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18.09.2015

18:21 Uhr

Kroatien, Slowenien und Co.

Die neuen Routen der Flüchtlinge

VonKevin Knitterscheidt

Ein Land nach dem anderen macht seine Grenzen dicht. Die Flüchtlinge weichen auf neue, teils gefährlichere Routen aus. Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass sich die Asylsuchenden nicht von Zäunen aufhalten lassen.

Nach der Schließung der ungarischen Grenzen müssen die Flüchtlinge teils große Umwege nehmen, um in den Nordwesten zu gelangen.

Auf Umwegen

Nach der Schließung der ungarischen Grenzen müssen die Flüchtlinge teils große Umwege nehmen, um in den Nordwesten zu gelangen.

DüsseldorfErst die Grenze zu Serbien, dann zu Rumänien und nun auch noch zu Kroatien: Ungarns Premier Viktor Orbán riegelt sein Land in südlicher Richtung hermetisch ab. „Wir folgen ihren Spuren“, erklärte er am Donnerstag in der französischen Zeitung „Le Figaro“ – und meinte damit Tausende Flüchtlinge, die sich auf der sogenannten „Westbalkan-Route“ von der Türkei nach Europa befinden. Aufhalten kann er sie jedoch nicht: Viele von ihnen haben inzwischen andere Wege gefunden, um an den ungarischen Grenzzäunen vorbei trotzdem nach Österreich oder Deutschland zu gelangen. Weitere werden aller Wahrscheinlichkeit nach folgen oder befinden sich sogar schon auf langen, teils gefährlichen Umwegen durch Kroatien, Slowenien und Rumänien.

Schon jetzt stellen sich die betroffenen Länder auf die neue Situation ein. Einige Regierungen folgen in Überforderung dem Beispiel Ungarns – was die Reise nach Österreich oder Frankreich, derzeit sowas wie das „Herz Europas“, zusätzlich erschwert.

Besonders Kroatien bekommt die veränderten Wanderbewegungen zu spüren: So seien allein seit der ersten Grenzschließung Ungarns am Mittwoch rund 13.000 Flüchtlinge in dem kleinen Balkanstaat an der südwestlichen Grenze zu Ungarn angekommen, teilte die kroatische Polizei mit. In Mazedonien wird bereits auf Info-Blättern für die neue Route über Kroatien und Slowenien geworben, wie „Zeit Online“ berichtet.

In der Nacht sind so laut serbischem Staatsfernsehen 30 Busse mit Flüchtlingen in Sid kurz vor Kroatien angekommen, um von dort aus zu Fuß die grüne Grenze zu überqueren. Eine heikle Angelegenheit – denn in einem Umkreis von 30 bis 50 Kilometer des Dreiländerecks zwischen Kroatien, Serbien und Ungarn liegen immer noch zahlreiche Minen aus dem Jugoslawien-Krieg vergraben. So warnt beispielsweise das Auswärtige Amt davor, in diesem Bereich Straßen und Wege zu verlassen – teilweise fehlten Schilder, die vermintes Gelände kennzeichnen, so ein Hinweis für Reisende.

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Die kroatische Regierung scheint indes trotz guten Willens überfordert. Waren es anfangs noch knapp 200 Asylbewerber, die die Behörden am Mittwochmorgen in der Grenzstadt Tovarnik nahe Sid registrierten, warteten schon am Donnerstag mehrere Tausend Flüchtlinge bei Temperaturen über 30 Grad in der Sonne auf eine Möglichkeit zur Weiterreise nach Zagreb. Von dort Züge wollen sie Züge nach Norden besteigen. Regierungschef Zoran Molanovic warnte gegenüber der dpa, er wolle die Flüchtlinge nicht aufhalten – „aber unsere Ressourcen sind begrenzt“.

Die Regierung schloss darum in der Nacht – „bis auf weiteres“, wie die Polizei mitteilte – sieben der acht Grenzübergänge zu Serbien. Von dort kommen derzeit die meisten der syrischen Flüchtlinge, die von Lagern in der Türkei auf dem Landweg über Bulgarien oder Griechenland und Mazedonien via Serbien nach Europa gelangen wollen. Diese Route wird vor allem von Frauen und Kindern bevorzugt, weil sie weniger gefährlich ist als der Seeweg über das Mittelmeer.

Auch Slowenien entwickelt sich derzeit zum Transitland zwischen Österreich und Kroatien. Trotz der Sperrung der serbisch-kroatischen Grenzübergänge im Süden erreichen auch hier immer mehr Flüchtlinge das Landesinnere. Am Morgen teilte die Regierung in Ljubljana mit, 250 illegal eingereiste Personen wieder zurück nach Kroatien schicken zu wollen – 150 von ihnen saßen in einem Zug von Zagreb nach Zürich, der durch Slowenien hindurchfährt. Der internationale Bahnverkehr zwischen Slowenien und Kroatien werde daher für heute bis mindestens 18 Uhr unterbrochen, wie die Bahngesellschaften mitteilten.

Gerüchte, wonach die beiden Länder einen humanitären Korridor planten, um Flüchtlingen die Einreise nach Österreich zu ermöglichen, wies der slowenische Regierungschef Miro Cerar gegenüber dem Fernsehsender RTV Slo zurück: „Solche Äußerungen des kroatischen Innenministers [Ranko Ostojic] sind nicht nur falsch, sondern auch gefährlich, weil sie etwas versprechen, was nicht geschehen darf.“ Slowenien habe mit Kroatien eine Schengen-Grenze – „und wir dürfen niemanden durchlassen, der die Bedingungen für die Einreise in die EU nicht erfüllt.“ Eine problemlose Ein- beziehungsweise Durchreise dürfen die Flüchtlinge deshalb auch hier nicht erwarten.

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