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20.10.2016

09:36 Uhr

Krieg in Syrien

Türkische Luftwaffe tötet kurdische Kämpfer

Die USA sehen in den syrischen Rebellen der kurdischen Volksschutzeinheiten die effektivste Waffe im Kampf gegen den IS. Der Nato-Verbündete Türkei nimmt diese nun ins Visier - und tötet bis zu 200 Kämpfer.

Die türkische Luftwaffe hat bei einem Angriff in Aleppo bis zu 200 syrisch-kurdische Soldaten getötet. dpa

Angriff mit Folgen

Die türkische Luftwaffe hat bei einem Angriff in Aleppo bis zu 200 syrisch-kurdische Soldaten getötet.

AnkaraDie türkische Luftwaffe hat bei einem Angriff nördlich der umkämpften Stadt Aleppo bis zu 200 syrisch-kurdische Kämpfer getötet. Die Flugzeuge hätten in der Nacht zu Donnerstag 18 Ziele der Rebellen in der Region Maarat Umm Hausch ins Visier genommen, berichtete die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Die USA sehen in den kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) in Syrien die effektivste Kraft im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat.

Die gut ausgebildete und organisierte Rebellengruppe ist seit 2015 Partner der USA im Kampf gegen die Extremisten. Damals befreiten sie die Stadt Kobane. Ankara betrachtet die syrisch-kurdischen Truppen dagegen als Ableger der als Terrororganisation eingestuften Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) in der Türkei. Diese hatte in den vergangenen Monaten eine ganze Reihe von Anschlägen in der Türkei verübt.

Ende August hatte US-Verteidigungsminister Ashton Carter die Regierung in Ankara und die kurdischen Kämpfer aufgefordert, sich nicht länger zu bekämpfen. Sonst litten die Bemühungen, den IS zu zerschlagen.

In Aleppo selbst trat um 08.00 Uhr eine elfstündige Waffenruhe in Kraft (Ortszeit, 7.00 bis 18.00 Uhr deutscher Zeit). Das hatte Russland am Mittwoch angekündigt. Zuvor waren bereits die Luftangriffe der russischen und syrischen Kampfflugzeuge gestoppt worden.

Die Kurden - ewiger Streit

Kurdengebiete

Das Kurdengebiet erstreckt sich vom Osten der Türkei über Syrien, bis in den Irak und Iran. Kurdische Nationalisten fordern seit jeher ein eigenes Staatsgebiet für die Kurden. Die Staaten in diesem Gebiet, allen voran die Türkei, lehnen das jedoch ab.

Tradition und Religion

Die Kurden sind eine Bevölkerungsgruppe mit einer eigenen Sprache, traditionellen Festen, Musik und Literatur und einer eigenen kurdischen Küche. Religiös sind die Kurden hingegen gespalten: Die Mehrheit der Kurden sind Sunniten. Daneben gibt es, wenn auch wenige, Schiiten, Jesiden, Christen und Juden.

Politik

In der Türkei, in Syrien und im Iran gründeten Kurden eigene Parteien, die jedoch zum Teil nur im Untergrund agieren können, da sie von den nationalen Regierungen unterdrückt werden. Die wohl bekannteste von ihnen ist die PKK in der Türkei. Nur die autonome Region Kurdistan, im Irak, hat ein eigenes Parlament und wählt ihren eigenen Präsidenten.

Türkei Konflikt

Der Konflikt zwischen der Türkei und der PKK gilt als der längste Konflikt zwischen Kurden und der türkischen Regierung. Die PKK fordert seit ihrer Gründung im Jahr 1978 einen unabhängigen Kurdenstaat. Diesen versucht sie, zum Teil auch gewaltsam, durchzusetzen. Die Türkei lehnt einen autonomen Kurdenstaat ab und ging ihrerseits immer wieder militärisch gegen die PKK vor. Die PKK wird von der der Türkei, von den USA und von der EU als terroristische Vereinigung eingestuft.

Sport

Die beliebteste Sportart in der autonomen Region Kurdistan ist Fußball. Vor zehn Jahren gründete sich der kurdische Fußballverband „Kurdistan Football Association“, in dem heute 24 Mannschaften spielen. Außerdem gibt es eine kurdische Fußballauswahl, die von der FIFA jedoch nicht anerkannt wird und deshalb nicht an den Weltmeisterschaften teilnehmen darf.

Nach einem Treffen in Berlin sagte der französische Präsident François Hollande am frühen Donnerstagmorgen, das wichtigste sei ein Ende der Bombardements russischer und syrischer Flugzeuge. Was in Aleppo passiere, sei ein Kriegsverbrechen. Der russische Präsident Wladimir Putin sagte, Russland könnte die Luftangriffe dauerhaft einstellen. „Wir sind bereit, das zu tun, so lange es keine Kämpfe mit eingeschlossenen Rebellengruppen in Aleppo gibt“, sagte er.

In der Stadt belagern syrische Truppen mit russischer Unterstützung Rebellen in den östlichen Vierteln. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind zur humanitären Versorgung der Bevölkerung mindestens 48 Stunden Waffenruhe nötig. Experten mutmaßen, dass Russland und Syrien einen dauerhaften Waffenstillstand so lange hinauszögern, bis sie die Rebellengebiete erobert haben.

Wer in Syrien und im Irak gegen den IS kämpft

Das Anti-IS-Bündnis

Im September 2014 gab US-Präsident Barack Obama die Gründung eines Bündnisses bekannt mit dem Ziel, den IS „endgültig zu zerstören“. Mehr als 60 Staaten und internationale Organisationen beteiligen sich am Kampf gegen die Terrormiliz sowohl in Syrien als auch im benachbarten Irak. Neben Ländern der Europäischen Union (EU) wie Deutschland, Italien, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden gehören der Koalition auch Australien sowie mehrere arabische Länder an.

Luftangriffe

Nur wenige Staaten fliegen neben den USA Luftangriffe gegen die Terrormiliz. Im Irak sind daran zum Beispiel Frankreich, Australien und Großbritannien beteiligt. In Syrien sind es neben Frankreich auch arabische Staaten wie Saudi-Arabien, Bahrain, Katar und Jordanien. Die Türkei, Syriens Nachbar im Norden, hatte 2015 nach langem Zögern die Nutzung seiner Luftwaffenbasis Incirlik für Luftschläge – auch der USA – gegen den IS erlaubt.

Bundeswehr

Die Bundeswehr unterstützt den Kampf gegen den IS unter anderem mit „Tornado“-Aufklärungsjets. Die Maschinen bombardieren die IS-Stellungen aber nicht selbst. Teil des deutschen Beitrags sind auch ein Tankflugzeug und zeitweise eine Fregatte. Diese sicherte zusammen mit Kriegsschiffen aus Frankreich, Belgien und Großbritannien den französischen Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ im Persischen Golf. Die „Augsburg“ war seit Dezember 2015 dafür rund vier Monate unterwegs. Vom einzigen Flugzeugträger der französischen Marine starteten Jagdbomber zu ihren Einsätzen.

Training und Waffen

Im Norden Syriens unterstützen US-Spezialkräfte zudem kurdische Kämpfer. Das US-Militär und seine Verbündeten bilden im Irak außerdem das irakische Militär sowie kurdische Peschmerga-Kämpfer aus. Auch rund 130 Bundeswehrsoldaten schulen im Nordirak Peschmerga-Einheiten. Darüberhinaus beliefert Deutschland die irakischen Kurden mit Waffen.

Russland

Moskau ist nicht Teil des von den USA gegründeten Bündnisses. Russische Truppen greifen seit September 2015 unabhängig davon Ziele in Syrien an. Allerdings nicht nur Stellungen des IS. Russische Attacken richten sich auch gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind. So starten die Jets vom russischen Luftwaffenstützpunkt Hamaimim nahe Latakia im Nordwesten Syriens. Zudem wurden Marschflugkörper von Kriegsschiffen im Mittelmeer abgefeuert.

Der syrische Präsident Baschar al-Assad bezeichnete die syrische Rettungsgruppe Weißhelme als verkappte Terroristen. Die Gruppe bestehe aus „aufgehübschten“ Extremisten mit Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida, sagte Assad dem Schweizer Fernsehsender SRF. Im September hatte Assad der mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichneten Gruppe in einem Interview der Nachrichtenagentur AP vorgeworfen, dass sie nur Aktionen syrischer und russischer Militärs kritisiere, nicht aber Terroristen. Die Bezeichnung Terroristen benutzt Assad für alle Gegner seiner Regierung.

Von

dpa

Kommentare (5)

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Herr Old Harold

20.10.2016, 12:19 Uhr

Deutschland hat den kurdischen Peschmerga für ihren Kampf gegen den IS panzerbrechende Abwehrwaffen geliefert, und diese darin für ihren Kampf, Mann gegen Mann, erfolgreich ausgebildet..

Die logische Konsequenz wäre jetzt, ihnen auch Boden/Luft-Raketen zu liefern, sie darin auszubilden und zu zeigen, wie man damit türkische, russische und syrische Kampfbomber vom Himmel holt.

Die einzige Sprache, die Diktatoren wie Erdogan, Putin und Assad verstehen! (NATO hin oder her)

Frau Lana Ebsel

20.10.2016, 12:28 Uhr

Es ist doch klar, dass die türken als Ziel die Annektierung des kurdischen Teils Syriens in ihr großtürkisches Reich anstreben.

Herr Volker Schwartmann

20.10.2016, 12:34 Uhr

@Harold

Na, voll auf Nord-Atlantischer-Terror-Linie? Sie haben schon kapiert, dass USA & Co völkerrechtswidrig in Syrien unterwegs sind? Aber solche Kleinigkeiten sind Menschen wie Ihnen natürlich egal. Man übernimmt das Feindbild der USA, die bekanntlich bestimmen, wer ein Diktator ist und wer nicht, und poltert dann mal kräftig drauf los. Ganz großes Kino...

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