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16.12.2015

15:51 Uhr

Kurden gegen Ankara

Droht der Türkei ein Bürgerkrieg?

VonGerd Höhler

Der Kurdenkonflikt eskaliert von Tag zu Tag. In den türkischen Südostprovinzen kursieren Gerüchte über eine bevorstehende Offensive des türkischen Militärs gegen die PKK. Zehntausende Menschen sind auf der Flucht.

Cizre, die Kreisstadt am Ufer des Tigris, deren 133.000 Einwohner fast ausschließlich Kurden sind, gleicht in vielen Bezirken einer Geisterstadt.

Zerstört

Cizre, die Kreisstadt am Ufer des Tigris, deren 133.000 Einwohner fast ausschließlich Kurden sind, gleicht in vielen Bezirken einer Geisterstadt.

AthenMan kennt solche Bilder aus Syrien, Libyen und dem Irak: Zerschossene Fassaden, zerstörte und geplünderte Geschäfte, ausgebrannte Autowracks, Barrikaden auf den menschenleeren Straßen. Aber diese Bilder stammen nicht aus Kobane oder Aleppo sondern aus dem südosttürkischen Cizre. Die Kreisstadt am Ufer des Tigris, deren 133.000 Einwohner fast ausschließlich Kurden sind, gleicht in vielen Bezirken einer Geisterstadt. Die Kämpfe zwischen Rebellen der verbotenen kurdischen Guerillabewegung PKK und der türkischen Armee haben nicht nur ganze Stadtteile verwüstet. Sie treiben auch immer mehr Menschen in die Flucht.

Sie sind in ihren Autos unterwegs, vollgepackt bis aufs Dach, oder sie zwängen sich in die Überlandbusse. Wer keinen Platz mehr findet, geht zu Fuß. Sie wandern in langen Trecks über Landstraßen und Feldwege – Männer, Frauen, Kinder. Manche ziehen ihre Habseligkeiten in Rollkoffern hinter sich her, andere schleppen prall gefüllte Reisetaschen. Väter tragen ihre Kinder auf den Schultern. In Südostanatolien bahnt sich ein neues Flüchtlingsdrama an: Zehntausende Kurden fliehen aus Dörfern und kleineren Ortschaften in die Städte, aus Angst vor einer bevorstehenden Großoffensive des türkischen Militärs gegen die Rebellen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Die Organisationen der Kurden

PKK, YPG und Peschmerga

Der gewaltsame Konflikt der türkischen Regierung mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK dauert schon mehr als 30 Jahre. Dabei kamen bislang rund 40 000 Menschen ums Leben. Von 1984 an kämpfte die PKK mit Waffengewalt und Anschlägen für einen kurdischen Staat oder ein Autonomiegebiet im Südosten der Türkei.

PKK

Die Arbeiterpartei Kurdistans ist in der Türkei verboten und steht dort sowie in der EU und den USA auf der Terrorliste. Ihr Hauptquartier ist in den nordirakischen Kandil-Bergen. Von 1984 an kämpfte die PKK mit Waffengewalt und Anschlägen für einen kurdischen Staat oder ein Autonomiegebiet im Südosten der Türkei. PKK-Chef Abdullah Öcalan sitzt seit 1999 in Haft.
Inzwischen ist die PKK nach eigenen Angaben von der Maximalforderung eines unabhängigen Staates abgerückt. Die islamisch-konservative AKP-Regierung und die PKK bemühen sich um einen Friedensprozess. Im März 2013 erklärte die PKK eine Waffenruhe, die seit den türkischen Angriffen auf PKK-Stellungen im Nordirak praktisch beendet ist.

YPG

Die kurdischen Volksschutzeinheiten sind eng mit der PKK verbunden. Sie kämpfen im Norden Syriens und haben sich zu einem erbitterten Gegner des IS entwickelt. Zugleich sind die Kurden in Syrien der wichtigste Partner der von den USA geführten Koalition gegen die Extremisten. Mittlerweile kontrolliert die YPG die größten Teile der Grenze zur Türkei. Dort haben die syrischen Kurden in drei Kantonen Selbstverwaltungen errichtet. Andere Kurden werfen ihnen vor, sie würden die Macht monopolisieren. 

Peschmerga

Bei den Peschmerga handelt es sich um die militärischen Einheiten der irakischen Kurden. Sie waren in der Geschichte vor allem bekannt als Widerstandskämpfer in den Bergen, verwandeln sich aber seit dem IS-Vormarsch mehr und mehr in eine Armee der kurdischen Autonomiegebiete im Nordirak.

Die Organisationen untereinander

Die Peschmerga erhalten Waffen aus Deutschland und anderen Ländern. Bundeswehr und weitere Armeen bilden sie zudem aus. Das Verhältnis der Peschmerga zur PKK und zur YPG ist traditionell angespannt. Trotzdem unterstützten nordirakische Kurden die YPG-Kämpfer im Kampf um die nordsyrische Grenzstadt Kobane.

Seit die PKK im vergangenen Sommer nach einer mehr als zweijährigen Waffenruhe den bewaffneten Kampf wieder aufnahm und die Regierung den Friedensprozess für gescheitert erklärte, gibt es fast täglich Tote durch Anschläge der Kurdenguerilla und bei Feuergefechten der Rebellen mit der Armee. In vielen Bezirken der Südosttürkei haben die örtlichen Gouverneure Ausgangssperren verhängt, die teils schon seit Wochen in Kraft sind, so in den Ortschaften Cizre, Silopi, Sirnak, in Stadtteilen von Mardin und Nusaybin sowie in Sur, einem Innenstadtbezirk der Kurdenmetropole Diyarbakir. Hier wurde am 28. November der Vorsitzende der örtlichen Anwaltskammer und prominente Menschenrechtsanwalt Tahir Elci von unbekannten Attentätern auf einer Friedenskundgebung erschossen.

Ausschreitungen in der Türkei

Erneut heftige Zusammenstößen zwischen türkischer Polizei und Kurden

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Immer mehr Menschen versuchen, kurze Pausen in den Ausgangssperren zu nutzen, um in die größeren Städte oder in den Westen des Landes zu fliehen. In den Kurdenprovinzen kursieren seit Tagen Gerüchte über eine bevorstehende große Militäroperation. Viele Menschen fürchten: Das könnte der Funke sein, der einen Bürgerkrieg in Südostanatolien entfacht. Anfang dieser Woche landeten auf dem Flughafen von Sirnak mehrere Militärmaschinen, die Soldaten und Gerät brachten. Auf den Hügeln über Cizre und in der Umgebung der 45 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Sirnak an der Grenze zum Irak gingen gepanzerte Armeefahrzeuge in Stellung. Die Fluggesellschaft Turkish Airlines stornierte seit Dienstag alle Flüge nach Sirnak – „betriebsbedingt“, wie es offiziell heißt. Der Grenzübergang zum Irak am Fluss Habur wurde geschlossen. Am Montag hatte das Kabinett in Ankara über die Lage beraten und beschlossen, dass künftig neben der Polizei auch die Armee zur Durchsetzung der Ausgangssperren eingesetzt werden kann – ein weiterer Schritt in Richtung Kriegsrecht.

Kommentare (31)

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Account gelöscht!

16.12.2015, 16:01 Uhr

Bürgerkrieg in der Türkei....das wird eng für die Grün-Sozialistische Merkel Regierung....mal schauen, was auf uns Deutsche als Volk noch alles zukommt...Straßenschlachten in Deutschland zwischen Kurden und Türken....

Herr Gerd St

16.12.2015, 16:06 Uhr

Was soll denn das Gejammer, dass es nun einen Bürgerkrieg in der Türkei geben soll ? Die Ausgangssituation gibt es schon ewig und eskaliert sie eben.
Da hält sich mein Mitleid eher in Grenzen, denn die Türken haben doch ihren Kriegstreiber ganz bewusst gewählt oder etwa nicht ? Seit Jahren wird gejammert, wie gefährlich und undemokratisch die Führung ist und jedesmal wird eben diese Führung wiedergewählt.
Ohnehin hat man das Gefühl, dass die Türken versuchen, endlich mal auszuprobieren, ob sie wirklich militärisch so stark sind wie sie glauben.
Und wenn es in Europa knallt, dann liegt es sicher nicht an Russland sondern an der Eitelkeit der Türken.
Es wird übrigens auch nicht besser, wenn man von seiten aller EU Länder Herrn Erdogan Zucker in den Arsch bläst und ihn immer wieder Glauben macht, dass er der Grösste ist und ohne ihn nichts geht. Falsches Signal der Politik...

Leere Kasse

16.12.2015, 16:06 Uhr

Ob Frau Merkel wieder eine Einladung ausspricht ? Ich habe schon einige Aktien
von Konteiner Firmen aber bei den Zukunftsaussichten ist über einen Kredit
nachzudenken. Immerhin wären die Einnahmen Merkel-Gesichert.

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