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17.11.2016

14:45 Uhr

Kurdenkonflikt

Türkische Regierung setzt weitere Bürgermeister ab

Erneut nehmen die Behörden in der Türkei gewählte Bürgermeister wegen Terrorvorwürfen fest und setzen staatliche Verwalter ein. Damit steht ein Großteil der kurdisch geführten Provinzhauptstädte unter Zwangsaufsicht.

Der türkische Staatspräsident entlässt weiterhin kurdische Bürgermeister. AP

Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Staatspräsident entlässt weiterhin kurdische Bürgermeister.

IstanbulDie türkische Regierung hat vier weitere kurdische Bürgermeister abgesetzt und bringt damit einen Großteil der kurdischen Provinzhauptstädte im Südosten des Landes unter ihre Kontrolle. In den Städten Van, Mardin, Siirt und Tunceli seien am Donnerstag von Ankara ernannte Zwangsverwalter eingesetzt worden, teilte das Innenministerium mit. Die Nachrichtenagentur DHA meldete, der Bürgermeister von Van sei mit zwölf weiteren Menschen wegen mutmaßlicher Verbindungen zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK festgenommen worden. Schon am Mittwoch waren die Bürgermeister von Siirt und Tunceli wegen Terrorvorwürfen in Gewahrsam genommen worden.

Die abgesetzten Bürgermeister gehören mit Ausnahme von Mardin der kurdischen Partei DBP, dem regionalen Ableger der im Parlament vertretenen pro-kurdischen HDP an. In Mardin ist der pro-kurdische Bürgermeister parteilos.

Die Kurden - ewiger Streit

Kurdengebiete

Das Kurdengebiet erstreckt sich vom Osten der Türkei über Syrien, bis in den Irak und Iran. Kurdische Nationalisten fordern seit jeher ein eigenes Staatsgebiet für die Kurden. Die Staaten in diesem Gebiet, allen voran die Türkei, lehnen das jedoch ab.

Tradition und Religion

Die Kurden sind eine Bevölkerungsgruppe mit einer eigenen Sprache, traditionellen Festen, Musik und Literatur und einer eigenen kurdischen Küche. Religiös sind die Kurden hingegen gespalten: Die Mehrheit der Kurden sind Sunniten. Daneben gibt es, wenn auch wenige, Schiiten, Jesiden, Christen und Juden.

Politik

In der Türkei, in Syrien und im Iran gründeten Kurden eigene Parteien, die jedoch zum Teil nur im Untergrund agieren können, da sie von den nationalen Regierungen unterdrückt werden. Die wohl bekannteste von ihnen ist die PKK in der Türkei. Nur die autonome Region Kurdistan, im Irak, hat ein eigenes Parlament und wählt ihren eigenen Präsidenten.

Türkei Konflikt

Der Konflikt zwischen der Türkei und der PKK gilt als der längste Konflikt zwischen Kurden und der türkischen Regierung. Die PKK fordert seit ihrer Gründung im Jahr 1978 einen unabhängigen Kurdenstaat. Diesen versucht sie, zum Teil auch gewaltsam, durchzusetzen. Die Türkei lehnt einen autonomen Kurdenstaat ab und ging ihrerseits immer wieder militärisch gegen die PKK vor. Die PKK wird von der der Türkei, von den USA und von der EU als terroristische Vereinigung eingestuft.

Sport

Die beliebteste Sportart in der autonomen Region Kurdistan ist Fußball. Vor zehn Jahren gründete sich der kurdische Fußballverband „Kurdistan Football Association“, in dem heute 24 Mannschaften spielen. Außerdem gibt es eine kurdische Fußballauswahl, die von der FIFA jedoch nicht anerkannt wird und deshalb nicht an den Weltmeisterschaften teilnehmen darf.

HDP-Sprecher Ayhan Bilgen sagte laut einer von der Partei verbreiteten Erklärung, mit der Entscheidung von Donnerstag stünden nun acht von elf kurdischen Provinzhauptstädten unter Zwangsverwaltung, darunter die Großstädte Diyarbakir, Van und Mardin. Insgesamt seien 34 Gemeindeverwaltungen der DBP unter staatlicher Aufsicht, 39 der Bürgermeister sitzen demnach in Untersuchungshaft. Die Partei besetzt ihre Posten in der Regel mit einer Doppelspitze.

In den vergangenen Wochen war die Regierung vermehrt gegen die pro-kurdische Opposition vorgegangen. Die HDP-Chefs Selahattin Demirtas und Figen Yüksekdag waren am 4. November wegen Terrorvorwürfen verhaftet worden. Acht weitere Abgeordnete der HDP sitzen ebenfalls in Untersuchungshaft.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnet die HDP als verlängerten Arm der PKK. Die HDP weist das entschieden von sich. HDP-Sprecher Bilgen betonte, dass seine Partei sich dafür einsetze, den Kurdenkonflikt mittels Dialog zu lösen.

Von

dpa

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