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12.01.2010

08:18 Uhr

Kroatiens Präsident Ivo Josipovic

Ein ehrlicher Langweiler

VonStefan Menzel

Ivo Josipovic, der neue Staatspräsident von Kroatien, ist ein Quereinsteiger. Mit dem Jura-Professor und Musikliebhaber setzen alle auf den EU-Beitritt. Dass der 52-Jährige unter den Kroaten als eher farbloser Langweiler gilt, hat ihm bei seiner Wahl jedenfalls nicht geschadet.

Ivo Josipovic wurde mit einer Zweidrittel-Mehrheit zum kroatischen Staatspräsidenten gewählt. dpa

Ivo Josipovic wurde mit einer Zweidrittel-Mehrheit zum kroatischen Staatspräsidenten gewählt.

WIEN. Der rote Schal ist sein Erkennungszeichen – und das ist typisch für einen Sozialdemokraten, wie auch schon beim früheren SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering. Ivo Josipovic wird allerdings nicht mehr lange Mitglied der kroatischen sozialdemokratischen Partei bleiben. In dem kleinen Balkanland ist es üblich, dass der neue Staatspräsident nach seiner Wahl sein Parteibuch abgibt. Und natürlich will und wird sich Josipovic an die Spielregeln halten, für den 52-jährigen Jura-Professor ist das eine Selbstverständlichkeit.

Viele in Kroatien halten den roten Schal noch für das Aufregendste an dem Politiker, den sie jetzt als höchsten Repräsentanten des Landes gewählt haben. Und so mancher meint, dass Josipovic eigentlich ein ziemlich langweiliger Mensch sei. Und trotzdem haben die Kroaten ihn am Sonntag gewählt. Mit ziemlich großer Mehrheit sogar, fast zwei Drittel der Stimmen hat er bekommen und sich gegen den unabhängigen Zagreber Bürgermeister Milan Bandic klar durchgesetzt.

Der Wissenschaftler Josipovic mischt erst seit 2003 in der großen Politik mit, er gilt als unverbraucht und trotz schlichter politischer Botschaften als glaubwürdig. Er ist dem „Kampf gegen die Korruption“ und einem „besseren Leben für alle“ verpflichtet, und „kann das Unrecht nicht mehr ertragen“.

Seine Dauerkritik richtet sich gegen die Folgen des jugoslawischen Bürgerkriegs in den 90er-Jahren, in dem viele ihr Leben verloren und andere wenige sich bereicherten. Josipovic, der seit vielen Jahren die Zagreber Musikbiennale leitet, kann seine Spröde selbst dann nicht ablegen, wenn er sich in der Öffentlichkeit ans Klavier setzt. Denn das ist die andere Seite des neuen Staatspräsidenten: Er gilt nicht nur als Spezialist für internationales Recht, sondern eben auch als Freund der Musik. Er komponiert selbst, mit seinen eigenen Stücken hat er sogar schon international renommierte Preise gewonnen.

Spröde, Langeweile, Ehrlichkeit – wahrscheinlich sind das die drei entscheidenden Attribute, mit denen im Moment Wahlen im zerrütteten Kroatien gewonnen werden. Erst in der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass die Polizei den früheren Chef der staatlichen Postbank verhaftet hat. Natürlich wegen Verdacht auf Untreue und Betrug. Und noch im alten Jahr hatte die Regierung die komplette Führung des größten staatlichen Stromkonzerns abgesetzt, ebenfalls wegen Korruptionsverdacht. Milan Bandic, der Kontrahent von Josipovic, stand für das alte Polit-Establishment.

Die Mehrheit der Kroaten kann solche Politiker nicht mehr ertragen, deshalb hat Bandic am Ende überhaupt keine Chance gehabt. „Er ist jetzt eine Institution“, sagt der Politologe Drazen Lalic. Mit dem angesehenen Jura-Professor steige auch das Ansehen des kleinen Adriastaates im Ausland, erwartet der Politikwissenschaftler Andjelko Milardovic.

Ivo Josipovic tritt sein neues Amt mit hohen Ansprüchen an. Von Anfang an hatte er im Wahlkampf der Korruption den Kampf angesagt. Gestern, nach seiner Wahl, sprach er gleich davon, dass er ein gerechtes Kroatien schaffen wolle. „Wir alle wollen in einem Land leben, in dem Arbeit bezahlt und Kriminalität bestraft wird“, rief er seinen Anhängern zu.

Die Macht des kroatischen Präsidenten ist allerdings wie beim deutschen Staatsoberhaupt begrenzt. Josipovic bekommt in erster Linie repräsentative Funktionen. Aber vielleicht kann er als moralische Instanz doch einiges im eigenen Land bewegen – wenn er die richtigen Verbündeten besitzt. Und Josipovic’ Verbindungen zur Regierung sind nicht schlecht, auch wenn er aus der sozialdemokratischen Opposition kommt. Auch die erst seit einem halben Jahr amtierende konservative Regierung unter Ministerpräsidentin Jadranka Kosor hat die Bekämpfung der Korruption zu einer ihrer wichtigsten Aufgaben erklärt. Denn auch sie weiß: Wenn sie auf diesem Feld keine ordentlichen Erfolge vorzuweisen hat, wird es mit der für 2012 angepeilten Aufnahme in die EU schwer.

Wie gut, dass Ivo Josipovic auch ein bekennender Europäer ist und sich deshalb auch auf diesem Feld gut mit der Regierung in Zagreb verstehen wird. Außer der Bekämpfung der Korruption hatte er sich im Wahlkampf vor allem dem geplanten EU-Beitritt seines Landes verschrieben. Ministerpräsidentin Kosor war denn auch gleich am Montag voll des Lobes für den neuen Präsidenten, obwohl er eigentlich aus dem anderen politischen Lager kommt. „Josipovic und meine Regierung werden Kroatien in die EU führen“, sagte die Politikerin in Zagreb.

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