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04.03.2014

17:36 Uhr

Krim-Konflikt

Das Trauma der Tataren

Mit 300.000 Menschen bilden die Tataren auf der Krim eine starke Minderheit. Die russische Militärintervention auf der Krim und ein möglicher Volksentscheid über den künftigen Status sorgen bei ihnen für Unruhe.

Angespannte Situation

Lage auf der Krim spitzt sich zu

Angespannte Situation: Lage auf der Krim spitzt sich zu

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SimferopolDie Krise auf der Krim bedroht das friedliche Zusammenleben der Menschen dort. Angst vor Übergriffen der russischen Mehrheit raubt besonders den muslimisch geprägten Tataren auf der Halbinsel im Schwarzen Meer den Schlaf. Einst unter Sowjetdiktator Josef Stalin als Verbündete von Nazi-Deutschland deportiert, wird dem Turkvolk sein tragisches Schicksal mit der neuen Macht der Russen wieder vor Augen geführt.

„Wir organisieren nachts Bürgerwehren, um uns zu schützen“, erzählt Sewilja Kakura. Gemeinsam mit Freundinnen organisiert die 26-jährige Uni-Dozentin einen der seltenen Proteste gegen Russlands Einfluss und die von Moskau unterstützten Bewaffneten auf den Straßen. Schnell löst sich die Kundgebung in einem Vorort von Simferopol wieder auf.

Angespornt vom Einsatz der Männer in Uniformen ohne Hoheitszeichen ziehen ethnische Russen seit Tagen durch die Straßen der Krim-Hauptstadt. Die Stimmung sei aggressiv, berichtet die Tatarin Jelisara Abduramanowa. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion durfte ihr Volk auf die Krim zurückkehren. „Für die 300 000 Krimtataren ist die russische Invasion ein traumatisches Ereignis nach den Erfahrungen der stalinistischen Deportationen“, kritisiert die Grünen-Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck in einer Mitteilung.

Die wichtigsten Daten der Krise in der Ukraine – Teil 1

21. November 2013

Die Regierung von Präsident Viktor Janukowitsch kündigt an, ein nahezu unterschriftsreifes Partnerschaftsabkommen mit der Europäischen Union auf Eis zu legen. Stattdessen sucht die Staatsführung den Schulterschluss mit Russland.

30. November

Die Kiewer Polizei geht mit brutaler Gewalt gegen Demonstranten vor. 35 Menschen werden festgenommen. Die Bilder von blutüberströmten Menschen heizen die Wut auf die Regierung an. Am 1. Dezember gehen rund 300.000 Menschen auf die Straßen. Es ist die größte Demonstration seit der Orangenen Revolution 2004.

17. Dezember

Russlands Präsident Wladimir Putin kündigt den Kauf von ukrainischen Staatsanleihen in Höhe von 15 Milliarden Dollar an und bietet Kiew überdies einen Preisnachlass für russisches Gas. Sowohl Putin als auch Janukowitsch beteuern, dass keine Bedingungen an das Angebot geknüpft seien. Zuvor hatte Russland die Ukraine umworben, einer von Moskau geführten Zollunion beizutreten.

16. Januar 2014

Das Demonstrationsrecht wird verschärft.

22. Januar

Mindestens drei Demonstranten sterben bei Zusammenstößen mit der Polizei. Zwei von ihnen werden erschossen, einer stirbt nach einem Sturz.

25. Januar

Die Opposition lehnt eine von Janukowitsch angebotene Regierungsbeteiligung ab. Am Folgetag weiten sich die Proteste in den Regionen aus.

28. Januar 2014

Opposition und Regierung einigen sich auf die Abschaffung der umstrittenen repressiven Gesetze vom 16. Januar und auf eine Amnestie für Demonstranten. 361 von insgesamt 412 registrierten Abgeordneten stimmten dafür. Außerdem reicht Regierungschef Nikolai Asarow seinen Rücktritt ein. Laut Artikel 115 der ukrainischen Verfassung zieht die Demission des Ministerpräsidenten den Rücktritt der gesamten Regierung in Kiew nach sich.

2. Februar

Mehr als 60.000 Menschen protestieren in Kiew. Die Opposition fordert eine internationale Vermittlung in dem Konflikt sowie westliche Finanzhilfen.

3. Februar

Der Westen prüft wirtschaftliche Hilfen für die Ukraine, knüpft diese aber an Reformen.

4. Februar

Die ukrainische Opposition fordert von Janukowitsch ein „Ende der Diktatur“.

5.-6. Februar

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton und die US-Europabeauftragte Victoria Nuland sind zu Vermittlungsbemühungen in Kiew.

7. Februar

Janukowitsch trifft sich am Rande der Olympischen Spiele in Sotschi mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin. Die Massenproteste in Kiew dauern an.

14. Februar

Die Staatsanwaltschaft gibt bekannt, dass alle 234 seit Dezember festgenommenen Demonstranten wieder frei sind.

16. Februar

Erneut versammeln sich Zehntausende zu Protesten auf dem Maidan. Die Opposition räumt nach wochenlanger Besetzung das Rathaus in Kiew und Verwaltungsgebäude in mehreren Provinzen.

17. Februar

Moskau kündigt an, noch in dieser Woche zwei Milliarden Dollar aus dem Hilfspaket an die Ukraine zu überweisen, nachdem es die Zahlungen nach Asarows Rücktritt eingestellt hatte.

18. Februar

Die Gewalt eskaliert erneut, es kommt zu tödlichen Zusammenstößen in Kiew. Die Regierung setzt den Demonstranten ein Ultimatum, bis zum frühen Abend ihre Proteste zu beenden. Die Oppositionellen besetzen erneut das Rathaus. Am Abend beginnen Sicherheitskräfte mit der gewaltsamen Räumung des Maidan.

19. Februar

Das Gesundheitsministerium in Kiew spricht von 25 Toten bei den jüngsten Zusammenstößen. Die EU erwägt Sanktionen gegen die Führung in Kiew.

Trotz des Zusammenlebens - so richtig nahe kommen sich die Menschen auf der Krim nicht. „Im Großen und Ganzen wissen die Russen kaum etwas über die Tataren“, schreibt der Journalist Aider Muschdabajew, der selbst zu dem Turkvolk gehört, in einem Blog-Beitrag. Sie würden zwar das tatarische Essen wie die gefüllten Teigtaschen Tschebureki und das herzhafte Grillfleisch Schaschlik genießen. Aber auch wegen tendenziöser russischer Filme würden Tataren häufig nur als „mörderisches Volk“ und „historische Feinde der Russen“ angesehen.

Die Tataren sind nicht die einzigen auf der Halbinsel, die Angst haben. Auch die jüdische Gemeinschaft fürchtet Übergriffe. Die Synagogen in Simferopol und Sewastopol waren vorübergehend wegen Sicherheitsbedenken geschlossen. Ein antisemitisches Graffiti soll an eine Wand geschmiert gewesen sein. Dabei berufen sich die Russen bei ihrem Vorgehen in der Ukraine selbst auf den Schutz von Minderheiten.

Kommentare (3)

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05.03.2014, 08:30 Uhr

„Für die 300 000 Krimtataren ist die russische Invasion ein traumatisches Ereignis nach den Erfahrungen der stalinistischen Deportationen“
-> Putin und Stalin zu vergleichen hinkt aber. Putin ist definitiv kein heiliger, aber im Vergleich zu Stalin wäre ein ähnlicher Vergleich wie das DDR-Regime mit Hitler zu vergleichen.

Account gelöscht!

05.03.2014, 11:49 Uhr

@ Notar

kleine Korrektur :-) die dürften schon nach Stalins Tod zurück kommen.

Jetzt haben sie 200 Jahre lang zusammen auf der Krim gelebt und sollen sich unbedingt jetzt an die Gurgel.

Ich glaube Frau Nuland hat auch dort Kekse verteilt..

Account gelöscht!

05.03.2014, 12:37 Uhr

Wenn es um eigene Interessen geht werden Minderheiten von der Eurokratie instrumentalisiert, sollte man jedoch kein politisches Interesse an denen haben, spielt das Schicksal natürlich keine Rolle, siehe Tataren, Uiguren, Bosniaken etc. Da sind die Menschenrechte aufeinmal verschwunden

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