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29.06.2015

16:50 Uhr

Krise in Griechenland

Verzweifelte Griechen bangen um ihr Geld

Angst vor der Pleite: Viele Griechen kommen wegen des Streits ihrer Regierung mit den internationalen Gläubigern nicht mehr an ihr Erspartes. Derweil geht der Run auf die Geldautomaten weiter – mit ungeahnten Folgen.

Die griechische Flagge vor der Botschaft des Landes in Berlin: In der Heimat bangen die Menschen um ihr Geld. AFP

Im Wind

Die griechische Flagge vor der Botschaft des Landes in Berlin: In der Heimat bangen die Menschen um ihr Geld.

AthenAnastasios Gevelidis steht seit dem frühen Morgen vor verschlossenen Türen. „Ich bin um vier Uhr morgens hierhergekommen, um meine Rente zu bekommen“, sagt der 74-Jährige, der auch am Nachmittag noch gemeinsam mit rund 100 anderen Rentnern vor der National Bank of Greece in Thessaloniki ausharrt und hofft, dass die Banken doch noch öffnen.

Die Regierung hatte die einwöchige Schließung der Geldhäuser und Beschränkungen auf Geldtransfers angekündigt, weil die Griechen aus Sorge vor einem Euro-Austritt des Landes bereits in den vergangenen Tagen ihr Geld in Massen abgehoben hatten, und die Europäische Zentralbank diesen Kapitalabfluss nicht mit zusätzlichen Notkrediten finanzieren wollte.

Gevelidis und viele andere stellt das vor existenzielle Probleme. Eigentlich bekommt er zum Monatsende seine Rente. „Ich weiß nicht, was los ist. Wir haben nicht einmal genug Geld, um Brot zu kaufen“, sagt er. „Niemand weiß etwas.“ Um acht Uhr morgens sei zwar ein Bankangestellter herausgekommen und habe gesagt, es gebe kein Geld, aber es gebe Gerüchte, dass 70 Filialen der National Bank of Greece öffnen sollten, sagt Gevelidis. Deshalb warten sie.

Banken bleiben geschlossen

Banken zu : Athen ruft Griechen zur Ruhe auf

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Kaum einer der älteren Griechen vor der Kreditanstalt in Thessaloniki hat eine Geldkarte, und selbst wenn, dürften sie durch die neuen Kapitalverkehrskontrollen nur noch 60 Euro pro Tag abheben. „Was kann ich mit 60 Euro machen?“, fragt Gevelidis. „Ich habe allein bei der Apotheke 150 Euro Schulden.“

Ein Lichtblick für die vielen Rentner war die Ankündigung des Finanzministeriums, dass es eine Sonderregelung für die Auszahlung der Pensionen geben werde. Der stellvertretende Staatssekretär Terence Quick bekräftigte, dass alle Renten vollständig ausgezahlt würden. Doch bis es soweit ist, muss Gevelidis weiter warten.

Andere Griechen standen am Montag an den Geldautomaten Schlange, um zumindest die 60 Euro abzuheben, die sie noch bekommen konnten. Denn der Staatsbankrott und möglicherweise ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro droht schon nach Ende der Fristen im Schuldenstreit am Dienstag.

So bewerten Ökonomen die Lage in Griechenland

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

„Für Griechenland wird es jetzt ganz schwierig. Europa versucht, den Schaden für andere Euro-Länder zu begrenzen. Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit gelingen. Die EZB hat bereits erklärt, dass sie die Lage an den Finanzmärkten genau verfolgt und notfalls eingreifen wird. Bei größeren Turbulenzen, die der Konjunktur gefährlich werden könnten, könnte die EZB ihre Anleihekäufe zeitlich nach vorne ziehen oder aufstocken. Sie könnte auch Anleihen bestimmter Länder wie Spanien und Italien früher kaufen. Sie könnte noch deutlicher darauf verweisen, dass es das ultimative Sicherheitsprogramm – das sogenannte OMT-Programm – auch noch gibt. Es dürfte deshalb so schlimm nicht werden. Alle hatten fünf Monate Zeit, um Tsipras zu beobachten. Deshalb ist man darauf vorbereitet.“

Jörg Kramer, Commerzbank-Chefvolkswirt

„Letztendlich entscheidet das Referendum am Sonntag darüber, ob Griechenland in der Währungsunion bleibt. Wenn sich die Griechen dafür aussprechen, kann die Staatengemeinschaft ein solch demokratisches Votum nicht übergehen. Dann werden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Bei einem negativen Votum kommt es dagegen zum Grexit. Man wird erst am Ende dieser turbulenten Woche anhand der Meinungsumfragen erahnen können, wie die Griechen abstimmen werden. Bis dahin tobt ein Nervenkrieg. Die Kapitalverkehrskontrollen reichen zunächst erst einmal aus, um das Schlimmste zu verhindern. Es gibt noch Reserven. Aber die Kontrollen behindern die Wirtschaft, ebenso wie die von der Syriza geschaffene Unsicherheit. Das ist wirtschaftlich ein verlorenes Jahr für Griechenland. Für Deutschland spielt das keine Rolle. Nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte gehen dorthin.“

Nicolaus Heinen, Deutsche Bank

„Mit einer solchen Wendung haben nur wenige gerechnet. Kapitalverkehrskontrollen, vor allem aber die hohe Unsicherheit der kommenden Wochen und Monate dürften die letzte Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung in Griechenland zunichtemachen. Ein Staatsbankrott Griechenlands bedeutet nicht automatisch Grexit. Im besten Fall könnten die Entwicklungen dieser Tage nun dazu führen, dass Europa einen Insolvenzmechanismus für Staaten entwickelt – ganz so, wie die erste Griechenlandkrise vor fünf Jahren zu einem Rettungsmechanismus für Staaten führte. Spannend bleibt, ob und wie andere populistische Kräfte in Europa von den Entwicklungen profitieren. Die Polarisierung zwischen etabliertem Lager und Populisten dürfte in den kommenden Monaten weiter steigen.“

Johannes Mayr, BayernLB

„Die EZB hat die Kapitalverkehrskontrollen praktisch erzwungen, indem sie die Notfallkredite an griechische Banken nicht weiter erhöht hat. Wenn die EZB sie wieder aufstockt nach einem positiven Votum der Griechen, dann wären sie in diesem Umfang nicht mehr notwendig. Die Folgen für die Wirtschaft sind sehr negativ. Durch die Kapitalverkehrskontrollen werden die Geschäfte von Unternehmen und deren Abwicklung über die Banken behindert. Das dürfte die Konjunktur weiter beschädigen. Die direkten Folgen für die Wirtschaft in der Euro-Zone und Deutschland dürften begrenzt sein – Griechenland ist zu klein, die Handelsverflechtungen zu gering. Man muss aber abwarten, wie stark die Marktturbulenzen sein werden. Denn die könnten auf die Realwirtschaft durchschlagen.“

Damit die Griechen ihre Euros nicht auf anderem Weg ins Ausland schaffen, schloss die Regierung auch die Börse und verbot Überweisungen ins Ausland. Ausnahmen gibt es nur bei Notfällen, etwa für Medikamente. Das griechische Finanzministerium richtete eine eigene Kommission ein, die jeden dieser Fälle einzeln prüfen soll.

Nicht nur an den Banken, sondern auch an den Tankstellen bildeten sich am Montag lange Schlangen. Autofahrer zahlten für das Benzin mit Kredit- und Geldkarten, die vorerst noch akzeptiert wurden. Viele Einzelhändler lehnten aber auch Kartenzahlungen bereits ab.

Von

ap

Kommentare (1)

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Herr Manfred Zimmer

29.06.2015, 18:05 Uhr

"Verzweifelte Griechen bangen um ihr Geld"

Da geht es den Griechen nicht anders als uns!

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