahmadinedschad, er kenne keine Grenzen bei seiner Unterstützung für Präsident Assad. Angeblich schickte Teheran Militärberater und Kämpfer. Ohne Assads Regime würde es für den Iran schwerer, die eigene anti-israelische Ideologie zu verbreiten. Auch die pro-iranischen Milizen, besonders die Hisbollah in Libanon, würden geschwächt. Zuletzt bestätigte der Iran Gespräche mit Regimegegnern in Syrien und brachte sich als Vermittler ins Gespräch.

Al-Kaida

Das Terrornetzwerk Al-Kaida versucht einmal mehr, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Die Terroristen wollen sich als Speerspitze der Revolution präsentieren und das anschließende Tohuwabohu für ihre Zwecke nutzen.

Auch die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter bestätigte unter Berufung auf eigene Informanten vor Ort heftige Angriffe am frühen Morgen auf Bezirke südlich und östlich von Damaskus, nannte jedoch keine Opferzahlen.

Die oppositionelle Nationale Syrische Allianz rief die Chemiewaffen-Experten auf, die bombardierten Dörfer zu besuchen. Den bisherigen Plänen zufolge sollen die Experten insbesondere dem Verdacht nachgehen, dass in der umkämpften Kleinstadt Chan al-Assal das hochgiftige Nervengas Sarin eingesetzt wurde. Das Gift war im Jahr 1938 von deutschen Chemikern der IG Farben entdeckt worden. Es wirkt schon in einer Dosis von einem halben Milligramm für einen Erwachsenen tödlich. Gegenmittel wirken nur, wenn sie sofort verabreicht werden.

Die syrische Regierung hat den Experten jedoch bislang nur den Zugang zu drei Orten gestattet, an denen in den vergangenen Monaten angeblich Chemiewaffen zum Einsatz gekommen sein sollen. Das Regime und die Rebellen beschuldigen sich gegenseitig, Nervengas verwendet zu haben.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle hatte am Dienstag gefordert, das UN-Team müsse „umfassend und ungehindert Zugang zu allen Orten im Land“ erhalten.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi, forderte die UN-Experten auf, sich sofort in die bombardierten Gebiete zu begeben. Er erklärte: „Ich bin erstaunt, dass so ein verabscheuungswürdiges Verbrechen verübt wird, während die internationalen Inspektoren der Vereinten Nationen in Damaskus sind.“

Nach dem Vorwurf des Giftgaseinsatzes veröffentlichten die syrischen Staatsmedien ein Dementi der Regierung. Diese bestritt allerdings nicht die Angriffe in den Außenbezirken der Hauptstadt, sondern lediglich den Einsatz von Chemiewaffen. Syriens staatliche Nachrichtenagentur Sana schrieb: „Die TV-Kanäle, die an dem Blutvergießen in Syrien und der Unterstützung des Terrorismus beteiligt sind, veröffentlichen diese Berichte, die frei erfunden sind, um das Team, das den Einsatz von Chemiewaffen untersuchen soll, abzulenken, und somit den Erfolg seiner Mission zu verhindern.“

Kommentare (11)

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Account gelöscht!

21.08.2013, 12:11 Uhr

Die Ursache für das Töten dort sind geostrategische Interessen anderer, westlicher Länder. Es geht um Gasvorkommen, um den Energieträger des 21. Jahrunderts, und um einen Aufmarschplatz für den gewollten Krieg gegen den Iran.

Das "Giftgas" erfüllt die Funktion der "Massenvernichtungswaffen" im Irak - die es nie gab - oder der angeblichen Atomprogramme im Iran. Eine Pearl Harbour sozusagen. Ein 9/11.

Es geht einzig und alleine darum einen KRIEGSGRUND, eine Rechtfertigung für eine gewollten Eroberungskrieg zu finden um sich so das OKAY für das Massenschlachten von Menschen von der eigenen Bevölkerung abzuholen.

Das US-IPERIUM rückt weiter Richtung Russland und China vor.



futurelike

21.08.2013, 15:23 Uhr

Als vor 3 Wochen im Norden Syriens 450 Menschen, darunter allein 120 Kinder und 330 Frauen, bei einem Massaker von Terroristen und Söldnertruppen der "Rebellen" nieder gemetzelt wurden schwieg die westliche "Presse" komplett:

http://german.irib.ir/nachrichten/nahost/item/224489-450-tote-bei-massaker-in-syrien

http://www.neues-deutschland.de/artikel/829563.berichte-ueber-gigantisches-massaker-in-syrien.html

Ach ja, wie konnte ich das nur vergessen, diese entarteten Terroristen und vom Westen bezahlten Söldnerbanden sind ja die Guten. Und solange das so ist wird es keinen Frieden in Syrien geben.

Anstelle diese militanten Splittergruppierungen weiter mit Geld und modernen Waffen zu unterstützen und weiterhin einen verlogenen Proxikrieg zu führen, sollte der Westen endlich mal damit aufhören und an den Verhandlungstisch zurück kehren.

Die Propaganda in den westlichen Systemmedien und deren verlogenene Berichte über Syrien glaubt inzwischen sowieso niemand mehr.

futurelike

21.08.2013, 15:51 Uhr

Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen. Wann wird der Westen es endlich lernen den Nahen Osten in Frieden zu lassen. Merke, wer Bomben sät wird Terroristen ernten.

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