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15.06.2013

13:14 Uhr

Kritik an Regierung Erdogan

Der türkische Kampf geht weiter

Auch nach einem Treffen mit dem türkischen Regierungschef Erdogan wollen die Demonstranten im Istanbuler Gezi-Park ihre Proteste fortsetzen. Derweil setzt die Polizei in Ankara Tränengas und Wasserwerfer ein.

Ein Demonstrant schläft unter einer Plane nahe dem Istanbuler Gezi-Park. ap

Ein Demonstrant schläft unter einer Plane nahe dem Istanbuler Gezi-Park.

Istanbul/AnkaraAnders als von der türkischen Regierung gefordert, wollen die Demonstranten den Gezi-Park am Istanbuler Taksim-Platz nicht freiwillig räumen. Man habe sich entschlossen auszuharren, teilte das Bündnis Taksim-Solidarität am Samstag mit. Damit droht sich der Konflikt zwischen der religiös-konservativen Regierung und der Protestbewegung nochmals zu verschärfen.

Man sei sich einig: „Wir bleiben im Park“, sagte der Aktivist Tayfun Kahraman der Nachrichtenagentur AP. Vorangegangen waren ausgiebige Diskussionen der Demonstranten. Kahraman war am Vortag einer von zwei Vertretern der Taksim-Solidarität gewesen, die sich mit Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan getroffen hatten.

Erdogan hatte dabei Zugeständnisse im Streit über die künftige Gestaltung des Parks in Aussicht gestellt, der vor zwei Wochen die Massenproteste in der Türkei ausgelöst hatte. Gleichzeitig hatte Erdogan die Demonstrationen aufgefordert, den Park zu räumen. Vor Vertretern seiner religiös-konservativen Partei AKP hatte Erdogan gesagt, die Protestierenden seien nun „lange genug dagewesen“. Er habe Vertreter der Protestbewegung aufgefordert, mit ihren Gleichgesinnten im Gezi-Park zu reden. Man wolle sich nicht gezwungen sehen, „andere Maßnahmen zu ergreifen“.

Erdogans Regierung hatte erklärt, das umstrittene Bauprojekt im Gezi-Park bis zu einem Gerichtsurteil auszusetzen und anschließend die Bürger Istanbuls dazu in einer Volksabstimmung zu befragen. Doch inzwischen richten sich die Proteste nicht mehr nur gegen die Umgestaltung des Istanbuler Taksim-Platzes, sondern ganz allgemein gegen Erdogans religiös-konservative Regierung.

Die Protestwelle in der Türkei - So fing es an

27. Mai:

Bei einer Kundgebung gibt es Zusammenstöße mit der Polizei. Ein Protestcamp wird gewaltsam geräumt.

31. Mai:

Die Protestwelle erfasst mehrere Städte. In Istanbul marschieren Zehntausende zum Taksim-Platz und rufen: „Die Regierung soll zurücktreten!“. Bei einem Polizeieinsatz werden Dutzende verletzt.

1. Juni:

Nach schweren Zusammenstößen in Istanbul zieht sich die Polizei zurück. Zehntausende Demonstranten ziehen jubelnd durch die Straßen und fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Dieser räumt zwar Fehler ein, sagt aber, seine Regierung werde sich durch Straßenproteste nicht von ihrem Kurs abbringen lassen. In mehreren deutschen Städten kommen Tausende Demonstranten zu Solidaritätskundgebungen zusammen

2. Juni:

Bei Protesten gegen die islamisch-konservative Regierung werden in Ankara und weiteren türkischen Städten fast 1000 Menschen festgenommen. Im Internet kursieren Videos, auf denen friedliche Demonstranten von der Polizei misshandelt werden. Die Härte der Einsätze wird auch international kritisiert.

3. Juni:

In mehreren Städten liefern sich Demonstranten Straßenkämpfe mit der Polizei. In Izmir attackieren Protestierer ein Büro der Regierungspartei AKP mit Brandsätzen. Ungeachtet der Spannungen bricht Erdogan zu einer viertägigen Auslandsreise auf.

4. Juni:

In Istanbul kommt es in der vierten Nacht in Folge zu gewaltsamen Zusammenstößen. Bei den Protesten, die bereits 77 der 81 Provinzen erfasst haben, gibt es einen zweiten Toten. Mitglieder des Gewerkschaftsbundes KESK legen vorübergehend die Arbeit nieder.

5. Juni:

Die Zahl der Verletzten bei den anhaltenden Protesten ist nach Angaben des türkischen Ärzteverbandes TTB auf 4100 gestiegen.

6. Juni:

Bei den Protesten hat die Polizei laut Innenminister Muammer Güler in Istanbul und Ankara sieben Ausländer festgenommen. Den bisherigen Sachschaden beziffert er auf umgerechnet 28 Millionen Euro. Die Zahl der Toten erhöht sich auf vier.

7. Juni:

Erdogan fordert nach seiner Auslandsreise vor Tausenden Anhängern ein sofortiges Ende der Proteste. Die Demonstrationen hätten ihre demokratische Berechtigung verloren und seien zu Vandalismus geworden. Gegner Erdogans setzten ihre Proteste in mehreren Provinzen fort.

Unterdessen gab es in der türkischen Hauptstadt Ankara wieder Zusammenstöße zwischen Regierungskritikern und der Polizei. Die Ordnungshüter setzten am Samstagmorgen Tränengas und Wasserwerfer gegen Demonstranten ein. Zuvor hatten die Protestierenden in der Nähe des Parlaments Barrikaden errichtet.

Auch Anhänger der Regierung wollen am Wochenende protestieren. Erdogans Partei AKP hat für das Wochenende Massendemonstrationen seiner Unterstützer in Ankara und Istanbul angekündigt.

Die Polizei hatte am 31. Mai in Istanbul eine Demonstration von Umweltschützern aufgelöst, die sich gegen die Abholzung von Bäumen am Gezi-Park zugunsten eines geplanten Einkaufszentrums wandten. Sehr schnell wurde daraus eine allgemeine Protestbewegung gegen Erdogan und seine Regierung in zahlreichen Städten der Türkei. Bei Zusammenstößen sind seither fünf Menschen getötet und etwa 5000 verletzt worden, viele nach dem Einsatz von Tränengas.

Kommentare (11)

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Brasil

15.06.2013, 12:09 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Schlesier

15.06.2013, 13:00 Uhr

Die Römer sagten gibt dem Volk Bort und Spiele und die Herrscher eroberten halb Europa. Heute heist es gibt dem Volk MC Donalds und Fernsehen und die Amis machen was Sie wollen.
In Syrien sind es Freiheitskämpfer und in der Türkei sind friedvolle Demonstranten Terroristen und hier in Europa glauben das noch alle Menschen und wählen weiter die großen Parteien(Volksverbrecher).

Account gelöscht!

15.06.2013, 13:09 Uhr

Wie heisst ein Spruch so schön? "Kill your leaders!" Das war kein Aufruf von mir sondern ein Zitat, alles klar?

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