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10.08.2011

01:48 Uhr

Krisenpolitik

Politischer Umgang mit Börsenaufruhr

Angesichts der Nervosität an den Märkten ist die Börsenerholung ein wichtiges Ziel. Die Bundesregierung will die wankende Euro-Zone stabilisieren. Zum Anleihenkauf gab EZB-Präsident Jean-Claude Trichet etwas Hintergrund.

Der Präsident der Europaeischen Zentralbank (EZB), Jean Claude Trichet ist auf dem Sekundärmarkt aktiv. Quelle: dapd

Der Präsident der Europaeischen Zentralbank (EZB), Jean Claude Trichet ist auf dem Sekundärmarkt aktiv.

Frankfurt/BerlinBrutaler Absturz, sanfte Erholung - an den globalen Aktienmärkten regiert weiter die Unsicherheit. Nach den herben Verlusten vom Vortag zeugten am Dienstag extreme Ausschläge von der Angst der Anleger. Die US-Notenbank versuchte, die Nerven mit einem ungewöhnlichen Versprechen zu beruhigen: Mindestens bis Mitte 2013 werde sie ihre Leitzinsen auf „äußerst niedrigem Niveau“ belassen, um der flauen US-Konjunktur auf die Sprünge zu helfen. Die anschließende Kurs-Achterbahnfahrt an der Wall Street führte deutlich nach oben.

Derweil äußern Volkswirte und Händler immer lauter Kritik am Krisenmanagement der Politik. Berlin will jetzt die Einrichtung einer Schuldenbremse im Euroraum forcieren. Die EU-Kommission betonte, es gebe keinen Mangel an politischer Führung: „Wir sind nicht sicher, dass man aus ein paar Tagen einer ernsten Entwicklung an den Märkten schließen kann, dass wir uns auf dem Weg in eine Rezession befinden“, sagte Kommissionssprecher Olivier Bailly in Brüssel. Es gebe wirtschaftliche Voraussetzungen, an denen die Regierungen der einzelnen EU-Länder bereits arbeiteten. „Und wir haben Vorschauen auf die künftige Entwicklung, die sehr viel positiver sind als die Erwartungen der Akteure auf den Finanzmärkten.“

Deutschland erhöht allerdings angesichts der dramatischen Schuldenkrise in Europa den Druck auf die Partnerländer. Zur Beruhigung der Märkte will die Bundesregierung die wankende Euro-Zone mit Stresstests und Schuldenbremsen nach deutschem Vorbild langfristig stabilisieren. Dazu könnte ein neuer europäischer Stabilitätsrat aufgebaut werden, der bei schlechtem Wirtschaften automatisch Sanktionen - etwa bei der Vergabe von EU-Fördermilliarden - verhängen würde, sagte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler: „Das wäre ein gutes, starkes Signal an die Märkte.“

Rösler will die mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) abgestimmte Initiative Ende September seinen EU-Ministerkollegen vorstellen. Ein Handeln der Politik wird denn auch von Wirtschaftsexperten gefordert: „Das Vertrauen in die Politik ist im Augenblick nicht da“, sagte der Frankfurter Ökonom Martin Faust der dpa. Die Politiker könnten die Augen nicht länger vor den Problemen verschließen.

Voraussetzung einer Börsenerholung ist laut Fondsmanager Tim Albrecht von DWS Investments, dass die Politik eine angemessene Lösung für die aktuellen Probleme finde. Joachim Goldberg, Chef des Frankfurter Markt- und Verhaltensforscher Cognitrend, erklärte: „Es wäre schön wenn die Politik mal agieren und nicht nur reagieren würde. Es fehlt derzeit an Führung in der Politik.“ Für den deutschen Leitindex Dax ging es am Dienstag zunächst den zehnten Tag in Folge in den Keller, zeitweise um mehr als 7 Prozent. Doch am frühen Nachmittag konnte er das Minus deutlich eindämmen und schaffte fast den Vortagsstand. An den Märkten Asiens war es zuvor überwiegend abwärtsgegangen.

Besorgt äußerte sich die Fed über die Konjunktur in den USA: Das Wirtschaftswachstum sei „erheblich langsamer“ ausgefallen als noch im Juni erwartet. Man rechne in den nächsten Monaten mit einer langsameren Erholung als ursprünglich angenommen. Zudem habe sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert. Den Leitzins ließ die Fed wie erwartet unverändert: Die Zinsspanne bleibt bei 0,0 bis 0,25 Prozent. Die Wall Street startete nach diesen Aussagen in den letzten Handelsstunden eine rasante Achterbahnfahrt: Nach einem Absacken auf nur noch knapp über 10 600 Punkte schnellte der Index bis kurz vor Handelsschluss auf über 11 100 Punkte in die Höhe, das war ein Plus von 2,8 Prozent.

„Die Börsenwelt ist schizophren“, beschrieb Thilo Müller von MB Fund Advisory die Lage an den Märkten: „Die deutsche Wirtschaft läuft unter Volldampf, die US-Konjunktur verläuft zuletzt immer schleppender. Der Dax verliert in dieser Börsenphase doppelt so viel wie die amerikanischen Indizes.“ Auch Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank, hält die Ausschläge im deutschen Leitindex für überzogen. Der Dax werde überdurchschnittlich abgestraft, obwohl die Dax-Werte unter Bilanzqualitätsgesichtspunkten eine herausragend Position einnähmen: „Die Kurse sind nicht Ausdruck ökonomischer, sondern politischer Probleme. Es ist kein rationaler, sondern ein emotionaler Markt.“

Die Aktienkurse fielen seit Tagen wegen der Sorgen um die Staatsfinanzen in den USA und Europa. Die anziehende Inflation in China schürt weitere Rezessionsängste. Derweil geht die Rekordjagd des Goldpreises weiter, was eine ungebrochen hohe Risikoscheu der Anleger signalisiert. Händlern zufolge kaufte die Europäische Zentralbank (EZB) erneut Anleihen der Schuldensünder Spanien und Italien. Der Anleihekauf der Notenbank hatte bereits am Montag Wirkung gezeigt: Die Risikoaufschläge für Anleihen waren regelrecht eingebrochen, die klammen Staaten kamen günstiger an frisches Geld. Der Trend setzte sich am Dienstag fort. Die Rendite von zehnjährigen spanischen Papieren sackte sogar unter die Marke von 5 Prozent, italienische Anleihen gingen auf gut 5,1 Prozent zurück.

Am Freitag hatten die Renditen von beiden Ländern noch über der Marke von sechs Prozent gelegen. Zum Volumen des Anleihenkaufs schwieg EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. „Wir sind auf dem Sekundärmarkt aktiv. Aber ich sage nicht, was wir kaufen“, sagte Trichet dem Radiosender Europe 1. Die Notenbank gibt immer montags Auskunft über den Wert der gekauften Anleihen. Die langjährigen Turbulenzen auf den Finanzmärkten bezeichnete er als historisches Ereignis. „In der Gesamtschau ist das die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg - besonders seit (der Insolvenz der US-Investmentbank) Lehman Brothers.“

Nach Überzeugung des Wirtschaftsweisen Peter Bofinger hat der massive Absturz der internationalen Aktienmärkte wenig mit der Entwicklung der Realwirtschaft zu tun. Der „Neuen Westfälischen“ sagte der Ökonom, die Aktienmärkte hätten zwar „die konjunkturelle Wende verschlafen und reagierten jetzt umso panischer“, aber die fundamentalen Daten der Volkswirtschaft rechtfertigten keinen solchen Kurzsturz. Der Ökonom sieht vor allem psychologische Faktoren, insbesondere ein Herdenverhalten der Anleger, als Ursache für die anhaltende Talfahrt.

Schlechte Nachrichten kamen am Dienstag auch aus China, wo die Inflation um 6,5 Prozent auf ein Drei-Jahres-Hoch kletterte. Der Riesen-Wachstumsmarkt China gilt als wichtiger Motor für die Weltwirtschaft, auch für Deutschlands Exporteure.

Der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken, Andreas Schmitz, wirft den Regierungen in Berlin und Paris angesichts der Finanzkrise Entscheidungsschwäche vor. Zwar sei die Politik gegen fallende Kurse machtlos, sagte Schmitz der Onlineausgabe der „Bild“-Zeitung. „Das Problem ist allerdings die Führungslosigkeit Europas“, kritisierte er.

„Die Regierenden in Berlin, Paris und anderswo gehen nicht mutig voran und entscheiden. Schmitz sagte, die Politik lasse die Dinge treiben und werde von der Krise getrieben. Das verunsichere die Märkte. Der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken, Andreas Schmitz, wirft den Regierungen in Berlin und Paris angesichts der Finanzkrise Entscheidungsschwäche vor. Zwar sei die Politik gegen fallende Kurse machtlos, sagte Schmitz der Onlineausgabe der „Bild“-Zeitung. „Das Problem ist allerdings die Führungslosigkeit Europas“, kritisierte er.

„Die Regierenden in Berlin, Paris und anderswo gehen nicht mutig voran und entscheiden. Schmitz sagte, die Politik lasse die Dinge treiben und werde von der Krise getrieben. Das verunsichere die Märkte. „Wenn der Euro tatsächlich Probleme bekäme, dann nicht wegen Griechenland, dem schwächsten Mitglied“, sagte er. Die Währungsunion würde dann scheitern, wenn Deutschland als stärkstes Mitglied seiner Führungsrolle nicht gerecht wird und sagt, wo es lang geht.“

Kommentare (2)

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Arminius

10.08.2011, 07:38 Uhr

Warum der Dax überdurchschnittlich abgestraft wird, obwohl die Dax-Werte unter Bilanzqualitätsgesichtspunkten eine herausragend Position einnähmen, ist leicht zu verstehen.
Eine Änderung der Regeln der Währungsunion zu Gunsten der schwachen Ländern ist unvermeidbar wenn die Währungsunion überleben soll.
Zur Zeit profitiert die deutsche Wirtschaft, dank des permanenten Leistungsbilanzüberschuss, am meisten von der Währungsunion, das muss sich aber ändern.
Das Deutsch-Französische Diktat hat zu Krise geführt, es ist jetzt notwendig dass die Entscheidungen nicht mehr von Politikern sondern von Fachleuten in Brüssel im Interesse der Währungsunion und der EU insgesamt getroffen werden.
Sonst wird es die Währungsunion und die EU bald nicht mehr geben.

AlexanderBerg

10.08.2011, 07:38 Uhr

Wir benötigen nur wirksame ökonomische Strukturen, die den globalen Markt- und Wettbewerbsanforderungen angepasst sind. Insuffizienz in den überfrachteten Organisationsmustern ist heute ein wesentliches Element, warum die Systemstrukturen, in denen wir heute leben, so instabil geworden sind. Mit konventionell-traditionellen Denk- und Verhaltensmustern lässt sich eine Auflösung selbstgeschaffener Komplexität jedoch nicht erreichen, denn mehrheitlich fehlt das Verständnis zum Erkennen dynamisch vernetzter Systemzusammenhänge und wechselseitiger Abhängigkeiten. Dann würde man auch erkennen, dass man sich die ganze Zeit nur mit Symptomen beschäftigt hat.

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