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13.06.2014

12:01 Uhr

Krise im Irak

„Ein Engagement der Nato ist nicht ausgeschlossen“

VonAndrea Wörle

Irak vor dem Bürgerkrieg: Dschihadisten nehmen Städte ein, Kurden verweigern Bagdad die Gefolgschaft. Conrad Schetter vom Bonner Internationalen Konversionszentrum (BICC) erklärt, was das für unsere Sicherheit bedeutet.

Sunnitische Kämpfer im Irak: „Ein Besatzungsregime durch die USA hat Fundamentalisten magnetisch angezogen“. dpa

Sunnitische Kämpfer im Irak: „Ein Besatzungsregime durch die USA hat Fundamentalisten magnetisch angezogen“.

DüsseldorfHerr Schetter, am Dienstag haben die Isis-Kämpfer die nordirakische Stadt Mossul innerhalb kurzer Zeit eingenommen und rücken immer weiter Richtung Bagdad vor. Im Dezember 2011 wurden die letzten ausländischen Truppen abgezogen. Müssen die Amerikaner jetzt dennoch wieder eingreifen?
Conrad Schetter: Seit türkische Diplomaten und Bürger gekidnappt worden sind, hat der Konflikt eine ganz neue Qualität bekommen. Ein direktes Engagement der Nato in dem Konflikt ist nicht ausgeschlossen. Die Türkei kann hier an die Nato-Bündnispflicht für einen Verteidigungsfall appellieren. Wenn die Lage weiter eskaliert, könnte eine Intervention unvermeidlich sein. Dies würde dann auch die Bundeswehr betreffen.

Der Sprecher der Isis-Terrorgruppe hat bereits mit weiteren Schlachten in Bagdad und Kerbala gedroht. Wie gefährlich ist Isis?
Im letzten Jahr haben sich die Isis-Kämpfer enorm schnell ausgebreitet. Zuvor galten die sunnitisch beherrschten Territorien als Vorzeigeregionen, wo die Strategie der Amerikaner, über Milizen Sicherheit zu schaffen, tatsächlich zu funktionieren schien. Isis verfügt über beträchtliche logistische Ressourcen und schreckt aufgrund ihrer fundamentalistischen Ideologie auch nicht vor einem besonders radikalen Vorgehen zurück. Ihr Hauptziel liegt darin, einen Scharia-Staat in Syrien und dem Irak aufzubauen.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

War der Abzug der Amerikaner zu früh?
Die Intervention im Irak war von Beginn an problematisch. Der zentrale Fehler der USA war, dass sie funktionierende Machtstrukturen zerstört haben. Sie haben die komplexe Konfliktsituation nie verstanden. Eine noch längere Präsenz der Amerikaner hätte dem Irak aber auch nicht weitergeholfen. Sie wären von den verschiedenen Gruppierungen weiter als Feind bekämpft worden. Ein Besatzungsregime durch die USA hat Fundamentalisten magnetisch angezogen.

Ist die Politik der Amerikaner somit vollständig gescheitert?
Absolut. Eine Demokratie im Irak aufzubauen, war von Anfang an ein gewagtes Experiment. Alle Sicherheitsanstrengungen – von der Stationierung von circa 300.000 Soldaten bis hin zur Bewaffnung von Milizen – wurden der Situation vor Ort nicht gerecht.

Kommentare (10)

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13.06.2014, 12:25 Uhr

Mich würde mal interessieren, wieviel zig-Mio da jährlich an irgendwelche institutionalisierten Spinner bezahlt werden, die dafür dann ihren haarsträubenden Blödsinn absondern dürfen. Ein ehrliches H4 dafür und fertig. Er plädiert also dafür, dass nach 20 Jahres jetzt doch noch die Bundeswehr (ebenfalls 200000 potentielle H4-Empfänger) sich in den Irakkrieg hineinziehlen lassen soll

Account gelöscht!

13.06.2014, 13:12 Uhr

Für das was heute im Irak abläuft, können sich alle bei Busch jun. bedanken.
Die Amerikaner bringen sämtliche Länder in Unordnung, diesem Tun muß edlich mal Einhalt geboten werden

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13.06.2014, 13:24 Uhr

Nach 10 Jahren sinnloses Geballer in Afghanistan kommt nun der Irak? Für das Militär sind natürlich große Übungsgebiete mit echten Feinden natürlich prima. Nirgendwo können neue Waffen getestet werden , aber die Bevölkerungen bleiben am Boden.

Die Türkei ist nicht bedroht , sie ist die Bedrohung. Die Kurden werden kaum ihre neue Unabhängigkeit aufgeben und werden sich gegen einen Einmarsch der Türken wehren.

Vermutlich zusammen und mit Hilfe des Irans gegen die Terroristen und Türkei. Terroristen bekämpft man so hart bis Stumpf und Stil ausgemerzt sind. Aber wo fängt man da an, wenn selbst Deutschland über 300 Terroristen in den Krieg nach Syrien und Irak schickt? Kämpfen dann Muslimisch Deutsche Terroristen gegen die Christlich Deutsche Bundeswehr. Der Arabische Raum braucht vermutlich eine neue Länderodnung und auch die Nachkriegsornung in Europa muss neu überdacht werden, nachdem Russland die selber in Frage gestellt hat. Hier
schlafen Unruheherde.

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