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04.07.2014

16:21 Uhr

Kurden im Irak

Die Macht des Öls

VonAndrea Wörle

Die Kontrolle über die nordirakische Stadt Kirkuk wollen die Kurden auf keinen Fall wieder abgeben. Aus gutem Grund. Denn wer die Stadt regiert, hat die Macht über das Öl. Die wollen sie nutzen.

Wer die Macht über das Öl hat, kann noch viel mehr bestimmen. Nun kontrollieren die Kurden die Ölstadt Kirkuk. ap

Wer die Macht über das Öl hat, kann noch viel mehr bestimmen. Nun kontrollieren die Kurden die Ölstadt Kirkuk.

DüsseldorfSandwälle, Gräben, Straßensperren, in aller Eile errichtet. Barrieren rund um Kirkuk, im Norden Iraks, 250 Kilometer nördlich von Bagdad. Eine provisorische Grenze, wo in Zukunft eine wirkliche Grenze verlaufen soll. Wenigstens wenn es nach Massud Barsani geht. Denn das ist es, was Präsidenten der kurdischen Autonomieregierung im Norden des Landes, tatsächlich will: einen autonomen kurdischen Staat.

„Ein eigener Staat ist ein natürliches Recht der Kurden“, sagte Barsani in einem Interview mit der BBC. Und betont: Die Kontrolle über Kirkuk, die kurdische Peschmerga-Kämpfer im Juni besetzt hatten, würden sie nicht wieder abgeben. Kein Wunder. Denn Kirkuk könnte der Schlüssel für die Autonomie der Kurden sein. Die Stadt ist vor allem für eins bekannt: Öl. Und Öl bedeutet Macht.

Während die Lage im Irak immer undurchsichtiger wird, die Milizen der Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) weiter wüten und der Irak um eine neue Regierung ringt, profitieren die Kurden von Chaos im Land. „Der schnelle Feldzug der Terrorgruppe Isis ist dafür geeignet, die Position der Kurden weiter zu festigen“, sagt Henner Fürtig, Vizepräsident des German Institute for Global and Area Studies (Giga) Handelsblatt Online.

Die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten

Unterschiede in der Praxis

Für beide Glaubensgruppen ist der Koran das Wort Gottes. Die Unterschiede liegen in der theologischen Auslegung und der religiösen Praxis. Manche Differenzen sind marginal: So halten beispielsweise Schiiten ihre Hände beim Beten seitlich des Körpers, Sunniten hingegen kreuzen sie vor der Brust oder dem Bauch.

Verwandtschaft mit Mohammed

Entscheidender sind Fragen, die sich um die Interpretation der Lehre drehen. Die Schiiten argumentieren, dass nur ein Blutsverwandter auf Mohammed folgen kann und sehen daher in dessen Cousin und Schwiegersohn Ali und seinen Nachfahren die rechtmäßigen Erben des Propheten. Letztlich kommt der Begriff Schiiten von „Schiat Ali“ - Partei Alis. Die Sunniten hingegen bestehen nicht auf einer Blutsverwandtschaft. Sie ließen ihren Anführer nach Mohammeds Tod wählen und so huldigten sie in den Wirren des 7. Jahrhunderts zunächst den drei Kalifen Abu Bakr, Umar und Uthman, bevor Ali für einige Zeit die Macht errang. Die vier gelten nach sunnitischer Lehre als die vier Rechtgeleiteten Kalifen. Nach Alis Tod 661 errangen erneut die Sunniten die Oberhand und konnten ihre Macht für die folgenden Jahrhunderte in verschiedenen Herrscherdynastien festigen.

Die Rolle des Imam

Im Schiismus entwickelte sich daraufhin die Lehre der geistlichen Führerschaft des Imams, dem ein besonderes religiöses Wissen und Unfehlbarkeit zugesprochen werden, was die Sunniten ablehnen. Angefangen mit Ali gab es nach Mohammed zwölf Imame. Die meisten von ihnen wurden von Sunniten getötet und starben als Mätyrer. Der zwölfte indes starb nicht, sondern entschwand, um eines Tages als der Rechtgeleitete, der Messias, zurückzukehren und Gerechtigkeit zu üben.

Die Sunniten werfen den Schiiten vor, ein übersteigertes Bild von Ali zu pflegen und diesen auf eine Stufe mit Mohammed zu stellen. Genau betrachtet ist der Vorwurf falsch, denn die Schiiten sehen in Mohammed den letzten Propheten, was eine zentrale Lehre des Islams ist.

Vorwürfe

Die Sunniten werfen den Schiiten vor, ein übersteigertes Bild von Ali zu pflegen und diesen auf eine Stufe mit Mohammed zu stellen. Genau betrachtet ist der Vorwurf falsch, denn die Schiiten sehen in Mohammed den letzten Propheten, was eine zentrale Lehre des Islams ist.

Verbreitung

Heute wie damals sind die Sunniten in der Mehrheit. Schätzungen zufolge machen Sunniten zwischen 85 bis 90 Prozent der Muslime aus, Schiiten bis zu 15 Prozent. In Nahost leben und herrschen Schiiten vor allem im Iran, Irak und in Bahrain. Große Gemeinden gibt es zudem unter anderem in Syrien, Saudi-Arabien, Kuwait, im Libanon und Jemen.

Politische Auswirkungen

Die erbitterte Feindschaft von einst nährt noch heute Ressentiments und Streitigkeiten zwischen den Glaubensgemeinschaften. Selbst moderate Schiiten würden ihre Kinder wohl kaum nach den ersten drei Kalifen Abu Bakr, Umar und Uthman nennen. Politische Trennlinien in der arabischen Welt lassen sich entlang der Glaubenszugehörigkeit ablesen. Doch nur die überzeugtesten Hardliner setzen die theologischen Differenzen in Gewalt und Hass um, wie im Irak und Syrien, wo sunnitische Extremisten gegen schiitische Regierungen kämpfen.

Während die Terrormiliz weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht hat, scheint das Gebiet der Kurden im Norden ein Hort der Stabilität geblieben zu sein – zumindest den Umständen entsprechend. Die kurdische Peschmerga-Miliz hat nicht nur die Kurden-Gebiete gegenüber Isis verteidigen können, sondern die fundamentalistische Terrorgruppe sogar noch in anderen Gebieten zurückdrängen können. Wie eben aus der Stadt Kirkuk.

Jetzt wollen die Kurden die Erdölexporte aus den von ihnen kontrollierten Gebieten deutlich erhöhen – auch wenn sie damit einen Konflikt mit der Zentralregierung in Bagdad riskieren, die bislang die Ölgeschäfte eigenmächtig verwaltet hat. Die Ausfuhren könnten bis Ende 2015 verachtfacht werden, sagte der Rohstoffminister der im Nordirak gelegenen Autonomen Region Kurdistan, Aschti Haurami.

„Wir rechnen damit, dass wir eine Million Barrel pro Tag bis Ende nächsten Jahres exportieren können, einschließlich Rohöl aus Kirkuk“, sagte Haurami. Die kurdische Führung werde die Einnahmen mit der Zentralregierung in Bagdad teilen. „Wir wollen mit Bagdad auf Basis der Verfassung zusammenarbeiten, und sie werden ihren Anteil an den Ölexporten aus Kirkuk erhalten“, verspricht Haurami.

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