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22.02.2015

08:52 Uhr

Krise in der Ukraine

Ukrainische Armee und Rebellen tauschen Gefangene aus

Es wird weiter geschossen: Beide Seiten werfen sich den Bruch des internationalen Abkommens vor. Während Kiew einen Angriff auf Mariupol befürchtet, drohen die USA mit Sanktionen. Doch es gibt auch ein positives Signal.

Lastwagen der ukrainischen Armee (vorne) und pro-russischen Separatisten überbringen die Leichen der in Gefechten gefallenen Kämpfer zum Austausch auf einer Straße nahe Artemivsk, in der Ost-Ukraine. Reuters

Übergabe

Lastwagen der ukrainischen Armee (vorne) und pro-russischen Separatisten überbringen die Leichen der in Gefechten gefallenen Kämpfer zum Austausch auf einer Straße nahe Artemivsk, in der Ost-Ukraine.

Kiew/ScholobokDie ukrainischen Streitkräfte und die prorussischen Rebellen haben rund 190 Gefangene ausgetauscht. 139 ukrainische Soldaten und 52 prorussische Separatisten wurden am Samstagabend an der Frontlinie in der Region Lugansk der jeweils anderen Konfliktpartei übergeben, wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP berichtete.

Der Austausch der Gefangenen ist ein positiver Schritt zur Umsetzung des Minsk-II-Abkommens. Die darin vorgesehene Waffenruhe, die eigentlich in der Nacht zu Sonntag in Kraft trat, wurde seitdem zahlreiche Male gebrochen, weshalb beide Seiten den eigentlich geplanten Abzug schwerer Waffen ablehnten.

Beide Parteien warfen sich am Samstag gegenseitig Verstöße vor. Allerdings laufen die Gefechte offenbar nicht mehr in der Intensität ab, wie es bis zur Eroberung des Verkehrsknotenpunkts Debalzewo Mitte der Woche durch prorussische Rebellen der Fall gewesen war.

Der ukrainische Militärsprecher Andrej Lyssenko sagte am Samstag, in den vorangegangenen 24 Stunden sei ein Soldat bei Rebellenangriffen getötet worden. 40 Soldaten seien verwundet worden.

Lyssenko nannte nicht die Zahl der Angriffe. Er sprach aber von einem Zwischenfall mit Mörserbeschuss im Dorf Schyrokyne, das unmittelbar vor Mariupol liegt. Rebellen bewegten weiterhin militärisches Material in Richtung der strategisch wichtigen Hafenstadt, sagte Lyssenko.

Die Kontrolle über Mariupol würde es den Separatisten erlauben, einen Landkorridor von der russischen Grenze bis zu der von Russland annektierten Halbinsel Krim zu schaffen. Die prorussischen Rebellen warfen den ukrainischen Truppen 15 Artillerieangriffe auf mehrere Teile von Donezk vor, der größten von ihnen kontrollierten Stadt.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Ukraine

Rohstoffe

Das flächenmäßig nach Russland größte europäische Land besitzt jede Menge davon: Eisenerz, Kohle, Mangan, Erdgas und Öl, aber auch Graphit, Titan, Magnesium, Nickel und Quecksilber. Von Bedeutung ist auch die Landwirtschaft, die mehr zu Bruttoinlandsprodukt beiträgt als Finanzindustrie und Bauwirtschaft zusammen. Etwa 30 Prozent der fruchtbaren Schwarzerdeböden der Welt befinden sich in der Ukraine, die zu den größten Weizenexporteuren gehört. In der Tierzucht spielt das Land ebenfalls eine führende Rolle.

Wirtschaftskraft

Sie ist gering. Das Bruttoinlandsprodukt liegt umgerechnet bei etwa 130 Milliarden Euro, in Deutschland sind es mehr als 2700 Milliarden Euro. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt nicht einmal 3900 Dollar im Jahr. Wuchs die Wirtschaft 2010 um 4,1 und 2011 um 5,2 Prozent, waren es 2012 noch 0,2 Prozent. 2013 dürfte es nur zu einem Plus von 0,4 Prozent gereicht haben.

Außenhandel

Exportschlager sind Eisen und Stahl, gefolgt von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und chemischen Produkten. Wichtigstes Importgut ist Gas. Auch Erdöl muss eingeführt werden. Die Ukraine könnte aber vom Energie-Importeur zum -Exporteur werden, weil sie große Schiefergasvorkommen besitzt.

Industrie

Sie ist von der Schwerindustrie geprägt, besonders von der Stahlindustrie, dem Lokomotiv- und Maschinenbau. Ein Grund ist, dass die Sowjetunion einen Großteil der Rüstungsproduktion in ihrer Teilrepublik Ukraine angesiedelt hatte. Eine Westorientierung und die Übernahme von EU-Rechtsnormen könnte das Land zunehmend zum Produktionsstandort für westliche Firmen machen.

Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland

Deutschland ist einer der wichtigsten Handelspartner der Ukraine. Gemessen an der Größe des Landes ist das deutsche Handelsvolumen aber unterdurchschnittlich. Zu den wichtigsten deutschen Exportgütern zählen Maschinen, Fahrzeuge, Pharmaprodukte und elektrotechnische Erzeugnisse. Wichtigste ukrainische Ausfuhrgüter sind Textilien, Metalle und Chemieprodukte. Nach Angaben des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft sind knapp 400 deutsche Unternehmen in der Ukraine vertreten. Bei den Direktinvestitionen liegt Deutschland auf Platz zwei hinter Zypern.

Chancen ergeben sich für die deutsche Wirtschaft vor allem im ukrainischen Maschinen- und Anlagenbau. Zudem ist die frühere Sowjetrepublik mit ihren rund 45 Millionen Einwohnern ein potenziell wichtiger Absatzmarkt für Fahrzeuge. Korruption und hohe Verwaltungshürden stehen Investitionen indes im Wege.

Wirtschaftsbeziehungen zur EU

Rund ein Drittel der ukrainischen Exporte fließt in die EU. Eine engere wirtschaftliche Verknüpfung durch ein Handels- und Assoziierungsabkommen liegt auf Eis, nachdem Präsident Viktor Janukowitsch auf russischen Druck seine Unterschrift verweigerte. Für die EU ist die Ukraine für die Versorgung mit Erdgas von Bedeutung. Rund ein Viertel ihres Gases bezieht die EU aus Russland, die Hälfte davon fließt durch die Ukraine.

Wiirtschaftsbeziehungen zu Russland

Mit Abstand wichtigster Handelspartner der Ukraine ist Russland. Ein Drittel der Importe stammt aus dem Nachbarland, ein Viertel der Exporte gehen dorthin. Der Regierung in Moskau ist eine Orientierung der Ukraine nach Westen ein Dorn im Auge. Stattdessen drängt sie das Land zum Beitritt zur Zollunion mit Kasachstan und Weißrussland.

Streit flammt zwischen beiden Ländern immer wieder über Gaslieferungen auf. Die Ukraine importiert fast ihr gesamtes Gas aus Russland, muss dafür aber einen für die Region beispiellos hohen Preis zahlen. Der Konflikt über Preise und Transitgebühren hat in der Vergangenheit zu Lieferunterbrechungen geführt, die auch die Gasversorgung Europas infrage stellten.

Das ukrainische Militär befürchtet seinerseits einen Angriff prorussischer Separatisten auf die strategisch wichtige Stadt Mariupol. Die Rebellen seien damit beschäftigt ihre Einheiten nahe der Hafenstadt mit weiteren Kämpfern, Waffen und Militärausrüstung zu verstärken, sagte Armeesprecher Andrej Lisenko am Samstag. Die Stadt liegt zwischen russischer Grenze und der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Eine Einnahme durch die Separatisten wäre ein Schritt zu einem von den Rebellen kontrollierten Landkorridor zur Halbinsel und würde mit großer Wahrscheinlichkeit den in Minsk ausgehandelten Waffenstillstand endgültig zum Scheitern bringen.

Die USA drohten Russland mit einer erneuten Verschärfung der Sanktionen, sollten die Rebellen sich nicht an die Waffenruhe halten. Der Westen wirft Russland vor, die Rebellen mit Kämpfern und Kriegsgerät zu unterstützen. In Moskau demonstrierten am ersten Jahrestag der Flucht des entmachteten ukrainischen Staatschefs Viktor Janukowitsch offiziellen Angaben zufolge rund 20.000 Menschen für die Separatisten und Janukowitsch.

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