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03.04.2014

12:54 Uhr

Krise mit Russland

Deutschlands Exporte nur minimal betroffen

Russland und Deutschland sind wichtige Handelspartner. Für einzelne deutsche Unternehmen spielt der Export in das Land kaum eine Rolle, für manche sind sie existenziell wichtig. Experten warnen vor harten Sanktionen.

Vor allem Energiestoffe wie aus dieser Gas-Verdichterstation nahe der russischen Stadt Kursk kommen von Russland nach Deutschland. Doch die gegenseitigen Abhängigkeiten gehen viel weiter. dpa

Vor allem Energiestoffe wie aus dieser Gas-Verdichterstation nahe der russischen Stadt Kursk kommen von Russland nach Deutschland. Doch die gegenseitigen Abhängigkeiten gehen viel weiter.

WiesbadenDeutschlands Exporteure sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur in überschaubarem Maße von Russland abhängig. Zwar sei Russland ein wichtiger Handelspartner für Deutschland. Bezogen auf die weltweiten Geschäftsbeziehungen der deutschen Exportwirtschaft halte sich die Abhängigkeit der Unternehmen von Russland aber in Grenzen. Darauf hat das Bundesamt angesichts der aktuellen Spannungen am Donnerstag in Wiesbaden hingewiesen.

Nur rund jedes zehnte exportierende Unternehmen in Deutschland führt nach Angaben der Wiesbadener Behörde überhaupt Waren nach Russland aus. Für drei von vier dieser Firmen machen die Ausfuhren nach Russland demnach höchstens ein Viertel ihrer gesamten Exporte aus.

Da sich die Importe aus Russland stark auf Rohstoffe konzentrieren, führt umgekehrt nur jedes hundertste importierende Unternehmen Waren aus dem Land ein. Deren Abhängigkeit von Russland sei allerdings hoch. Wertmäßig wird nach den Angaben fast die Hälfte (49 Prozent) der Importe aus Russland von Unternehmen eingeführt, für die diese Einfuhren mindestens drei Viertel ihrer gesamten Importe ausmachen.

Insgesamt lag Russland 2013 in der Rangfolge der wichtigsten Ursprungsländer deutscher Importe mit 40,4 Milliarden Euro an siebter Stelle. Es gehört zu den wenigen Ländern, die im Handel mit Deutschland einen Überschuss erzielen. Das liegt vor allem an der Bedeutung des Landes als Lieferant von Erdöl und Erdgas. 2013 kaufte Deutschland diese beiden Rohstoffe im Wert von 29,3 Milliarden Euro bei dem Handelspartner ein.

Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas und Öl

Gas

Deutschland kann aus eigenen Quellen gut zehn Prozent seines Bedarfs decken. Der Rest wird überwiegend aus Norwegen (gut ein Viertel) und den Niederlanden (knapp ein Fünftel) geliefert. In unterirdischen Speichern wird im Regelfall der Bedarf für mindestens zwei Monate vorgehalten. Russland ist somit größter Lieferant beider Brennstoffe für Deutschland. Beim Gas bezieht auch die EU insgesamt rund ein Viertel ihres Verbrauchs aus Russland.

Gastransport

Die Hälfte des russischen Gases nimmt den Weg über die Ukraine. Da beide Länder schon häufig über Preise, Transitgebühren und Lieferungen stritten und zeitweise die Versorgung unterbrochen war, wurden in Europa Alternativen gesucht. So wurde die Pipeline Nord Stream, die von Russland über den Ostseegrund direkt nach Deutschland führt, gebaut. Sie ist nicht ausgelastet und könnte weiteres Gas aufnehmen, sollte über die Ukraine nicht mehr geliefert werden. Daneben strömt ein großer Teil des Brennstoffes auch über die Jamal-Pipeline über Weißrussland und Polen nach Deutschland.

Ein weiterer Weg wäre der Import von flüssigem Erdgas etwa aus dem Nahen Osten über Tanker nach Deutschland. In der Bundesrepublik gibt es aber kein Terminal zum Entladen. Auch eine Einfuhr etwa über Rotterdam spielt kaum eine Rolle.

Gaseinsatz und -preis

Gas wird in Deutschland zum Heizen, für die Industrie und die Stromherstellung gebraucht. Letztere hat im Zuge der Energiewende an Bedeutung verloren, da die Kraftwerke durch Ökostrom-Anlagen verdrängt werden.

Daran ändert auch der Druck auf die Gaspreise weltweit nichts. Zwar steigt der Energiehunger in China und Indien. Auf der anderen Seite aber hat der Boom der Schiefergas-Gewinnung, dem sogenannten Fracking, die USA von Importen unabhängig gemacht. Das Land will nun sogar Gas ausführen. Auch die Ukraine wollte das Potenzial von Schiefergas nutzen und sich unabhängiger von Russland machen. Das erste Projekt zur Schiefergasförderung wurde Anfang 2013 zwischen der ukrainischen Regierung, dem Konzern Royal Dutch Shell und dem ukrainischen Partner Nadra geschlossen. Es geht um eine Fläche von der Größe des Saarlands. Der russische Gasmonopolist Gazprom hatte sich angesichts der Fracking-Konkurrenz zuletzt verstärkt bemüht, den Absatz nach Westeuropa zu sichern.

Öl

Russland ist auch Deutschlands größter Öllieferant. An Position zwei und drei liegen Großbritannien und Norwegen mit jeweils um die zehn Prozent. Auch Libyen, Nigeria und Kasachstan spielen ein Rolle. Gespeichert wird in Deutschland Öl für den Bedarf von mindestens 90 Tagen.

Transport

Der größte Teil des russischen Öls kommt über die Pipeline Druschba (Freundschaft) über Weißrussland und Polen ins brandenburgische Schwedt. Ein zweite Leitung führt über das Gebiet der Ukraine.

Öleinsatz und -preis

Öl wird als Treibstoff, für die Chemie, aber auch in vielen anderen Grundstoff-Industrien benötigt. Auch als Heizöl wird es in Deutschland oft eingesetzt. Der Preis ist nach jahrelangem Anstieg auf dem Weltmarkt etwas zurückgegangen. Die EU und Deutschland versuchen sich über den Einsatz von Biokraftstoffen und Elektroautos langfristig unabhängiger von Erdöl zu machen. Die Abhängigkeit bleibt aber für die kommenden Jahrzehnte hoch.

Wie Helaba-Ökonom Stefan Mütze am Donnerstag erläuterte, kamen 4,5 Prozent der deutschen Importe aus Russland: „Damit ist die Bundesrepublik Russlands wichtigster Handelspartner in der EU.“ Das Land sei der für Deutschland bedeutendste Lieferant von Energie mit Importanteilen von 39 Prozent bei Erdgas und 35 Prozent bei Rohöl. „Eine erhebliche Belastung des deutsch-russischen Handels durch gegenseitige Sanktionen oder höhere Zölle könnte damit [...] die Energieversorgung hierzulande gefährden“, betonte Mütze.

Umgekehrt ist Russland für die deutsche Exportwirtschaft der elfwichtigste Absatzmarkt: Nach Zahlen der Statistiker lieferte Deutschland 2013 Waren im Wert von 36,1 Milliarden Euro in das Land. Die meisten Produkte „Made in Germany“ verkauften Maschinenbauer (8,1 Milliarden Euro) und die Autoindustrie (7,6 Milliarden Euro).

Experten sind überzeugt: Sanktionen des Westens und Gegenmaßnahmen Moskaus könnten beide Seiten hart treffen. Mütze warnte, dass einschneidende Sanktionen das erwartete deutsche Wachstum von zwei Prozent in diesem Jahr gefährden könnten: „Da Russland ebenfalls auf den Handel mit dem Westen angewiesen ist, bleibt zu hoffen, dass die schwierige Situation in der Ukraine doch noch über Verhandlungen gelöst wird und nicht zu einer gegenseitigen Einschränkung der Wirtschaftsbeziehungen führt.“

Denn Deutschland ist nach China der zweitwichtigste Handelspartner Russlands. Nach Daten der Germany Trade & Invest (GTAI) für 2012 kamen 9,4 Prozent der russischen Einfuhren aus Deutschland.

Von

dpa

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