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27.02.2014

13:42 Uhr

Krise in der Ukraine

Deutsche Wirtschaft mahnt finanzielle Soforthilfe an

Der Ukraine droht der Staatsbankrott. Die deutsche Wirtschaft pocht daher auf schnelle Finanzspritzen der internationalen Geldgeber. Sorgen bereitet Unternehmen auch der schwächere Russland-Handel.

Eckhard Cordes, Ost-Ausschuss-Vorsitzender, fordert Russland und die EU auf, über einen Fahrplan für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu sprechen. dapd

Eckhard Cordes, Ost-Ausschuss-Vorsitzender, fordert Russland und die EU auf, über einen Fahrplan für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu sprechen.

BerlinDie deutsche Wirtschaft hat sich für rasche Finanzspritzen der Europäer und des Internationalen Währungsfonds (IWF) an die Ukraine ausgesprochen. Mit finanziellen Soforthilfen müsse erst einmal die Zahlungsunfähigkeit des Landes abgewandt werden, forderte der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Rainer Lindner, am Donnerstag: „Dabei sollten mögliche Kreditgeber wie die EU, der IWF und die Europäische Investitionsbank ein abgestimmtes Vorgehen mit Russland anstreben.“

Die ukrainische Wirtschaft sei noch auf Jahre stark vom russischen Markt und von russischen Energielieferungen abhängig, sagte Lindner, der sich den Angaben zufolge gegenwärtig zu Gesprächen in Kiew aufhält. Die Zuspitzung der Lage auf der Krim werde mit Sorge gesehen. Ein Dauerkonflikt der EU mit Russland um die Zukunft der Ukraine würde sich negativ auf die gesamte wirtschaftliche Entwicklung im osteuropäischen Raum auswirken.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Ukraine

Rohstoffe

Das flächenmäßig nach Russland größte europäische Land besitzt jede Menge davon: Eisenerz, Kohle, Mangan, Erdgas und Öl, aber auch Graphit, Titan, Magnesium, Nickel und Quecksilber. Von Bedeutung ist auch die Landwirtschaft, die mehr zu Bruttoinlandsprodukt beiträgt als Finanzindustrie und Bauwirtschaft zusammen. Etwa 30 Prozent der fruchtbaren Schwarzerdeböden der Welt befinden sich in der Ukraine, die zu den größten Weizenexporteuren gehört. In der Tierzucht spielt das Land ebenfalls eine führende Rolle.

Wirtschaftskraft

Sie ist gering. Das Bruttoinlandsprodukt liegt umgerechnet bei etwa 130 Milliarden Euro, in Deutschland sind es mehr als 2700 Milliarden Euro. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt nicht einmal 3900 Dollar im Jahr. Wuchs die Wirtschaft 2010 um 4,1 und 2011 um 5,2 Prozent, waren es 2012 noch 0,2 Prozent. 2013 dürfte es nur zu einem Plus von 0,4 Prozent gereicht haben.

Außenhandel

Exportschlager sind Eisen und Stahl, gefolgt von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und chemischen Produkten. Wichtigstes Importgut ist Gas. Auch Erdöl muss eingeführt werden. Die Ukraine könnte aber vom Energie-Importeur zum -Exporteur werden, weil sie große Schiefergasvorkommen besitzt.

Industrie

Sie ist von der Schwerindustrie geprägt, besonders von der Stahlindustrie, dem Lokomotiv- und Maschinenbau. Ein Grund ist, dass die Sowjetunion einen Großteil der Rüstungsproduktion in ihrer Teilrepublik Ukraine angesiedelt hatte. Eine Westorientierung und die Übernahme von EU-Rechtsnormen könnte das Land zunehmend zum Produktionsstandort für westliche Firmen machen.

Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland

Deutschland ist einer der wichtigsten Handelspartner der Ukraine. Gemessen an der Größe des Landes ist das deutsche Handelsvolumen aber unterdurchschnittlich. Zu den wichtigsten deutschen Exportgütern zählen Maschinen, Fahrzeuge, Pharmaprodukte und elektrotechnische Erzeugnisse. Wichtigste ukrainische Ausfuhrgüter sind Textilien, Metalle und Chemieprodukte. Nach Angaben des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft sind knapp 400 deutsche Unternehmen in der Ukraine vertreten. Bei den Direktinvestitionen liegt Deutschland auf Platz zwei hinter Zypern.

Chancen ergeben sich für die deutsche Wirtschaft vor allem im ukrainischen Maschinen- und Anlagenbau. Zudem ist die frühere Sowjetrepublik mit ihren rund 45 Millionen Einwohnern ein potenziell wichtiger Absatzmarkt für Fahrzeuge. Korruption und hohe Verwaltungshürden stehen Investitionen indes im Wege.

Wirtschaftsbeziehungen zur EU

Rund ein Drittel der ukrainischen Exporte fließt in die EU. Eine engere wirtschaftliche Verknüpfung durch ein Handels- und Assoziierungsabkommen liegt auf Eis, nachdem Präsident Viktor Janukowitsch auf russischen Druck seine Unterschrift verweigerte. Für die EU ist die Ukraine für die Versorgung mit Erdgas von Bedeutung. Rund ein Viertel ihres Gases bezieht die EU aus Russland, die Hälfte davon fließt durch die Ukraine.

Wiirtschaftsbeziehungen zu Russland

Mit Abstand wichtigster Handelspartner der Ukraine ist Russland. Ein Drittel der Importe stammt aus dem Nachbarland, ein Viertel der Exporte gehen dorthin. Der Regierung in Moskau ist eine Orientierung der Ukraine nach Westen ein Dorn im Auge. Stattdessen drängt sie das Land zum Beitritt zur Zollunion mit Kasachstan und Weißrussland.

Streit flammt zwischen beiden Ländern immer wieder über Gaslieferungen auf. Die Ukraine importiert fast ihr gesamtes Gas aus Russland, muss dafür aber einen für die Region beispiellos hohen Preis zahlen. Der Konflikt über Preise und Transitgebühren hat in der Vergangenheit zu Lieferunterbrechungen geführt, die auch die Gasversorgung Europas infrage stellten.

Unabhängig von der aktuellen Lage hat die deutsche Wirtschaft zuletzt weniger Geschäfte mit Russland und der Ukraine getätigt. Nach einem Rekordergebnis von 80,5 Milliarden Euro im Jahr 2012 habe sich der deutsche Handel mit Russland im vergangenen Jahr auf 76,5 Milliarden Euro abgeschwächt, teilte der Ost-Ausschuss mit. Russland sei in der Rangliste der wichtigsten Handelspartner in Osteuropa wieder knapp hinter Polen zurückgefallen. Der Handel mit der Ukraine sei im vergangenen Jahr auf 6,95 Milliarden Euro nach 7,18 Milliarden Euro im Vorjahr gesunken.

„Seit 2011 schwächt sich das Wachstum in Russland beständig ab. Dies bleibt nicht ohne Folgen für den deutsch-russischen Handel“, sagte der Ausschuss-Vorsitzende Eckhard Cordes. „Für das laufende Jahr erwarten wir eher noch eine Verstärkung dieses Trends.“ In Russland werde eine Rezession nicht mehr ausgeschlossen. Zudem verteuere die gegenwärtige starke Abwertung des Rubels deutsche Exporte.

Cordes forderte Russland und EU auf, über einen Fahrplan für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu sprechen: Beide Seiten haben wiederholt eine gemeinsame Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok als wünschenswertes Ziel genannt.“

Wegen der angespannten Lage in der Ukraine gerieten am Donnerstag zahlreiche osteuropäische Währungen unter Druck. Massiv bergab ging es mit der ukrainischen Währung Griwna. Sie verlor zum US-Dollar zeitweise mehr als neun Prozent an Wert. Seit Jahresbeginn belaufen sich die Verluste auf mehr als 25 Prozent. Unter Druck stand auch der russische Rubel, der zum US-Dollar über ein halbes Prozent an Wert verlor.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

27.02.2014, 14:02 Uhr

Zitat : Deutsche Wirtschaft mahnt finanzielle Soforthilfe an

- es müsste vielmehr heißen, die Bonzen der Deutschen Wirtschaft haben berechtigte Ängste um ihre Pfründe in der Ukraine und bitten den Europäischen Steuerzahler zur Kasse...?!

Account gelöscht!

27.02.2014, 14:26 Uhr

Wahrscheinlich hat die "Deutsche Wirtschaft" noch etliche Außenstände, deren Bezahlung durch die Ukraine nicht mehr möglich sein wird.
Erinnert mich stark an Griechenland, Schuldenschnitte und Target-Salden.
Immer wieder der Mammon. Da war ja der frühere Tauschhandel der Stein der Weisen.

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