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05.04.2016

18:23 Uhr

Krise wegen Panama Papers

Regierungschef in Island tritt zurück

Die Panama Papers haben den ersten Staatschef seinen Job gekostet: Islands Regierungschef Gunnlaugsson tritt zurück. Der Grund: eine Briefkastenfirma auf den Britischen Jungferninseln, die inzwischen seiner Frau gehört.

Islands Ministerpräsident Gunnlaugsson

Proteste: Stolpert der erste Politiker nun über Panama Papers?

Islands Ministerpräsident Gunnlaugsson: Proteste: Stolpert der erste Politiker nun über Panama Papers?

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Reykjavik/StockholmIslands Regierungschef Sigmundur David Gunnlaugsson tritt wegen Vorwürfen gegen ihn im Zusammenhang mit den „Panama Papers“ zurück. Dies gab der Vizevorsitzende der Fortschrittspartei bekannt, einem Koalitionspartner Gunnlaugssons. Zuvor hatte Gunnlaugsson die Auflösung des Parlaments beantragt. Die am Wochenende von einem internationalen Journalistenkonsortium veröffentlichten Daten einer Anwaltskanzlei in Panama belegen nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“, dass Gunnlaugssons Frau eine Briefkastenfirma betrieb, die Anteile an den 2008 zusammengebrochenen Banken des Landes hielt. Gunnlaugsson sei bis 2009 an der Firma beteiligt gewesen.

Am Montagabend hatten Tausende vor dem Parlament Gunnlaugssons Rücktritt gefordert. Um die 12.000 Menschen versammelten sich am Montagabend vor dem Parlament in Reykjavik, schmissen mit Bananen und Eiern, hatten auch Feuerwerkszeug dabei. Die Menschen in dem kleinen Inselstaat mit nur 330.000 Einwohnern kochen vor Wut. Wut auf ihren Regierungschef.

Den konnten die Isländer am Sonntagabend im Fernsehen dabei beobachten, wie er aus einem Interview herausstürmte. Vorher fauchte er den Reporter an. Das war eine dumme Reaktion, gab Sigmundur Gunnlaugsson hinterher zu. „Ich kann nicht glauben, dass er so aus einem Interview gelaufen ist“, sagte der Isländer Elvar Torfason, der mit seinen Landsleuten vor dem „Althingi“ protestierte.

Es war eine aufgezeichnete Sendung vom März, es ging um die Enthüllungen über Steueroasen in den „Panama Papers“. Der Journalist hatte Gunnlaugsson auf eine Briefkastenfirma auf den Britischen Jungferninseln angesprochen, die Gunnlaugssons Frau gehört – und einst auch ihm gehört haben soll. Seit der Ausstrahlung am Sonntagabend kennt der Zorn der Isländer keine Grenzen mehr.

Selbst nach dem Bankenkollaps 2008 gingen auf der Vulkaninsel im Nordatlantik nicht so viele Menschen auf die Straße. Schon damals machten die Isländer mit ihrem trotzigen Zorn auf sich aufmerksam. Die Republik stand wegen der wahnwitzigen Kreditabenteuer der drei größten isländischen Banken mit einem gigantischen Schuldenberg da. Doch die Wikingernachfahren wehrten sich in zwei Referenden dagegen, die Banken gesund zu sparen und mit ihren Steuergeldern für die Schulden der Internetbank Icesave im Ausland geradezustehen.

Könige, Kicker, korrupte Politiker

Putins Umfeld

Aus dem Umfeld des russischen Präsidenten Wladimir Putin sollen bis zu zwei Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro) über Mossack Fonseca ins Ausland geschafft worden sein. Das Geld kam von Präsidentenberatern und von Banken und Unternehmen mit Kreml-Verbindungen. Der Kreml verurteilte die Enthüllungen als „Informations-Attacke“.

Islands Ministerpräsident

Der isländische Ministerpräsident Sigmundur David Gunnlaugsson könnte über die Affäre stürzen: Noch in dieser Woche muss er sich einem Misstrauensvotum stellen. Gunnlaugsson und seine Frau haben während der Finanzkrise über die Panama-Kanzlei mehrere Millionen Dollar aus Investitionsgeschäften ins Ausland geschleust.

David Camerons und Xi Jingpings familiäre Umfelder

Die Spuren führen auch ins familiäre Umfeld zweier Staatsmänner, die sich besonders mit der Forderung nach Transparenz und Korruptionsbekämpfung profilierten: Der britische Premierminister David Cameron und Chinas Präsident Xi Jingping haben Angehörige, die in Verbindung zu einschlägigen Briefkastenfirmen standen.

Salman, Poroshenko und Sharif

Auch Saudi-Arabiens König Salman, Vertraute des ukrainischen Präsidenten Petro Poroshenko sowie Kinder des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliew und von Pakistans Premierminister Nawaz Sharif sind in den „Panama-Papers“ verzeichnet. Auch sie sollen Briefkastenfirmen betrieben haben.

Drogenbarone und Terrororganisationen

Als Kunden von Mossack Fonseca fanden sich die Staatsmänner in Gesellschaft notorischer Krimineller wieder: Die Kundenkartei verzeichnet Drogenbarone, Geschäftsmänner und Unternehmen mit Verbindungen zu terroristischen Organisationen und einen US-Geschäftsmann, der wegen Geschlechtsverkehrs mit Minderjährigen im Gefängnis saß. Er unterzeichnete den Vertrag mit der Kanzlei in der Zelle.

Lionel Messi

Fußball-Weltstar Lionel Messi und sein Vater legten sich über die Finanzkanzlei eine Strohfirma zu, die den spanischen Steuerbehörden bislang nicht bekannt war. Der frühere Uefa-Boss Michel Platini wandte sich 2007 mit der Bitte an Mossack Fonseca, eine Briefkastenfirma in Panama zu eröffnen.

Banken

Mehr als 500 Banken – unter ihnen renommierte Geldinstitute – arbeiteten seit den 70er Jahren mit Mossack Fonseca zusammen, um Briefkastenfirmen für Kunden zu managen. Die Schweizer Großbank UBS richtete auf diese Weise 1100 Briefkastenfirmen ein, die in London ansässige HSBC mehr als 2300.

Um Geld musste sich Gunnlaugsson nie Gedanken machen. Er entstammt einer wohlhabenden Familie, genau wie seine Frau Anna. Dass ihm die Millionen einmal zum Verhängnis werden dürften, hat er wohl nicht geahnt. Nachdem er als Fernsehjournalist gearbeitet hatte, eroberte der 1975 geborene Gunnlaugsson die politische Bühne im Sturm. Wie auch schon sein Vater trat er der liberalen Fortschrittspartei bei und wurde 2009 ihr Vorsitzender.

Vier Jahre später gewann der studierte Wirtschafts- und Politikwissenschaftler mit nur 38 Jahren die Parlamentswahl gegen die mehr als 30 Jahre ältere Sozialdemokratin Jóhanna Sigurðardóttir. Bei den Bürgern punktete er nach dem Bankenkollaps mit der Ankündigung von Schuldenerlassen für Privathaushalte.

Andere warfen dem Politiker Populismus vor und sahen in seiner Machtübernahme eine Rückkehr zu dem, wovon sie sich nach der Finanzkrise verabschiedet hatten: dem „alten Island“, in dem mächtige Eliten und Clans den Ton angeben. Damals hatte sich Gunnlaugsson gerade auch als Kämpfer gegen soziale Ungerechtigkeit im Schatten der Finanzkrise präsentiert. Dass die Briefkastenfirma seiner Frau jetzt auf der Gläubigerliste der Krisenbanken auftaucht, nehmen ihm seine Landsleute übel.

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