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03.09.2014

16:15 Uhr

„Kriegserklärung an Amerika“

Obama schwört Vergeltung für getötete Geisel

Obama reagiert mit harten Worten auf die Enthauptung eines zweiten Amerikaners. Doch er braucht eine Strategie gegen die Terrormilizen. Seine Landsleute stimmt er auf einen langen Kampf ein.

„Wir werden für Gerechtigkeit sorgen“: Präsident Barack Obama will mit Härte auf eine zweite in Syrien ermordete US-Geisel reagieren. AFP

„Wir werden für Gerechtigkeit sorgen“: Präsident Barack Obama will mit Härte auf eine zweite in Syrien ermordete US-Geisel reagieren.

Washington/TallinnDie Nachricht vom Tod einer zweiten US-Geisel kam für Barack Obama zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Der amerikanische Präsident saß praktisch schon im Flugzeug in Richtung Baltikum und zum Nato-Gipfel in Wales – zwei Termine, bei denen er Entschlossenheit, Härte und Führungskraft demonstrieren will. Die Enthauptung eines US-Bürgers durch islamistische Terrormilizen im Nahen Osten passt da nicht recht ins Bild.

Obama, der Medienmann, zog es denn erst einmal vor abzutauchen. Ohne jeden Kommentar joggte er demonstrativ locker die Gangway zur „Air Force One“ empor - doch auf dem Nachtflug nach Tallinn hat er wohl kaum viel Schlaf gefunden.

Zwar war der grausame Tod des Journalisten Steven Sotloff bei seinem Blitzbesuch in Estland eher ein Randthema. Doch Obama setzte eine eiserne Miene auf, schwor Härte und Vergeltung. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, sagte er. „Wir werden für Gerechtigkeit sorgen.“ Und: „Wir werden nicht vergessen.“ Vollmundig sprach er von der „Vernichtung“ der Milizen Islamischer Staat (IS).

Nur eines verriet der „Commander in Chief“, der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte, nicht: Wie er den Kampf gegen die IS-Milizen zu führen gedenke. Erst jüngst hatte Mr. President nicht nur bei der Opposition in den USA Kopfschütteln ausgelöst, als er unumwunden und öffentlich zugab, dass er „noch keine Strategie“ im Kampf gegen die IS habe.

Auch die Gretchenfrage, ob die US-Kampfjets demnächst auch IS-Stellungen in Syrien angreifen werden, ließ Obama in Tallinn offen. Seit Wochen setzen die USA den brutalen IS-Milizen mit Luftschlägen im Irak erheblich zu. Doch Experten betonen, ohne die Zerschlagung der IS-Stellungen auch in Syrien lasse sich das „Krebsgeschwür“ (Obama) des islamistischen Terror nicht entfernen.

Vor allem Republikaner fordern vehement Luftangriffe auch in Syrien - selbst dann, wenn dies als unwillkommenen „Nebeneffekt“ Entlastung für den syrischen Herrscher Baschar al-Assad bedeuten könnte. Im Weißen Haus und im Pentagon werden entsprechende Pläne längst diskutiert. Eigentlich war eine Entscheidung bereits am Wochenende erwartet worden. Doch offenbar ist Obama noch unschlüssig – wie so häufig bei internationalen Krisen.

Grundsätzlich sind sich Regierung und Opposition in Washington einig: Die Verbrechen der IS seien praktisch eine „Kriegserklärung an Amerika“. Die Terrormiliz hatte nicht lange gezögert, um ihre Drohung wahr zu machen.

Erst musste Journalist James Foley sterben, jetzt sein Kollege. „Ich bin zurück, Obama. Und ich bin zurück wegen deiner arroganten Außenpolitik gegenüber dem Islamischen Staat“, sagt der in schwarz vermummte Mann auf dem Video. „So wie deine Raketen weiter unsere Leute treffen, werden unsere Messer weiter die Hälse deiner Leute treffen“, sprach der Vermummte weiter - ein bizarrer, ein gespenstischer Auftritt. Und eine direkte Provokation an die USA.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Immer mehr gerät Obama unter Druck, immer heftiger werfen die Republikaner dem Präsidenten vor, er habe die Gefahr durch die IS-Milizen verschlafen und viel zu spät mit Luftangriffen auf deren Stellungen begonnen.

Mehr noch: Durch den Abzug aller Soldaten aus dem Irak und durch seine Weigerung, moderate Oppositionsmilizen in Syrien mit Waffen zu unterstützen, habe Obama geradezu zum Aufstieg der Terrorgruppe beigetragen.

In Tallinn blieb Obama viele Antworten schuldig. Auch beim Nato-Gipfel in Wales dürfte der Terror in Nahost eher Nebenthema sein.

Nur eines machte Obama unmissverständlich deutlich: Der Kampf gegen die IS-Miliz wird nicht über Nacht gewonnen. „Das wird einige Zeit dauern.“

Von

dpa

Kommentare (5)

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Herr Wolfgang Trantow

03.09.2014, 16:50 Uhr

Obama legt sich mit dem Islam an? Da hat er in Deutschland unter den Politikern und Christen die größten Gegner!! Deutsche Politiker wollen nur den Islam überall oder warum schweigt der Bundespräsident, Hr. Gauck, zu den Morden es Islams????

Herr Dipl. Ing.

03.09.2014, 16:58 Uhr

Manche Stimmen, vor allem aus dem Lager der Grünen (!), legen die Vermutung nahe, dass der Islam zu schützen und dem Christentum vorzuziehen ist. Koste es was es wolle! Auch einige Politiker(innen) aus der SPD scheinen diese Ansichten zu vertreten. Tja, Deutschland schafft sich eben ab, wie schon ein bekannter Buchautor erkannte...

Quo vadis Deutschland?

Herr Thomas Ungläubig

03.09.2014, 17:09 Uhr

„Das wird einige Zeit dauern.“

Diese Nation führt seit ihrem Bestehen Krieg, da kommt es auf ein paar Jahre mehr oder weniger auch nicht mehr an. Sie schaffen sich eben ihre Feinde selbst – Krieg schafft Wachstum. Indianer, Schwarze, Nazis, Kommunisten und jetzt der Islam – ohne Krieg bricht dieses marode Lügengebäude zusammen.

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