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10.03.2014

14:29 Uhr

Krim-Krise

Die Furcht der Letten

VonHelmut Steuer

Die Eskalation auf der Krim schürt die Angst auf dem Baltikum vor einer ähnlichen Zuspitzung der Lage in ihrer Region. Die Sorge Estlands, Lettlands und Litauens vor Putins Gebaren kommt nicht von ungefähr.

Kampfjets im Einsatz

Säbelrasseln: Ukraine zeigt eigene Militärübungen

Kampfjets im Einsatz: Säbelrasseln: Ukraine zeigt eigene Militärübungen

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DnipropetrowskEs war ein selten gehörter Lärm in Siaukiai. Am vergangenen Donnerstag wurde die idyllische Ruhe an diesem rund 40 Kilometer von der lettischen Grenze entfernten kleinen litauischen Militärflughafen empfindlich gestört. Sechs amerikanische Kampfjets von Typ F-15 setzten unter ohrenbetäubenden Lärm zum Landeanflug an. Seitdem sind die Maschinen hier stationiert und werden in den kommenden Wochen, vielleicht Monaten den baltischen Luftraum überwachen. Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen besitzen keine eigene Luftwaffe.

Die amerikanischen Jets landeten in Litauen aufgrund einer Bitte der baltischen Regierungen. Denn die kleinen Länder, die sich vor 23 Jahren von der Sowjetunion lossagten, haben seit der Eskalation auf der Krim Angst vor einer ähnlichen Zuspitzung der Lage in ihrer Region. Jetzt verlegen die USA auch zwölf F-16-Kampfjets nach Polen. Für eine Militärübung sollen bis Donnerstag zudem 300 US-Soldaten nach Polen geschickt werden. Das Manöver sei schon länger geplant gewesen, sagte Ministeriumssprecher Jacek Sonta.

Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite ist jedenfalls für ihre klaren Ansagen bekannt. Nach der Eskalation auf der Krim-Halbinsel fand sie auch diese Woche deutliche Worte: „Ich sehe nicht nur die Rückkehr des Sowjetstils, sondern sogar des Stalin-Stils“, erklärte sie gegenüber dem Handelsblatt. Die Präsidentin des kleinen baltischen Landes drückt damit in diesen Tagen die Furcht vieler Menschen nicht nur in Litauen, sondern auch in den baltischen Nachbarländern Estland und Lettland aus.

Krim-Krise alarmiert osteuropäische Länder

Polen

Polen hat sich als Nachbar der Ukraine früh an die Spitze der Initiativen gegen Russland gestellt. Präsident Bronislaw Komorowski forderte wegen des russischen Eingreifens in der Ukraine „Konsultationen gemäß Artikel 4 des Nato-Vertrages“. Dieser regelt das Vorgehen, wenn ein Mitgliedstaat die Unversehrtheit des Nato-Gebiets oder die Sicherheit bedroht sieht. Die Sicherheit Polens sei zwar nicht direkt bedroht, Russland habe aber zweifellos das Völkerrecht gebrochen, sagte Komorowski.

Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski verurteilte die „Verletzung der ukrainischen Grenze“: „Weder Polen noch die Welt kann das tolerieren. Denn wir wissen, dass das Raubtier durch das Fressen immer noch mehr Appetit bekommt. Für die freie Welt ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein.“

Tschechien

Die Mitte-Links-Regierung in Prag verurteilte die „schleichende Besetzung“ der Schwarzmeer-Halbinsel Krim als einen Akt der Aggression. Er erinnere an den Sowjet-Einmarsch in Prag 1968. Der russische Botschafter wurde ins Außenamt zitiert, der nationale Sicherheitsrat kam zusammen. Auf EU-Ebene plädiert Tschechien für ein härteres Vorgehen gegen Russland und fordert einen sofortigen Stopp der Verhandlungen über Visa-Erleichterungen. Wirtschaftliche Sanktionen lehnt Ministerpräsident Bohuslav Sobotka indes ab, weil sie beide Seiten treffen würden.

Baltikum

Nach der russischen Aggression in der Ukraine wächst auch die Sorge in den drei kleinen Baltenstaaten Estland, Lettland und Litauen. Unmittelbar nach Beginn der Krim-Krise riefen sie ihre Nationalen Sicherheitsräte ein und verurteilten in scharfer Tonlage das Vorgehen Moskaus. Führende Politiker kritisierten auch die Reaktion der internationalen Gemeinschaft im Ukraine-Konflikt mitunter als „zögerlich“, „zu langsam“ und „feige“.

In allen drei Ländern diskutiert die Öffentlichkeit, inwieweit der Westen tatsächlich bereit wäre einzugreifen, sollte Russland etwa zum Schutz der starken russischen Minderheiten in Estland und Lettland ins Baltikum einmarschieren. Dabei überwiegt die Überzeugung, dass das militärische Machtstreben des Kremls an den Grenzen der drei EU- und Nato-Länder haltmachen würde. „Wir sind bereit, uns selbst zu verteidigen, und wir werden von der Nato geschützt“, sagte Litauens Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite bei einer Visite auf dem litauischen Militärflugplatz in Zokniai. Dort werden die USA auf gemeinsame Bitte der drei Länder zusätzliche Kampfjets für die Nato-Mission zur Sicherung des baltischen Luftraums stationieren.

Slowakei

Die Slowakei befindet sich als direktes Nachbarland der Ukraine in einer Zwickmühle. Einerseits verurteilte Regierungschef Robert Fico den russischen „Bruch des Völkerrechts“ und betonte mehrfach, sein Land werde alle Maßnahmen der EU gegen Russland mittragen. Auch an einer OSZE-Inspektionsgruppe in der Ukraine beteiligt sich die Slowakei. Andererseits würden Wirtschaftssanktionen auch die Slowakei selbst treffen. Nicht nur wegen ihrer Abhängigkeit von russischen Gasimporten, sondern auch weil der russische Markt für slowakische Firmen - allen voran Volkswagen Slovakia als größter Exporteur – immer wichtiger wird.

Bulgarien

Bulgarien fürchtet wegen des Ukraine-Konflikts um seine Energielieferungen aus Russland. Ein Krisenstab wurde einberufen, um die Risiken zu erörtern. Das EU-Land ist im Energiebereich noch immer fast komplett von Russland abhängig. Die Regierung der Sozialisten wollte wohl deswegen eine Stellungnahme zum Ukraine-Konflikt abwarten und sehen, was der EU-Sondergipfel beschließt. Der bürgerliche Staatschef Rossen Plewneliew verurteilte dagegen die „Anwendung militärischer Gewalt zur Okkupation von fremden Staatsgebieten“. In der Ukraine leben mehr als 200 000 ethnische Bulgaren, die auf den Gebrauch der Muttersprache bestehen.


Und die Furcht vor dem Gebaren Russlands kommt nicht von ungefähr. Mit der Begründung, Moskau müsse die Russen auf der Krim schützen, wäre auch ein Eingreifen Russlands in den ehemaligen baltischen Sowjetrepubliken zu rechtfertigen. Das auf jeden Fall denken viele Menschen im Baltikum. Denn vor allem in Estland und Lettland leben viele ethnische Russen. In der lettischen Hauptstadt Riga beträgt der Anteil der dort lebenden Russen stolze 40 Prozent. Und in der Vergangenheit hat Moskau immer wieder gegen die angebliche Diskriminierung dieser starken Minderheit protestiert. Der lettische Politologe Andris Spruds bringt es auf eine einfache Formel. „Auch in Lettland könnte irgendjemand die russische Flagge hissen und dann Moskau bitten, die russische Minderheit zu schützen“.

Nach ihrer Unabhängigkeit von der Sowjetunion haben die drei baltischen Staaten schnell eine stärkere Anbindung an den Westen gesucht. Die Nato-Mitgliedschaft von Estland, Lettland und Litauen war dabei sogar noch wichtiger als der kurz darauf vollzogene Beitritt zur Europäischen Union.

Kommentare (11)

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10.03.2014, 14:44 Uhr

Bööööhser Putin,
Super NSA-Drohnen-Folter-Guantanamo- USA

Spitzen Artikel. Wieviele Monate wurde an diesem Opus Magnum recherchiert?

Account gelöscht!

10.03.2014, 15:01 Uhr

Das Russenbashing wird immer absurder. Bei dem Gerede der vdL müssten die Polen eigentlich wieder eine Riesenangst vor Deutschland bekommen. Immerhin gibt es ja nur den MDR, der ODR würde wahrscheinlich in Stettin sitzen.
Wäre vielleicht auch mal einen Aufmacher wert... ?!

Account gelöscht!

10.03.2014, 15:35 Uhr

Was soll diese medialen Hetzkampagne gegen Russland?

Es ist unerträglich wie einseitig in den gleichgeschalteten Medien Politik gegen Putin und Russland gemacht wird.

Eine mögliche bewaffnete Auseinandersetzungen um die Ukraine bedrohen den Weltfrieden.
Noch viel Schlimmer jedoch als echte Bomben sind die Massenvernichtungswaffen in den Bilanzen der Bankster. Sollte die Situation um die Ukraine eskalieren, droht der Zusammenbruch des globalen Geldsystems.

Die Ereignisse um die Ukraine werfen ihre Schatten voraus. Wer die Finanzmärkte interpretiert, der weiß, dass Ungemach droht. Das ohnehin fragile Kartenhaus des weltweiten Kreditgeldsystems konnte in den zurückliegenden Jahren nur mit Müh und Not vor dem Kollaps bewahrt werden. Bei einer Zuspitzung der Lage in der Ukraine droht jedoch der völlige Zusammenbruch.

Die westliche Brandstifter USA und EU wären also gut beraten, die Krise schnellstens wieder aus der Welt zu schaffen, denn sonst droht weniger ein bewaffneter 3. Weltkrieg sondern eher der Untergang der westlichen Wertegemeinschaft durch Exitus des Schuldgeldsystems mit all seinen Folgen.

Doch leider kann man den Geist aus der Flasche nicht mehr einfangen. Die nächsten Tage und Wochen dürften deshalb spannend werden. Eines ist auf jeden Fall sicher: Den nächsten Schock wird das Schuldgeldsystem nicht überleben.

Jeder der das nicht versteht, sollte im Internet nach "Schuldgeldsystem" bzw. "Das Zwangsgeldsystem Mario Fleischmann" oder "Prof. Bernd Senf - Tiefere Ursachen der Krise" suchen.

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