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27.04.2013

08:43 Uhr

Krisen-Verursacher liegen bei Wahl vorne

Islands Tanz auf dem Vulkan

VonHelmut Steuer

Das Land im Atlantik ist bekannt für unterirdische Vulkane, Geysire - und den Crash der Kaupthing-Bank. Eine neue Regierung hatte das Land nach 2008 aus der Krise geholt. Doch jetzt drohen die Retter abgewählt zu werden.

Sie hat fast alles richtig gemacht, trotzdem muss sie wohl gehen: Islands Ministerpräsidentin Johanna Sigurdardottir. Reuters

Sie hat fast alles richtig gemacht, trotzdem muss sie wohl gehen: Islands Ministerpräsidentin Johanna Sigurdardottir.

ReykjavikDer Glaspalast mit freiem Blick auf den Nordatlantik steht noch. Nur das Namensschild hat sich geändert. „Arion banki“ prangt mit großen Buchstaben an der Glasfassade. Der Name stammt aus der griechischen Mythologie und soll für Unverwüstlichkeit, Kooperation und Widerstandsfähigkeit stehen. Vor allem aber soll der neue Name das vergessen machen, was den Inselstaat Island bis heute beschäftigt: Die Arion-Bank ist die Nachfolgerin der skandalumwitterten Kaupthing Bank, die 2008 auch mehr als 30 000 deutsche Sparer um ihre Einlagen zittern ließ und das kleine Land mit seinen nur 320 000 Einwohnern in eine tiefe Krise stürzte, von der es sich bis heute nicht ganz erholt hat.

Am heutigen Samstag wird auf Island gewählt. Und obwohl die bisherige rot-grüne Regierung unter Ministerpräsidentin Johanna Sigurdardottir in den vergangenen vier Jahren fast alles richtig gemacht hat, um das damals vom Staatsbankrott bedrohte Land wieder aufzurichten, wird ihre Koalition nach sämtlichen Umfragen abgewählt.

„Dankbarkeit sieht anders aus“, resümmiert denn auch Finanzministerin Katrin Juliusdottir enttäuscht die Legislaturperiode. Offenbar habe es ihre Regierung nicht verstanden, den Wählern zu erklären, was wir alles in den vergangenen Jahren gemacht haben, stellt sie resigniert fest.

Island: Große Krise en miniature

Island

ArtikelGroße Krise en miniature

Die Isländer haben starke Nerven, heißt es. Doch die Finanzkatastrophe war auch für ihre stoischen Gemüter zu viel. Eine solche Eruption, wie Island sie im Oktober 2008 erlebte, hatte es noch nie gegeben. Jetzt arbeiten Autoren die Ereignisse auf – und schaffen neue Einblicke in die isländischen Zeiten des Aufruhrs.

Es ist in der Tat kurios, was sich derzeit in Island abspielt: Denn wenn die Wähler am Sonntag morgen aufwachen, wird ihr Land aller Voraussicht nach wieder von den bürgerlichen Parteien regiert werden, die als Auslöser der Krise gelten. Die liberale Fortschrittspartei und die konservative Unabhängigspartei, die jahrzehntelang die Regierung bis zu dem Beinahe-Kollaps stellten, den später kollabierten Bankensektor liberalisierten und den wilden, schuldenfinanzierten Kreuzzügen der drei Institute, die in Europa Banken, Versicherungen und Fluggesellschaften aufkauften, tatenlos zusahen, diese Parteien führen seit Wochen haushoch in allen Meinungsumfragen.

Das rot-grüne Bündnis, dem viel Lob für die Sanierung der Staatsfinanzen vom Internationalen Währungsfonds, der Europäischen Union und zahlreichen angesehenen Ökonomen zuteil wurde, muss sich dagegen auf ein Katastrophenergebnis einstellen: Die Koalition wird nicht einmal die Hälfte der Stimmen erhalten, die sie vor vier Jahren bekam. Die Retter werden vom Volk abgewählt, weil sich die Hoffnung auf eine ganz schnelle Wende nicht erfüllt hat, nicht erfüllen konnte.

Die skurrilsten Fakten über Island

Hej Du!

Gerade einmal 320.000 Menschen leben auf Island. Man kennt sich – und duzt sich. Und: Isländer sprechen sich mit dem Vornamen an. Auch das Telefonbuch ist anders als in Deutschland nach Vornamen sortiert.

Island bebt

Auf Island bebt jeden Tag die Erde. Etwa 30 Vulkansysteme sind hier aktiv. Die Insel driftet aufgrund der Aktivität des Bodens pro Jahr ein bis zwei Zentimeter auseinander, denn die Hälfte des Landes liegt auf der nordamerikanischen, die andere auf der eurasischen Erdplatte.

Insel ohne Bäume

Auf Island wachsen von Natur aus keine Bäume. Für den Hausbau haben die ersten Siedler angeschwemmtes Material verwendet und daraus eine Art Skelett gebaut, dass dann mit Lehm und Gras überdeckt wurde.

Alte Sprache

Die isländische Sprache hat sich seit dem Mittelalter kaum verändert. Die erhaltenen Sagas aus der Zeit können die Menschen heute noch problemlos lesen. Die Sagas sowie die nordischen Heldenlieder sind die ältesten Schriftsätze, die in Europa erhalten geblieben sind.

Kein Bahnhof in Sicht

Die Hauptstadt Reykjavik hat keinen, die zweitgrößte Stadt Kopavogur auch nicht – und Hafnarfjördur sowieso nicht: Auf Island gibt es keine Bahnhöfe, da es schlicht keinen Schienenverkehr gibt. Dafür gibt es fünf Flughäfen und 19 Häfen. Und: Das Straßennetz beträgt eine Länge von 13.004 Kilometern Jedoch sind davon nur 4331 Kilometer asphaltiert. Die restlichen Straßen sind eher als Schotterwege zu bezeichnen.

Das Land der Erneuerbaren Energien

Der Strom auf Island wird zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien erzeugt (75 Prozent Wasserkraft, 25 Prozent Geothermie). Die Gebäudebeheizung wird zu 90 Prozent geothermisch betrieben.

Was können die Isländer besser als die Deutschen?

Geländewagen fahren. Das isländische Hochland ist geprägt von Schotterstraßen, die unter Geländefahrern als beliebtes Reiseziel gelten. Offroad-Fahren, also Fahren abseits der „Straßen” ist zum Schutze der empfindlichen Vegetation jedoch verboten.

Dabei hatte Sigurdardottir und ihr Kabinett nach dem Wahlsieg mit Erfolg den von der Vorgängerregierung zurückgelassenen Scherbenhaufen zusammengefegt. Das war, so bescheinigte unlängst erneut der IWF, ein hartes Stück Arbeit. Denn damals, im Frühjahr 2009, sah alles danach aus, als würde Island nach der Pleite der drei größten Banken, nach einem Milliarden-Hilfskredit durch den IWF und nach der Abwahl der Regierung in den Tiefen des Nordatlantiks versinken.

Kommentare (9)

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Falk

27.04.2013, 09:34 Uhr

Tja so geht´s. Die islänischen Sozialdemokraten haben bei der Sanierung dieses Landes keine grossen Fehler gemacht, als EU-ideologisierte Partei wollen Sie allerdings den Euro als isländische Währung, konterkarieren damit ihre Politik und werden abgestraft.
Man kann etwas Richtiges machen aber trotzdem eine Denke haben, die dann zu neuen Schwierigkeiten führt.
Das wollen die Isländer vermeiden.

buschkloppsky

27.04.2013, 09:43 Uhr

die isländer wollen mit den EU hütchensoieler und schuldenmajore nix zu tun hamn und setzen voraus ,daß die andern parteien ihre lektion gelernt haben.

sie sehen für dich ohne EU bessere (über)lebenschancen.wir reden hier übern land so groß wie berlin-neukölln

LuckyIceland

27.04.2013, 09:47 Uhr

EU, nein danke. Hat nichts mit Undankbarkeit zu tun, sondern mit Weitsicht der Wähler. Wäre ja auch noch schöner wenn Sozialisten mal etwas richtig machen um damit die Bürger in die EUdSSR zu locken.

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