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20.05.2016

20:22 Uhr

Krise im Irak

Demonstranten stürmen erneut Regierungsviertel in Bagdad

Anhänger des Schiitenpredigers Moktada al-Sadr sind im Irak erneut in das Büro von Regierungschef Haider al-Abadi eingedrungen. Die Demonstranten behaupteten, zuvor sei auf sie geschossen worden.

Anhänger des Schiitenpredigers Moktada al-Sadr randalieren am 30. April im Regierungsviertel von Bagdad. Am Freitag drangen die Demonstranten erneut in die „Grüne Zone“ vor. dpa

Gewalt im Irak

Anhänger des Schiitenpredigers Moktada al-Sadr randalieren am 30. April im Regierungsviertel von Bagdad. Am Freitag drangen die Demonstranten erneut in die „Grüne Zone“ vor.

BagdadZum zweiten Mal binnen drei Wochen haben Anhänger des Schiitenpredigers Moktada al-Sadr das Regierungsviertel in Bagdad gestürmt. Einige Demonstranten überwältigten die Sicherheitskräfte und verschafften sich kurzzeitig Zugang zum Büro des Ministerpräsidenten, wie ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Daraufhin wurde eine Ausgangssperre über die irakische Hauptstadt verhängt.

Die Demonstranten versammelten sich zunächst auf dem Tahrir-Platz im Zentrum der Stadt und entfernten den Stacheldraht von einer der Hauptbrücken über den Trigris, um zur „Grünen Zone“ zu gelangen. Während sie vor drei Wochen kaum aufgehalten wurden, gingen die Sicherheitskräfte dieses Mal mit Tränengas, Blendgranaten und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vor. Mehrere Menschen wurden leicht verletzt, wie ein Reporter von AFP berichtete.

„Wir sind gekommen, um friedlich zu protestieren, aber die Feiglinge haben angefangen auf uns zu schießen“, sagte ein Demonstrant und zeigte eine Handvoll leerer Patronenhülsen. „Seid nicht mit dem Unterdrücker, seid mit der Nation“, skandierten die Demonstranten, als sie am Eingang zum Regierungssitz den Sicherheitskräften gegenüberstanden. Einigen Demonstranten gelang es schließlich, sich Zugang zu verschaffen.

Die Spaltung der Schiiten und Sunniten

Frühe Spaltung

Nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 traten die Sunniten dafür ein, dass dessen Nachfolger als Anführer der Muslime durch die Gemeinschaft der Gläubigen gewählt wird. Die Schiiten dagegen beharrten darauf, dass nur Mohammeds Nachfahren zur Führung der Muslime berechtigt seien. Der Konflikt führte im Jahr 680 zur Schlacht bei Kerbela, in welcher der sunnitische Kalif Jasid den Propheten-Enkel Hussein und dessen Anhänger töten ließ. Seitdem gehört das Gefühl der Verfolgung zur Identität der Schiiten, die Verehrung der Märtyrer und ihrer Grabmäler ist ein fester Bestandteil ihrer Religion.

Religiöse Unterschiede

Viele Bräuche wie das fünfmalige Beten pro Tag und die Pilgerreise nach Mekka einmal im Leben werden von Sunniten und Schiiten befolgt. Für Schiiten gibt es allerdings noch mehrere weitere Wallfahrtsorte und zudem andere Feiertage, die der Verehrung von Nachfahren des Propheten gewidmet sind. Unterschiede gibt es auch bei Rechtsvorstellungen und der Rolle des Klerus, der bei den Schiiten eine strengere Hierarchie aufweist. Radikale Sunniten wie die Anhänger der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat betrachten die Schiiten als Ketzer und wollen deren Heiligtümer zerstören.

Zahlenmäßige Diskrepanz

Einer Studie des US-Instituts Pew aus dem vergangenen Jahr zufolge gibt es weltweit knapp 1,6 Milliarden Muslime, von denen etwa 90 Prozent den Sunniten und die übrigen zehn Prozent diversen schiitischen Strömungen zugerechnet werden. Im Nahen Osten und in der Golfregion driftet das Verhältnis jedoch weniger stark auseinander – im Iran, im Irak und in Bahrain stellen Schiiten die Mehrheit. Als sunnitisches Machtzentrum gilt Saudi-Arabien, wo sich die Pilgerorte Mekka und Medina befinden. Als oberste religiöse Instanz der Sunniten wird die Al-Ashar-Universität in Ägypten angesehen.

Einige Anhänger von al-Sadr veröffentlichten Bilder des Büros von Ministerpräsident Haider al-Abadi und des Sitzungsraums vom Kabinett in sozialen Netzwerken. Schließlich verließen die Demonstranten den Regierungssitz wieder und wurden von Sicherheitskräften wieder in die Nähe einer der Tigris-Brücken zurückgedrängt. Wo sich der Regierungschef zu diesem Zeitpunkt aufhielt, war zunächst unklar. In der „Grünen Zone“ befinden sich neben dem Regierungssitz auch mehrere Botschaften, unter anderem die der USA.

Die Behörden verhängten nach dem erneuten Zwischenfall in der „Grünen Zone“ eine unbefristete Ausgangssperre, wie es in einer im Staatsfernsehen verlesenen Erklärung hieß. Anwohner sagten AFP, dass Sicherheitskräfte Autos abschleppten, Geschäftsleute zur Schließung ihrer Läden aufforderten und Straßen mit Betonmauern versperrten.

Politische Krise im Irak: Demonstranten stürmen Parlament in Bagdad

Politische Krise im Irak

Demonstranten stürmen Parlament in Bagdad

Demonstranten haben die Schutzmauern zum hochgesicherten Regierungsbezirk in Bagdad überstiegen. Sie stürmten mit irakischen Fahnen in das Parlamentsgebäude. Viele Tote gab es unterdessen bei einem IS-Anschlag.

Schon Ende April hatten Anhänger des Schiitenpredigers al-Sadr die „Grüne Zone“ gestürmt und das Parlamentsgebäude besetzt. Sie forderten politische Reformen und drohten mit ihrer Rückkehr, wenn nicht bald etwas geschehe. Seitdem ist das irakische Parlament noch nicht wieder zusammengetreten. Zum Missfallen der Anhänger von al-Sadr, der sich als oberster Reform-Antreiber im Irak ausgibt.

Der Irak ist seit Monaten politisch gelähmt. Angesichts von Massenprotesten und immer lauteren Reformforderungen versucht der schiitische Ministerpräsident Haider al-Abadi seit Wochen, sein Regierungsteam durch ein neues Kabinett aus Experten zu ersetzen, die nicht nach konfessionellen oder parteilichen Kriterien ausgewählt werden. Mehrere Parteien wollen das verhindern, weil sie dann die Kontrolle über wichtige Ministerien verlieren würden.

Von

afp

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