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18.05.2011

10:34 Uhr

Kritik an Sparbemühungen

IWF nimmt sich griechische Regierung zur Brust

Griechenland tut zu wenig, um aus der Schuldenfalle herauszukommen, ist der IWF überzeugt. Im schlimmsten Fall drohe der Komplett-Absturz. Die Regierung in Athen müsse mehr Einsatz zeigen.

Griechenland-Premier Papandreou umringt von IWF-Missionsleiter Thomsen (li.) und EZB-Chefvolkswirt Stark. Quelle: dapd

Griechenland-Premier Papandreou umringt von IWF-Missionsleiter Thomsen (li.) und EZB-Chefvolkswirt Stark.

Athen/BrüsselDer Internationale Währungsfonds (IWF) hat eindringlich an Griechenland appelliert, die Sparbemühungen zu verstärken. Das griechische Sanierungsprogramm werde aus der Spur laufen, ohne entschiedene Bemühungen des Landes, sagte Poul Thomsen, der die IWF-Delegation zur Prüfung der griechischen Reformpläne leitet, am Mittwoch bei einer Konferenz in Athen. "Wenn wir diese Verstärkung nicht sehen, denke ich, wird das Programm aus der Spur laufen", sagte Thomsen.

Zwar gerate die griechische Wirtschaft allmählich wieder ins Gleichgewicht und gewinne auch an Wettbewerbsfähigkeit. Es sei aber fraglich, ob das Land nächstes Jahr an die Kapitalmärkte zurückkehren könne. Es sei wesentlich, die Reform des öffentlichen Sektors deutlich zu beschleunigen, um das griechische Defizit weiter zu verringern. Ohne weitere Reformen werde es nicht merklich unter zehn Prozent sinken, sagte Thomsen.

Ähnlich äußerte sich der EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark bei einem Besuch in Athen. Mit Blick auf die Schuldenkrise in Griechenland, Irland und Portugal bekräftigte Stark bekannte Positionen der EZB. So müssten diese Länder - allen voran Griechenland - ihr Bemühungen zur Konsolidierung der maroden Staatshaushalte verstärken.

Wie eine Umschuldung Griechenlands aussehen könnte

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

"Sanfte Umschuldung"

Eine mildere Form der Umschuldung wäre eine längere Laufzeit der vom IWF und der Europäischen Union gewährten Kredite von 110 Milliarden Euro - verbunden womöglich mit einer erneuten Senkung des Zinssatzes, den Griechenland für die Hilfen zahlen muss.Eurogruppen-Chef Juncker will auch die privaten Gläubiger mit ins Boot holen. Dem Krisenland soll so mehr Zeit eingeräumt werden, seine Schulden zurückzuzahlen und sein Sparprogramm umzusetzen. „Reprofiling“ nennt Jucker das. Ob private Gläubiger dazu gebracht werden sollen, Griechenland eine Atempause zu gewähren und dabei auf Geld zu verzichten, ist offen. Die Commerzbank rechnet nur dann mit einem Erfolg, wenn den Anlegern dafür Rückzahlungsgarantien ausgestellt werden. Das Problem: Die über Jahre angehäuften Staatsschulden müssten auf einen Schlag mit Garantien unterlegt werden - für die am Ende die Steuerzahler in anderen Ländern haften müssen.

Brady-Bonds

Diese Lösung hat in den achtziger Jahren Schule gemacht. Der damalige US-Finanzminister Nicholas Brady handelte einen nach ihm benannten Plan aus, der etliche lateinamerikanische Staaten vor der Pleite rettete. Übertragen auf Griechenland würde er wie folgt funktionieren: Banken und andere private Gläubiger tauschen die riskanten griechischen Staatsanleihen zum Marktpreis gegen Papiere ein, die von der Euro-Zone mit einer Garantie versehen werden. Die Gläubiger müssten damit auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten, denn am Markt werden die griechischen Bonds wegen des hohen Ausfallrisikos derzeit mit großen Abschlägen zum Ausgabepreis gehandelt - bei zehnjährigen Bonds sind es fast 40 Prozent. Der Vorteil: Die neuen Papiere sind gesichert, die Gläubiger haben damit Planungssicherheit. Griechenland würde auf diese Weise seine Schuldenlast drücken.

Längere Laufzeiten

Eine mildere Form der Umschuldung wäre eine längere Laufzeit der vom IWF und der Europäischen Union gewährten Kredite von 110 Milliarden Dollar - verbunden womöglich mit einer erneuten Absenkung des Zinssatzes, den Griechenland für die Hilfen zahlen muss. Nach einem Bericht des „Wall Street Journals“ hält der IWF die Schuldenlast für Griechenland intern für untragbar und soll daher eine Laufzeitverlängerung der Finanzhilfen auf bis zu 30 Jahre erwägen. Der IWF dementierte dies allerdings.

Pariser Club

Die Experten der Großbank UniCredit halten auf mittlere Sicht Verhandlungen zwischen Griechenland und dem Pariser Club für wahrscheinlich. Ihr Argument: Durch bilaterale Kredite und den Ankauf griechischer Anleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) wird der Anteil der öffentlichen Gläubiger an den Verbindlichkeiten Griechenlands auf mindestens 40 Prozent steigen. Im Pariser Club haben sich 1956 die wichtigsten Gläubigerstaaten zusammengeschlossen und seither 421 Umschuldungsabkommen mit 88 Staaten - von Afghanistan bis Vietnam - im Wert von 553 Milliarden Dollar getroffen. Von 1985 und 1993 stand dem Pariser Club ein Mann vor, der auch in der Schuldenkrise eine zentrale Rolle spielt: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.

Er erteilte auch Forderungen nach einer Umschuldung Griechenland erneut eine Absage. Es wäre eine "Illusion" zu glauben, dass ein solcher Schritt die Probleme der Griechen lösen würde. Sollte Griechenland das beschlossene Sanierungsprogramm wie beschlossen umsetzen, sei die Tragfähigkeit der Finanzen gesichert, gab sich Stark zuversichtlich. Eine Umstrukturierung der Schulden wäre hingegen kein angemessener Weg aus der Krise, sondern nach seiner Ansicht eine Katastrophe.

Die Euroländer erwägen in dem bislang erfolglosen Kampf gegen die Schuldenkrise inzwischen eine "sanfte Umschuldung", bei der Griechenland mehr Zeit für die Rückzahlung seiner Darlehen bekommen würde.

Kommentare (10)

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Domenq

18.05.2011, 10:53 Uhr

Frage nie, wer den Karren zu wessen Vorteil an die Wand gefahren hat!
Frage immer nur, wie Du solidarisch den Idioten spielen kannst.

thilo19

18.05.2011, 11:05 Uhr

Was zur Zeit von offizieller und mit dem Thema betrauten Politiker und Wirtschaftsfachleuten zu diesem Thema gesagt und geschrieben wird, entbehrt jeder Vernunft. Offenbar ist Griechenland zahlungsunfähig und somit defacto insolvent. Desweiteren ist das keine temporäre Situation sondern ein Dauerzustand. Kurzfristige Hilfe für "den Nachbarn in Not" ist also sinnlos. Wenn man diese Realität anerkennt, ist dringend geboten, ein kontrolliertes Insolvenzverfahren einzuleiten. Da man Griechenland allerdings schlecht abwickeln bzw. veräußern kann, es auch unmöglich ist das Management zu feuern und die Belegschaft also die Bürger zur Vernunft zu bringen, gibt es nur einen Ausweg. Schulden abschreiben bis auf eine geringe realistische Quote, Unternehmensteil schließen, also raus aus dem Euro Raum. Ansonst wird das ein unkontrollierter Bankrott mit langwierigen sich immer weiter steigernden Folgekosten.

matt_us

18.05.2011, 11:18 Uhr

Wieso ist Griechenland zahlungsunfaheig? Griechenland ist das einzige Land in der EU, dass alles Geld was es braucht um die Staatsschulden abzuzahlen in der Schweiz hat.

Hab ich hier im Handelsblatt gelesen, die das griechische Finanzministerium zitierten. 280 Mrd Euro liegen auf schweizer Konten.

Warum sollen alle Schulden abgeschrieben werden. Die Griechen sollen sich das Geld aus der Schweiz besorgen, und fertig.

Leute wie thilo19 die davon sprechen dass Griechenland zahlungsunfaehig ist, und damit Stimmung fuer eine Umschuldung machen wollen, nur weil sie CDS haben (das ist das wahrscheinlichste hier) sollten wegen Verleumdung angezeigt werden. Wie Breuer von Kirch angezeigt wurde.

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