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21.12.2013

16:48 Uhr

Kulturelles Minenfeld

Indiens Elite empört sich über die USA

Eine indische Vizekonsulin bringt ihre Haushälterin mit in die USA, bezahlt ihr deutlich weniger als den Mindestlohn. Sie wird festgenommen, wegen falscher Visaangaben. In Indien ist der Zorn auf die USA groß.

Vizegeneralkonsulin Devyani Khobragade: Die Stunden, die im US-Gewahrsam verbrachte, lösten einen Sturm der Entrüstung in Indien aus. Indische Medien nannten den Vorfall eine ungeheure Erniedrigung für das Land. ap

Vizegeneralkonsulin Devyani Khobragade: Die Stunden, die im US-Gewahrsam verbrachte, lösten einen Sturm der Entrüstung in Indien aus. Indische Medien nannten den Vorfall eine ungeheure Erniedrigung für das Land.

Neu DelhiFür die New Yorker Behörden sah es aus wie ein klarer, eher simpler Fall. Eine junge Diplomatin am indischen Generalkonsulat wurde beschuldigt, auf Visumanträgen falsche Angaben gemacht zu haben, um ihre Haushälterin in die USA mitbringen zu können - zu einem Stundenlohn von drei Dollar (2,20 Euro), deutlich unter dem US-Mindestlohn. Die Diplomatin wurde festgenommen und dann den üblichen Prozeduren unterzogen: Sie musste sich ausziehen und eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen. Nur kurze Zeit später kam sie gegen Kaution frei.

In Indien haben die Stunden, die Vizegeneralkonsulin Devyani Khobragade im US-Gewahrsam verbrachte, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Regierungsvertreter sprachen von einer internationalen Verschwörung, ein Offizieller verglich die Körperdurchsuchung mit Vergewaltigung, und auch die indischen Medien schäumten, nannten den Vorfall eine ungeheure Erniedrigung für das Land.

Chronologie zur tödlichen Vergewaltigung in Indien

16.12.2012

Eine 23 Jahre alte Physiotherapie-Studentin wird in einem privaten Bus in Neu Delhi von sechs Männern vergewaltigt. Die Täter schlagen die Frau und einen Freund, der sie begleitet, und misshandeln sie mit zwei Eisenstangen.

17.12.

Die Polizei nimmt vier Verdächtige fest, später noch zwei weitere. Das Opfer schwebt in Lebensgefahr.

18.12.

Demonstranten gehen in mehreren Städten auf die Straße und fordern die Todesstrafe für Vergewaltiger. Die Opposition fordert im Parlament schärfere Gesetze, um Vergewaltigungen zu stoppen.

22.12.

Nach kleineren Studentenprotesten gehen in Neu Delhi Tausende auf die Straße. Die Polizei setzt Schlagstöcke, Tränengas und Wasserwerfer gegen die Menge ein.

23.12.

Die Proteste schlagen in Gewalt um - laut Polizei, weil sich Krawallmacher unter die Protestierenden mischen. Es gibt mehr als 100 Verletzte auf beiden Seiten.

25.12.

Ein Polizist, der bei den Demonstrationen verletzt worden war, stirbt im Krankenhaus.

26.12.

Die indische Regierung ordnet eine Untersuchung des Falls an. Die Kommission soll mögliche Versäumnisse der Polizei und anderer staatlicher Stellen herausfinden. Sie soll auch Maßnahmen für mehr Schutz und Sicherheit von Frauen vorschlagen.

27.12.

Der Gesundheitszustand der 23-Jährigen verschlechtert sich rapide, sie erleidet Hirnschäden und wird nach Singapur in eine Klinik für Organtransplantationen ausgeflogen.

29.12.

Die junge Frau stirbt an Organversagen. Tausende demonstrieren erneut gegen sexuelle Gewalt und für mehr Frauenrechte.

30.12.

Die Leiche der vergewaltigten Inderin wird in Neu Delhi nach traditionellen Riten verbrannt. Zwischen Demonstranten und Polizei kommt es erneut zu Auseinandersetzungen.

3.1.2013

Die Justiz erhebt Anklage wegen Mordes, Vergewaltigung und Entführung gegen fünf Beschuldigte. Ihnen droht die Todesstrafe. Das Alter des sechsten Beschuldigten wird noch geprüft.

4.1.

Indiens Innenminister kündigt an, die Regierung werde Gewalt gegen Frauen künftig „mit eiserner Hand“ bekämpfen.

5.1.

In einem Interview erhebt der Begleiter des Opfers schwere Vorwürfe. Passanten hätten zunächst nicht geholfen, die Polizisten überdies wertvolle Zeit verschwendet. Die Polizei weist dies zurück.

9.1.

Der Anwalt eines Beschuldigten behauptet, sein Mandant sei von Polizisten misshandelt worden, um ein Geständnis zu erzwingen.

14.1.

Mit mehreren Anträgen versuchen die drei Anwälte der Angeklagten, den Prozessbeginn hinauszuzögern.

16.1.

Eines der neuen Schnellgerichte, die nach dem Tod der Studentin eingesetzt wurden, fällt sein erstes Urteil und verhängt die Todesstrafe. Ein Mann hatte ein Kind missbraucht und ermordet.

13.03.2014

Der Fall der 23-Jährigen wurde von einer Richterin im Januar 2013 an ein Schnellgericht in Neu Delhi übergeben, landesweit sollen 2000 neue Richter für solche Schnellgerichte eingestellt werden. Im September 2013 sprach das Schnellgericht bereits Todesurteile gegen die meisten der Angeklagten aus. Nun bestätigte ein normaler Gerichtshof in Neu Delhi die Entscheidung, welche die Verteidigung angefochten hatte.

Es gehe hier nicht um eine Einzelperson, sagte Außenminister Salman Khurshid am Mittwoch wütend im Parlament und gab damit die Gefühle vieler seiner Landsleute wieder. „Es geht um unser Selbstgefühl als Nation und um unseren Platz in der Welt.“

Tatsächlich haben die New Yorker Behörden mit ihrem Vorgehen unwissentlich ein kulturelles Minenfeld betreten - und dabei gleich eine Reihe von Minen losgetreten. Indien ist ein Land, in dem Beleidigungen tief empfunden werden und die Behandlung einer Hausangestellten zumeist als etwas angesehen wird, das die Behörden nichts angeht.

Was die Festnahme an sich betrifft: Nur die Machtlosen und Armen müssten in Indien so etwas befürchten, wenn sie auf Regierungsformularen lügen würden. Für Leute, die der gebildeten Elite angehören, wäre auch eine Leibesvisitation geradezu unvorstellbar.

„Es gibt hier eine Erwartungshaltung, nach der du von den Behörden mit einer gewissen Ehrerbietung behandelt wirst, wenn du Englisch auf eine bestimmte Weise sprichst“, sagt Mihir Sharma, ein Autor in Neu Delhi.

Die Empörung hat auch einen geschichtlichen Hintergrund. In Indien herrscht die Besorgnis, dass die USA im Grunde auf das Land herabblicken, es eher als eine arme Nation mit kläglicher Hygiene betrachten denn als die größte Demokratie der Welt und Atommacht.

Und wenn Neu Delhi und Washington auch im Laufe des vergangenen Jahrzehnts enge Verbündete geworden sind, ging doch eine weitaus längere Zeit des vom Kalten Krieg geprägten Misstrauens voraus. Indien hatte starke Verbindungen mit der damaligen Sowjetunion, die USA standen Pakistan nahe, und die US-Botschaft in Neu Delhi wurde als so etwas wie eine Einrichtung des Geheimdienstes CIA angesehen.

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