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07.03.2014

07:52 Uhr

Krim-Konflikt

EU kann russisches Gas in der Ukraine kaum ersetzen

Die Ukraine bezieht jedes Jahr mehrere Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Russland. Doch was passiert, wenn Gazprom die Leitungen zudreht und Lieferungen stoppt? Experten meinen: Die EU kann nur kurzfristig einspringen.

Streitigkeiten zwischen Russland und der Ukraine haben in der Vergangenheit bereits zu Engpässen beim Erdgas geführt. AFP

Streitigkeiten zwischen Russland und der Ukraine haben in der Vergangenheit bereits zu Engpässen beim Erdgas geführt.

Prag/LondonDie Europäische Union (EU) könnte bei einem Lieferstopp Russlands nach Einschätzung von Analysten die Ukraine nur für kurze Zeit ausreichend mit Erdgas versorgen. Im Zuge des Konflikts um die ehemalige Sowjetrepublik wird in der EU an einem Plan gefeilt, wie die Ukraine an den Rohstoff gelangen kann, wenn der russische Staatskonzern Gazprom dem Nachbarland den Gashahn zudrehen sollte.

Dabei sollen die Pipelines, die normalerweise russisches Gas über die Ukraine in die EU transportieren, für die Lieferung in umgekehrte Richtung genutzt werden. Doch Experten wie die Beratungsgesellschaft Eurasia Group gingen am Donnerstag davon aus, dass die EU-Kapazitäten dafür nicht dauerhaft ausreichen würden.

So importierte die Ukraine im vergangenen Jahr rund 28 Milliarden Kubikmeter russisches Erdgas. Zwar verfüge das Land über ausreichend Vorräte, um ein paar Monate über die Runden zu kommen, heißt es in einem Eurasia-Bericht. Aus Deutschland und Ungarn könne die Ukraine pro Jahr bis zu zehn Milliarden Kubikmeter über Gasleitungen durch Polen und die Slowakei bekommen.

+++Liveblog++++: Russland: Westen als Vermittler unglaubwürdig

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Russland: Westen als Vermittler unglaubwürdig

Russland greift zur „Gaswaffe“: Der Gazprom droht, der Ukraine den Hahn abzudrehen. Die EU oder die USA seien als Vermittler im Konflikt untragbar, erklärt Moskau. Und prorussische Kämpfer übernehmen einen Stützpunkt.

Doch die Eurasia-Experten gehen davon aus, dass diese Länder im Verlauf des Konflikts immer weniger dazu bereit sein werden, ihr eigenes Gas als Notversorgung zur Verfügung zu stellen. Zudem halten viele andere Analysten die Kapazität von zehn Milliarden Kubikmetern pro Jahr für zu hoch gegriffen.

Eine vertragliche Vereinbarung für die umgekehrte Nutzung der Gasrohre steht auch noch aus. Daran wird zwar nach Informationen aus EU-Kreisen bereites unter Hochdruck gearbeitet. Doch für unmittelbare Versorgungsengpässe scheint Insidern zufolge dieser Weg ohnehin kaum geeignet. So könnte es trotz der EU-Bemühungen noch sechs Monate dauern, bis über die Slowakei tatsächlich Gas in die Ukraine fließt.

Die dramatischen Tage auf der Krim

26. Februar:

Wenige Tage nach dem Umsturz in der ukrainischen Hauptstadt Kiew geraten auf der Krim Anhänger und Gegner einer Annäherung an Russland aneinander. Tausende Krimtataren demonstrieren gegen eine Abspaltung der autonomen Republik. Prorussische Demonstranten fordern die engere Anbindung an Moskau.

27. Februar:

Bewaffnete besetzen Regionalparlament und Regierungsgebäude in der Hauptstadt Simferopol - um die russische Bevölkerung auf der Krim zu verteidigen, wie sie sagen. Das prorussische Krim-Parlament spricht sich für eine Volksbefragung über den künftigen Status der Region aus und setzt die Regierung ab.

28. Februar:

Eine bewaffnete prorussische Gruppe besetzt kurzzeitig den Flughafen der Hauptstadt. Nach ukrainischen Berichten sind auf der Krim russische Militärmaschinen mit rund 2000 Soldaten gelandet. Kiews Interimspräsident Alexander Turtschinow spricht von einer „militärischen Invasion“ unter dem Deckmantel einer Übung.

1. März:

Der russische Föderationsrat stimmt auf Bitten von Kremlchef Wladimir Putin einem Militäreinsatz auf der Krim im Grundsatz zu. Der moskautreue neue Krim-Regierungschef Sergej Aksjonow hatte Russland zuvor um Beistand gebeten. In russisch geprägten Städten auf der Krim gibt es Proteste gegen die Regierung in Kiew. In Telefonaten mit westlichen Staatschefs betont Putin, Moskau werde bei Gewalt gegen die russischsprachige Bevölkerung „nicht tatenlos zusehen“.

2. März:

Die Regierung in Kiew versetzt die Streitkräfte in Kampfbereitschaft. Die sieben führenden Industrienationen (G7) setzen alle Vorbereitungstreffen für den G8-Gipfel mit Russland im Juni in Sotschi aus. In Brüssel verurteilt der Nato-Rat das Vorgehen Russlands. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisiert, die russische Intervention verstoße gegen das Völkerrecht.

3. März:

In Brüssel verurteilen die EU-Außenminister die Verletzung der „territorialen Integrität der Ukraine“. Nach Angaben von EU-Diplomaten wollen die Staats- und Regierungschefs der EU am 6. März über Sanktionen gegen Moskau entscheiden. Die ukrainische Regierung wirft Russland mehrfache Grenzverletzung vor. In New York befasst sich der UN-Sicherheitsrat mit der Krise.

4. März:

4. März: Putin sagt in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme, er sehe bisher keine Notwendigkeit für einen Militäreinsatz, den er aber für die Zukunft nicht ausschloss. Wer über Sanktionen nachdenke, müsse sich der Konsequenzen bewusst sein, warnt er den Westen. Offen zeigt sich der Kremlchef für den deutschen Vorschlag einer internationalen Kontaktgruppe, in der Russland und die Ukraine verhandeln könnten. Die EU will die finanziell angeschlagene Ukraine mit einem Hilfspaket unterstützen. Die USA kündigen eine Milliarde Dollar Hilfe für die Energieversorgung der von Russland abhängigen Ukraine an.

Vielen Experten gilt die Versorgung Europas zudem als das viel größere Problem in dem Konflikt um die Ukraine. Schließlich liefert Russlands Staatsmonopolist Gazprom rund 30 Prozent des Gasbedarfs der EU, und ein Drittel davon strömt über die Ukraine nach Westen. Streitigkeiten zwischen Russland und der Ukraine haben in der Vergangenheit bereits zu Engpässen geführt - so 2009, als Hunderttausende Haushalte in Südosteuropa mitten im Winter von der Versorgung abgeschnitten wurden.

Die Regierung in Moskau schrecke nicht vor Sanktionen gegen die Ukraine zurück, hieß es bei der deutschen Energie-Beratungsfirma Ispex. Die Frage sei, was mit dem für Westeuropa bestimmten Gas auf seinem Transit durch die Ukraine passiere, wenn Russland die Versorgung des Landes einstelle.

Wladimir Putin über...

... mögliche Militäraktionen in der Ukraine:

„Russland erwägt keinen Anschluss der Krim.“

„Was den Einsatz von Streitkräften angeht: Bisher gibt es eine solche Notwendigkeit nicht.“

„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“

„Meine Entscheidung über einen Militäreinsatz in der Ukraine wird völkerrechtlich legitim sein.“

„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“

... Sanktionsforderungen

„Drohungen an die Adresse Russlands sind kontraproduktiv und schädlich.“

... den G8-Gipfel in Sotschi:

„Wenn die anderen nicht anreisen wollen, müssen sie das nicht tun.“

... über den Sturz Janukowitschs:

„Janukowitsch bleibt gesetzmäßiger Präsident der Ukraine. Er wurde in einem ungesetzlichen Verfahren seines Amtes enthoben.“

„In der Ukraine hat es einen verfassungswidrigen Umsturz und eine bewaffnete Machtergreifung gegeben.“

„Ich denke, er hat keine politische Zukunft mehr.“

„Janukowitsch ist wohlauf und wird sich noch bei der Beerdigung derjenigen erkälten, die ihm jetzt Böses wünschen.“

(Putin über Medienberichte, der entmachtete ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch sei tot)

... die US-amerikanische Ukraine-Politik:

„Ich habe manchmal den Eindruck, dass hinter dem großen Teich eine Art Laborant in Amerika sitzt und Experimente macht, wie mit Ratten, ohne die Folgen seines Handelns zu begreifen.“

Von

rtr

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

07.03.2014, 08:47 Uhr

Ach da bin ich ja froh, dass wir in der EU so eine sichere Versorgung mit Energie aus Russland haben. Wir sind von den Krisenregionen der Welt ja fast unabhängig. Uns kann ja nichts passieren.

Daher wird auch jeden Pflänzchen zur Eigenversorgung direkt mit großen politischen Füssen wieder kaputt getreten. Erst fördert man den Aufbau der erneuerbaren Energien und dann lässt man sie im Regen stehen (Biodiesel und Biogas im Besonderen).

Aber Russland wird sich sicher an die geschlossenen Verträge halten. Es wird sich schon ein anderer Buhmann finden, der dann dafür verantwortlich ist, dass z.B. das Erdgas nicht mehr bei uns ankommt. Cäsar Putin wird schon das richtige Signal mit seinem Daumen geben.

Account gelöscht!

07.03.2014, 08:53 Uhr

Auch die Methansynthese aus Windkraft wäre möglich, würde auch zu weiterer Unabhängigkeit führen.

Kann der Krimkonflikt aber auch zugespitzt worden sein, um unseren Bürgern das Fräcking der US-Konzerne aufzudrücken?
Der BLÖD-Zeitungsleser bei uns ist doch fast schon soweit, dass er nach Krieg schreit. Also wird sich doch das gute Fracking unserer Spione aus Übersee gut verkaufen lassen. Und wenn sich dann mal rumgesprochen hat, dass die Rechten in der Ukraine ihre Leute auf dem Maidan erschossen haben, ist das Fracking einmal da!

Account gelöscht!

07.03.2014, 09:52 Uhr

Bis jetzt war es mir vollkommen neu, dass die EU Gasüberschüsse hat, denn nur dann kann man ernsthaft über einen Ausgleich oder eine Belieferung eines Landes ausserhalb der EU nachdenken.

Aber ich lerne täglich dazu und das ist gut so.

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