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20.10.2014

19:35 Uhr

Krise 2.0 in Europa

Alarmstufe: Rot

Die Börsen in Italien und Griechenland spielen verrückt, Investoren ziehen ihr Kapital ab – und Deutschland korrigiert die Wachstumsprognosen nach unten. Steht die Krise 2.0 bevor? Unsere Korrespondenten berichten.

Euro-Flagge: Sorgen vor der Krise 2.0

Euro-Flagge: Sorgen vor der Krise 2.0

Athen/Frankfurt/London/Mailand/ParisAnleger in Europa haben derzeit ein schlimmes Déjà-vu-Erlebnis. In Zahlen ausgedrückt liest sich das so: Um mehr als zehn Prozent ist der Deutsche Aktienindex seit Mitte September gesunken. Diese Verluste sind noch moderat, wenn man sie mit Ländern wie Griechenland vergleicht. Der dortige Aktienmarkt ist im gleichen Zeitraum um etwa doppelt so viel eingebrochen. Nicht nur die Stärke des Einbruchs ist bemerkenswert, sondern auch die Kursschwankungen. Die Investoren sind extrem nervös.

Grund dafür ist die schwache Wirtschaft. In Deutschland sind Exporte, Produktion und Industrieaufträge im August so kräftig gesunken wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr. „Hinter dem Einbruch der Aktienmärkte stehen vor allem Konjunktursorgen“, sagt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. „Die Aktienmärkte beginnen fallende Preise und damit eine Rezession einzupreisen.“

Ganz so schwarz sieht Krämer nicht. Er geht aber davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Wachstumsprognose für 2015 massiv nach unten revidieren wird. Bisher erwartet die EZB, dass die Eurozone im kommenden Jahr um 1,6 Prozent wächst. Krämer hält eher 0,8 Prozent für realistisch

Das Ende der Eurokrise?

Was bedeutet der Schritt Lissabons für die Eurozone?

Es ist ein Indiz, dass sich die Finanzlage im gemeinsamen Währungsgebiet erheblich beruhigt hat. Länder im Süden des Kontinents können sich zur Zeit zu sehr günstigen Konditionen an den Finanzmärkten Geld leihen.

Lissabon will keine Übergangshilfen mehr. Ist das realistisch?

Ja. Die EU-Kommission, die in der Troika vertreten ist, unterstützt den Beschluss für einen „sauberen Ausstieg“ ausdrücklich. „Das sorgt für eine bessere Stimmung und Vertrauen von (Finanz-)Investoren“, lautet die Devise des verantwortlichen EU-Vize-Kommissionspräsidenten Siim Kallas.

Das Vertrauen kehrt also in die Eurozone zurück?

Ja. Aber dies hat vor allem zwei Gründe. Da ist zunächst die Europäische Zentralbank (EZB). Die Notenbank versprach, den Euro um jeden Preis zu retten. EZB-Patron Mario Draghi ist auch bereit, gegen die niedrige Inflation sowie gegen die Deflation zu kämpfen. Deflation ist ein umfassender Preisverfall, der die Konjunktur ausbremsen kann.

Was ist der andere Grund?

Angesichts von Turbulenzen bei aufstrebenden Wirtschaftsriesen in Asien oder Südamerika gilt Europa wieder als ein „sicherer Hafen“ für Anleger. Aus Russland gibt es wegen der Annexion der Krim einen bedeutenden Kapitalabfluss. Nach Moskauer Schätzungen waren es allein im ersten Vierteljahr rund 50 Milliarden Euro. Von internationalen Kapitalströmen profitiert auch der krisengeschüttelte europäische Süden.

Wie ist die Lage in Griechenland?

Griechenland hat die schwere Rezession überwunden und wird wieder wachsen. Das soll auch dem angespannten Arbeitsmarkt zugutekommen. Jeder Vierte ist dort ohne Job. Athen erzielte 2013 erstmals seit langem einen Haushaltsüberschuss - ausgeblendet sind dabei jedoch der Schuldendienst und Kapitalspritzen an Banken.

Braucht Athen ein neues Rettungspaket?

Die griechische Koalitionsregierung ist dagegen. Finanzminister Ioannis Stournaras strebt aber an, Zahlungsfristen für die Hilfskredite weiter zu strecken, um dem Land Luft zu verschaffen. Entscheidungen der Eurogruppe wird es voraussichtlich erst im Herbst geben. Ende des Jahres läuft das Griechenland-Programm von europäischer Seite aus.

Wie sieht es in Zypern aus?
Viele wollen das Kapitel „Eurokrise“ abschließen. Ist das gerechtfertigt?

Nein. Es sind nach dem Willen der Brüsseler Währungshüter weitere Reformen in vielen Ländern der Eurozone nötig, um die Erholung dauerhaft abzusichern. Nach der Krise steigen die Schuldenberge der 18 Euro-Mitgliedstaaten im laufenden Jahr sogar weiter an - um einem Punkt auf 96 Prozent der Wirtschaftsleistung. In Griechenland wächst beispielsweise der staatliche Schuldenberg um zwei Punkte auf 177 Prozent. Erlaubt sind höchstens 60 Prozent. Für Entwarnung ist es also viel zu früh, sagen die Experten.

Für Deutschland hatten zuletzt  der Internationalen Währungsfonds (IWF), die führenden Forschungsinstitute und die Bundesregierung ihre Wachstumsprognosen kräftig nach unten geschraubt. Die Bundesregierung rechnet für 2015 mit einem mageren Plus von 1,2 Prozent.

Wenn selbst Deutschland als wirtschaftlicher Musterschüler der Eurozone schwächelt, steigt die Chance, dass die EZB bald handelt. „Mittlerweile ist die Wahrscheinlichkeit deutlich gestiegen, dass die EZB noch in diesem Jahr Staatsanleihen kauft“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer.

Bislang zögert die EZB mit groß angelegten Anleihekäufen. Andere Notenbanken in den USA, Großbritannien und Japan haben dies bereits in großem Stil getan. Im September hat EZB-Chef Draghi klar gemacht, dass er handeln wird, wenn die Inflationserwartungen im Euroraum weiter fallen. Zuletzt ist die erwartete Inflation für die kommenden fünf Jahre eingebrochen.

Jan Mallien, Frankfurt

Kommentare (13)

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20.10.2014, 19:55 Uhr

Wenn die Politik nicht schleunigst die EUR-Zone korrigiert, werden es demnächst die Märkte machen. Dann aber unkontrolliert. Lucke von der AFD hat mal wieder Recht gehabt ... und wurde dafür von den Blockparteien und den Leitmedien gedemütigt, ausgelacht und beschimpft, aber so war das ja immer mit den Propheten. Sie zählen nichts im eigenen Land.

Herr Kurt Siegel

20.10.2014, 20:06 Uhr

Wen wundert es noch, dass ausländisches Kapital so massiv abgezogen wird, werden doch, unter Duldung der jeweiligen Regierungen der Mitgliedsstaaten, permanent Gesetze gebrochen, wobei Scharlatan Draghi und Juncker (notfalls muß man eben lügen) unser Europa immer weiter ins Verderben führen.

Jetzt ist es zu spät, da hilft nun auch kein Lamentieren mehr, das Jahr 2015 wird sehr grausam werden, die redlichen Deutschen werden von Merkel / Schäuble weiterhin kalt lächeld um ihre hart erarbeitete Altersvorsorge betrogen und die AfD avanciert zum hofierten Koalitionspartner der CDU; schönes verrücktes Europa, rette sich wer kann.

Account gelöscht!

20.10.2014, 20:17 Uhr

Die Geldmenge in Südeuropa hat sich seit Krisenbeginn mehr als verZEHNfacht !!! Was hat´s geholfen? NICHTS, NIENTE, NADA ... bedankt euch bei den korrupten Feudaleliten südlich und westlich der Alpen ... die haben alle rechtzeitig in Betongold und andere Vermögenswerte investiert. Zur Strafe zahlt ihr in deutschen Städten jetzt auch noch Rekordmieten, bedankt euch auch bei Merkel und Schäuble!

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